Können und wollen Staat und Schule ungleiche Startchancen kompensieren?
Die vierten Reckahner Bildungsgespräche über das Thema Familie
Mehr zu: Bildungschancen, Bildungsgerechtigkeit, Deutschland, Jugendhilfe und Sozialarbeit, Leistungsdruck, Migration, Schulbuch, Schulstruktur, Statistik, Kindergarten / Vorschule, Schule, Sonderthemen(redaktion) "Risikofaktor Familie – eine Aufforderung an Schule und Politik". Das Thema der vierten Reckahner Gespräche ergab sich beinahe zwangsläufig aus den Diskussionsrunden der vergangenen Jahre. Es machte eindrucksvoll deutlich, wie verstrickt die Politik- und Handlungsfelder Schule, Staat und Zivilgesellschaft sind und dass es bislang offensichtlich keine Patentrezepte für eine geglückte Familienpolitik und damit auch für ein gerechtes Bildungssystem gibt.
Jährlich im Frühsommer treffen sich seit nunmehr vier Jahren Wissenschaftler, Politiker und Journalisten bei den Reckahner Bildungsgesprächen, um im dortigen Schloss über Bildung in Deutschland zu reden. Veranstaltet werden die Bildungsgespräche vom Verband der Schulbuchverlage (VdS Bildungsmedien e.V.) in Kooperation mit den Universitäten Potsdam, Dresden und der Humboldt-Universität Berlin.
Nachdem man in den vorangegangenen Jahren über Bildungsstandards, Lehrerbildung und Bildungsarmut debattiert hatte, wollten sich die Teilnehmer in diesem Jahr dem Zusammenspiel von Familie, Schule und Politik widmen. Unumgänglich, dass bei diesem Thema eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Aspekte diskutiert wurde - angefangen vom Zusammenspiel von Elternhaus und Schule, über die Beziehung Schule und Wirtschaft bis zur Frage der Schulstruktur. Die Rolle und Verantwortung der Kommunen und der einzelnen Bürger wurde ebenso hinterfragt wie die Wirksamkeit von Infrastruktur- und Arbeitsmarktpolitik.
Dr. Heike Solga, Forschungsdirektorin am Wissenschaftszentrum Berlin, prangerte in ihrem Auftaktreferat die "Herkunftslotterie der Bildungschancen" an, weil im deutschen Bildungssystem wie in kaum einem anderen entwickelten Land der Welt die soziale Herkunft darüber entscheide, welche Bildungschancen Kinder in der Schule und in ihrem weiteren Lebensverlauf haben. "Diese Herkunfts-Lotterie wäre an sich in Bezug auf Bildung wenig problematisch, wenn unser Schulsystem ungleiche Startchancen und ungleiche familiale Unterstützungsstrukturen kompensieren würde. Tut es aber nicht", konstatierte sie. Und der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Ulrich Thöne, fragte weiter, ob diese Gesellschaft wirklich alle Kinder fördern wolle, oder nur einige wenige.
Solga stellte außerdem einen Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktpolitik und Bildungschancen für Kinder her. Was, wenn die Ressourcen anders verteilt würden und aus arbeitslosen Eltern berufstätige Eltern würden, wollte sie wissen. Eine so veränderte Familiensituation könne möglicherweise die Bildungschancen der Kinder anders beeinflussen als etwa Beratung und Elternbildung.
Das Thema Elternarbeit müsse in der Lehreausbildung intensiviert werden, forderte hingegen Prof. Dr. Reiner Lehberger von der Universität Hamburg und seine Kollegin von der Universität Dortmund, Prof. Dr. Lilian Fried beklagte, dass zwar seit Jahrzehnten über Elternarbeit diskutiert werde, sich aber die Vorstellung keineswegs durchgesetzt habe, dass Elternarbeit eine zentrale Bildungsaufgabe sei.
Pater Klaus Mertes, Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, wollte die Grenzen zwischen den verschiedenen Professionen nicht verwischt sehen und brach eine Lanze für die Leistungsfähigkeit des Systems Schule. Sein Leitsatz: "Lehrer sind keine Miteltern und Eltern sind keine Mitlehrer". Schule, so Mertes, habe nicht den Auftrag, Eltern zu erziehen. Der gegenwärtige Bildungsdiskurs, der den Lernerfolg geradezu schicksalhaft abhängig mache von sozialen Herkunftsverhältnissen wirke kontraproduktiv, behauptete er. "Schule kann viel mehr als unterstellt wird – auch ohne Eltern. Wir müssen aufpassen, dass wir den Diskurs nicht so führen, dass er dann performativ zurückschlägt auf die Schule selbst und die Eltern und die Schüler am Ende selbst glauben, dass Schule gar nichts ausrichten kann, so lange sie nicht in anderen sozialen Verhältnissen leben", so seine These.
Der Berliner Familienforscher Prof. Dr. Hans Bertram verwies auf andere Zusammenhänge und zitierte aus einer Zusatzuntersuchung zu den PISA-Ergebnissen über die schlechten Mathematikleistungen der 15-jährigen Schüler in Mecklenburg-Vorpommern.
In diesem Bundesland hätten Schüler extrem lange Schulwege, sie seien täglich zwei Stunden und mehr unterwegs - mit negativen Auswirkungen auf ihre Schulleistungen. "In einer Region, in der die Infrastruktur für Kinder nicht mehr aufrecht erhalten werden kann und Kinder immer größere Wege überwinden müssen, um zur Schule zu kommen, haben Eltern wenig Einfluss", beschrieb er die Situation und forderte dringend eine Antwort auf diese Infrastrukturprobleme. Große Städte, so Bertram weiter, sollten besonders viel in die Bildungssysteme problematischer Stadtteile, etwa solche mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund, investieren. Er sprach dabei von einem Wertausgleich.
Wie das funktionieren kann, erklärte die Hamburger Bildungssenatorin Christa Goetsch anhand der dortigen Bildungsreform. Künftig werde keine Klasse mit mehr als 25 Schülern gebildet, in Brennpunktregionen liege die Höchstgrenze sogar bei nur 20 Schülern pro Klasse. Dabei spiele auch die Schulstruktur eine massive Rolle, "deshalb haben wir sie geändert", ergänzte Peter Daschner vom Hamburger Landesinstitut für Schulentwicklung.
Von einer Kumulation von Risiken bei immer mehr Kindern warnte Prof. Dr. Günther Opp von der Universität Halle. Der Resilienzforscher nannte verschiedene Faktoren: Armut, wenig Bewegung, schlechte Ernährung, unkontrollierter Fernsehkonsum. Kinder, so Opp, bräuchten umso mehr Hilfe, je massiver diese Risiken seien. Und dafür müsse das Bildungssystem ausgestattet werden, Schule, so sein Plädoyer, müsse sich viel stärker als Lebensfeld verstehen.
Gleichzeitig verwies Opp auf eine andere Entwicklung, die er bei Kindern aus begüterten Familien mit bildungsinteressierten Eltern beobachte. Hier setze sehr früh eine Kalkulation zwischen "Bildungsinvestition und Outcome" ein. Es gehe ihm nicht darum, diese Eltern zu diffamieren, "deren Kinder bereits mit zwei Jahren Englisch lernen, aber es gibt unter diesen Kindern eine Gruppe, die sich zum Beginn der Vorpubertät aus den überfordernden Leistungserwartungen ihrer Eltern ausklinken". Auch diese Kinder sollten im Auge behalten werden.
Keine Familie sei allein in der Lage Kinder zu erziehen, zitierte Bertram schließlich den amerikanischen Soziologen James S. Coleman. Sie müsse in einen Kontext eingebettet sein und von Nachbarschaft, Verwandten und anderen unterstützt werden. "Wir tun so, als ob es die Dualität Staat und Familie gebe und vergessen immer, dass Erziehung auch Aufgabe des Kontextes ist. Wenn wir über die Stärkung der Familie nachdenken, müssen wir über die Stärkung des Kontexts nachdenken."
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