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Schlechte Noten für die Zusammenarbeit von Berufsschulen und Betrieben

Forscher befragen 1.600 Auszubildende

Mehr zu: Berufsberatung, Berufsbildungsgesetz, Berufsorientierung, Berufsschule, Bildungsverwaltung, Bremen, Forschung, Berufliche Bildung
10.07.2009 -

(redaktion/pm) Zwei Drittel der Auszubildenden sind mit ihrer Ausbildung sowohl in ihren Ausbildungsbetrieben als auch in ihrer Berufsschule zufrieden. Sie erteilen jedoch der Zusammenarbeit zwischen den beiden Lernorten schlechte bis sehr schlechten Noten. Dies ist ein Ergebnis einer Studie die von der Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung der Universität Bremen im Auftrag der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bremerhaven durchgeführt worden ist. Darin war das berufliche Engagement von rund 1.600 Auszubildenden aus über 40 Berufen untersucht worden.

Das wichtigste Ergebnis: Auszubildende, die sich mit ihrem Beruf identifizieren und über eine ausgeprägte berufliche Identität verfügen, sind in ihrer Ausbildung besonders engagiert.

Dies gilt unter zwei Voraussetzungen. Der jeweilige Ausbildungsberuf muss über ein hohes Identifikationspotenzial verfügen. Für etwa ein Drittel der untersuchten Berufe ist dies gegeben. Dazu gehören traditionelle Handwerksberufe wie Koch oder auch moderne Industrieberufe wie Mechatroniker. So genannte breitbandige Kernberufe wie zum Beispiel der Kraftfahrzeugmechatroniker fallen auch unter diese Rubrik. Überlagert wird das Identifizierungspotenzial durch die konkreten Ausbildungsbedingungen. Beim Automobilkaufmann etwa addieren sich beide Potenziale zu einem herausragenden Identitäts- Engagementprofil in Bremerhaven. Sowohl das berufliche als auch das betriebliche Engagement sind bei diesem Beruf außerordentlich hoch.

Gemessen wurde bei dieser Untersuchung auch, ob die Leistungsbereitschaft der Auszubildenden der Identifizierung mit dem Beruf oder mit dem Unternehmen entspringt. Dem Typus der beruflich orientierten Auszubildenden steht der Typus der betrieblich orientierten gegenüber. In der Tendenz sind Auszubildende in gewerblich-technischen Berufen eher beruflich und Auszubildenden in den kaufmännischen Berufen eher betrieblich orientiert. Ein dritter Typus von Auszubildenden verfügt weder über die eine noch die andere Form der Identität und Motivation. Bei diesen Auszubildenden gründet sich die eher schwache Leistungsbereitschaft auf sekundäre Motivation. Die nicht hinterfragte Bereitschaft, die ihnen übertragenen Aufgaben nach Anweisung auszuüben, prägt bei diesem Typus die Arbeitsmoral. "Diese Form der Motivation", so der Leiter der Studie Professor Felix Rauner, "passt nicht zu einem modernen Unternehmen, das dem internationalen Qualitätswettbewerb ausgesetzt ist. Hier ist Mitdenken, Zusammenhangsverständnis und Qualitätsbewusstsein gefordert. Und dies setzt ein hohes Maß der Identifizierung mit dem eigenen Beruf voraus".

Mangelnde Steuerung der dualen Berufsausbildung

Die Untersuchung zeigt auch, wie im Zusammenspiel zwischen Ausbildungsbetrieb und Berufsschule die Entwicklung beruflicher Identität und beruflichen Engagements gefördert oder behindert wird. Hier legt die Untersuchung eine gravierende Schwäche offen: Zwei Drittel der Auszubildenden sind zwar mit ihrer Ausbildung sowohl in ihren Ausbildungsbetrieben als auch in ihrer Berufsschule zufrieden. Sie erteilen jedoch der Zusammenarbeit zwischen den beiden Lernorten schlechte bis sehr schlechten Noten. Hier liegt, so die Autoren der Studie, weniger ein subjektives Versagen der Ausbilder und Lehrer vor, als vielmehr ein strukturelles Problem der Steuerung der dualen Berufsausbildung. Berufsschulen werden von den Bildungsverwaltungen nach Maßgabe der Bildungsgesetze gesteuert, während die betriebliche Berufsausbildung nach dem Berufsbildungsgesetz - ein Bundesgesetz - geregelt wird. Die Steuerung der betrieblichen Berufsausbildung liegt bei den Betrieben und ihren Kammern.

Eine Empfehlung, die aus den Forschungsergebnissen abgeleitet werden kann, sieht vor, diese Lücke zwischen zwei gesetzlichen Sphären durch die Einrichtung von Berufsfachkonferenzen zu überbrücken. Dann hätten Lehrer und Ausbilder der jeweiligen Berufe und Berufsgruppen die Möglichkeit, das Lernen an beiden Lernorten besser aufeinander abzustimmen. Michal Stark, Hauptgeschäftsführer der IHK Bremerhaven sieht in der Studie geradezu eine Fundgrube für Reforminitiativen in der Berufsausbildung. "Jetzt haben wir endlich Fakten, auf die wir uns in unseren Gremien und in der Zusammenarbeit mit unserem Partner, der Berufsschule, stützen können. Wenn es uns gelingt, das Ausbildungspotential, das in dieser Form der Berufsausbildung steckt, zu nutzen, dann ist dies von allergrößter Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen".

Möglichst keine Warteschleifen mehr

Aus der Studie ergibt sich für Bremerhaven ein mittleres Ausbildungsalter von 20,5 Jahren. "Dies sind", so der Bremer Berufsbildungsexperte Felix Rauner, "im Vergleich zu unseren Nachbarländern zwei bis drei Jahre zu viel". Hier fühlt sich der Auftraggeber der Studie in besonderer Weise herausgefordert, in den nächsten fünf Jahren das mittlere Ausbildungsalter um zwei Jahre abzusenken. Gelingt dies, dann gibt es nur Gewinner. Der nahtlose Übergang von der Schule in die Berufsausbildung komme vor allem den Jugendlichen zugute, die mit einiger Zuversicht als Schüler auf das Ende ihrer Schulzeit blicken könnten. Dass dies einen Motivationsschub auslösen würde, liege auf der Hand. Die sehr teuren und wenig effektiven Maßnahmen zur Versorgung von Jugendlichen, die erst einige Jahre nach ihrem Schulabschluss einen Ausbildungsplatz finden, könnten entfallen. Diese Ressourcen können, so die Studie, sehr viel effektiver in eine umfassendere, die Schulbildung begleitende Berufsorientierung und Berufsvorbereitung investiert werden.

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Rubbert, am 10.07.2009, 22:25

Das Ergebnis überrascht mich nicht; die Zusammenhänge sind interessant, besonders die der beurflichen Identität. Aber wie sieht es mit den Gesundheits- und KrankenpflegerInnen (Kinder und Erwachsene) aus? Sie unterliegen dem Krankenpflegegesetz, nicht dem BBiG und sind doch extrem gefordert, wenn nicht gar allein gelassen wegen der bekannt desolaten Pflegesituation. Wie ist es um ihre Motivation bestellt? Mich interessiert, ob die ForscherInnen ebenso diese Berufsgruppe untersuchten?


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