Duden-Schulbücher bei Cornelsen: "Nutznießer sind die Lehrer und Schüler"
Interview mit Dr. Alexander Bob, Geschäftsführer der Cornelsen Verlagsholding
Mehr zu: E-Learning, Interaktives Whiteboard, Interviews, Lernhilfen, Lernmittel, Nachschlagewerke, Schulbuch, Unterrichtsmaterial, Weiterbildung, Wikipedia, Sonderthemen, Schule(redaktion) Seit kurzem ist die Cornelsen-Holding Mehrheitseigner des Bibliographischen Instituts in Mannheim. Beim Pressegespräch über die Ausrichtung dieser Neuerwerbung konnte Cornelsen-Holding-Vorstand Dr. Alexander Bob ein aktuelles Highlight des Verlags vorstellen: den neuen Duden im Medienpaket, der morgen erscheint und "auf jeden Rechner gehört". Im Gespräch mit bildungsklick.de erklärt Bob, warum der Korrektor keine Online-Konkurrenz fürchten muss, welchen Einfluss die Übernahme des Dudenverlags auf den Schulbuchmarkt haben wird und für welche weiteren Verlagsbereiche sich die Cornelsen Gruppe interessiert.
Herr Dr. Bob, zunächst ein Blick zurück: Welches waren eigentlich die Beweggründe für die Cornelsen-Holding beim Kauf der Mehrheitsanteile des Bibliographischen Instituts?
Alexander Bob: Die Marke Duden und die damit verbundenen Potenziale sind natürlich für eine Mediengruppe, die im Schulbuchbereich ihren Schwerpunkt hat, ein Traum. Bislang sind die Potenziale im Schulbuchbereich unter der Marke Duden nur bruchstückhaft genutzt. Von dem Ausbau der Schulbuchpalette unter Duden profitieren die Lehrer, deren Auswahl sich vergrößert. Außerdem sehen wir große Synergien durch die vorhandene Infrastruktur, die es in der Cornelsengruppe gibt. Und durch Investitionen in diesen Bereich lässt sich aus Duden ein Vollanbieter im schulischen Bereich machen.
Größere Auswahl - effiziente Infrastruktur
Aber in beiden Häusern gibt es ja deutliche Schnittmengen, werden möglicherweise Verlagsbereiche zusammengelegt?
Alexander Bob: Die Schnittmengen sind aus Sicht der Lehrer keine. Lehrer schauen nach den Konzepten, die angeboten werden. Und je größer die Vielfalt des Angebots ist, desto positiver wird es von den Lehrern beurteilt. Sie schauen, wie sich zum Beispiel ein Deutschschulbuch von Duden Paetec, das im Herbst kommt, von einem Deutschbuch aus der Cornelsenschmiede unterscheidet. Und damit - so unsere Sicht - erreichen wir gemeinsam eine größere Abdeckung des Bedarfs der Lehrer im Markt als es einem Anbieter unter einer Marke allein möglich wäre. Nutznießer sind auf jeden Fall Lehrer und Schüler.
Und was bedeutet es für den Verlag selbst?
Alexander Bob: Es wird Konsequenzen auf der Vertriebsseite haben, zum Beispiel bei der Nutzung der Informationszentren. Wir wollen diese Zentren auch mit den Produkten aus dem Dudenbereich ausstatten. Perspektivisch sehen wir in den Informationszentren das Schulbuchprogramm der ganzen Gruppe im Angebot und davon profitiert Duden mit seinem Programm unmittelbar. Betroffen sind auch andere infrastrukturelle Bereiche, beispielsweise die Logistik, die dann in einem Paket das gesamte Schulbuchprogramm der ganzen Gruppe ausliefern kann.
Für alle Schulformen und alle Fächer
Die Duden Schulbücher waren bislang in den neuen Bundesländern recht erfolgreich, in den alten konnten sie noch nicht so richtig Fuß fassen. Haben Sie dafür jetzt Konzepte parat?
Alexander Bob: Bereits Duden Paetec hatte mit seinem Schulbuchprogramm die Devise "Go West" ausgegeben und ich bin überzeugt, mit der Cornelsengruppe ist jetzt noch mehr zu erreichen. Die Zielrichtung ist ganz klar: von Norddeutschland bis in den Süden in allen Schulformen und Fächern auch unter Duden vertreten zu sein.
Mit Wahrig und Duden haben Sie zwei Konkurrenzprodukte in der Verlagsgruppe – beide mit Ausrichtung Schule – wird das so bleiben?
Alexander Bob: Die Vertriebskooperation, die Cornelsen mit Wahrig hat, ist ja vertraglich geregelt und findet derzeit auch ihre Fortsetzung. Wie da langfristig die Perspektiven sein werden, müssen der Cornelsen Verlag und Wissen Media verhandeln.
Brockhaus hat ja lange gezögert mit der Anpassung seines Lexikons an die veränderten Gewohnheiten der Nutzer von Nachschlagewerken: Der Onlineauftritt kam dann zu spät. Können diese Mannheimer Erfahrungen nützlich sein, um sich zukünftigen Trends im Markt der Bildungsmedien erfolgreich zu stellen?
Alexander Bob: Zunächst einmal muss man sagen, dass es unbewiesen ist, ob Brockhaus zu spät online gegangen ist, weil er ja leider trotz Fertigstellung des Angebots gar nicht online gegangen ist. Es sind andere Entscheidungen, die dazu geführt haben, das Angebot, das vorhanden war, nicht zu veröffentlichen. Erst dann hätte die Nutzung durch Wissensdurstige über den Erfolg entschieden. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass wir den Markt natürlich beobachten und wir auf den Erfahrungen, die wir bei Brockhaus im Verhältnis zu Wikipedia und der Dynamik des Internets gesammelt haben, aufbauen: Mit welcher Geschwindigkeit entwickeln sich manche Dinge im Internet? Bei Brockhaus war das im Wettbewerb mit Wikipedia in der Tat so, dass vor allem die Dynamik beeindruckend war. Wie das Verhältnis gewesen wäre, wenn Brockhaus tatsächlich online gegangen wäre, ist aber offen. Für den schulischen Bereich hängt sehr viel von der Ausstattung der Schulen in den kommenden Jahren ab. Wenn die Interaktiven Whiteboards stärker zum Tragen kommen sollten, wird es sicherlich eine andere Dynamik und somit andere Anforderungen bringen. Mein Eindruck in den knapp zwei Jahren, in denen ich in der Cornelsen Gruppe tätig bin, ist, dass die Verantwortlichen sehr nah am Markt sind und sehr genau hinhören, wie sich der Unterstützungsbedarf bei den Lehrern entwickelt.
Wir können jede Plattform bedienen
Aber hat die Cornelsen Gruppe bei ihrer Größe nicht auch eine Verantwortung, Trends zu forcieren?
Alexander Bob: Wenn wir im Schulbuchbereich die Trends forcieren wollten, dann müsste dies gemeinsam mit den Kultusministerien geschehen. Weil es letztendlich auch um die Überführung der Geschäftsmodelle in die Neuzeit geht. Denn für die Bezahlung der Leistung der Verlage durch die Länder und Kommunen müsste man dann andere Berechnungsmöglichkeiten finden. Darin steckt sicherlich für die gesamte Branche und für die Länder ein gewisses Potenzial an Ersparnis und eine Option zur Verbesserung des Unterrichts.
Im Weiterbildungsbereich ist Cornelsen offensichtlich sehr innovativ und war als einer der ersten Verlage wieder ganz dicht am technologischen Fortschritt. Immerhin bieten Sie bereits Fremdsprachenkurse fürs iPhon bzw. den iPod touch an. Sie testen also die verschiedenen Plattformen für Ihre Inhalte?
Alexander Bob: Das technologische Know how des Cornelsen Verlags, aber auch beim Bibliographischen Institut ist sehr hoch und wir sind im Grunde in der Lage, jede Plattform zu bedienen und auch völlig neue Dinge zu entwickeln. Letztendlich aber müssen wir schauen, ob es dafür auch eine Nachfrage - und vor allem eine bezahlte Nachfrage - gibt. Das ist letztendlich das, wovon wir mit unseren Mitarbeitern leben: Bedarfe zu finden und befriedigen, für die auch bezahlt wird. Da starten wir an vielen Stellen Versuche, möglicherweise bedarf es aber auch noch weiterer technologischer Entwicklungen.
Von keinem freien Anbieter so ohne Weiteres zu leisten
Das Bibliographische Institut hat nun zur 25. Auflage des Dudens eine Sonderedition im Paket mit dem Duden Korrektor aufgelegt. Haben Sie – auch wieder nach den Erfahrungen mit Wikipedia – keine Sorge vor einer Konkurrenz im Netz, dass es dort ein für die Nutzer kostenfreies Nachschlag- und Korrekturangebot geben könnte?
Alexander Bob: Dieser Gedanke lässt mich wirklich kalt. Duden und Korrektur bieten Dinge, die aus unserer Sicht technologisch von keinem freien Anbieter so ohne Weiteres zu leisten sind. Das Problem insgesamt – das gilt nicht nur für den lexikalischen Bereich, sondern auch für den Zeitungsbereich - ist doch, dass die nackte Information sehr stark ihren Wert verloren hat. Das heißt, es geht um die Schaffung höherwertigerer Informationsdienstleistungen und Services und das genau bietet der Korrektor: Er präsentiert nicht nur die reine Information, etwa, dass man Rhythmus zweimal mit h schreibt, sondern er bietet die Möglichkeit, die Getrennt- und Zusammenschreibung zu prüfen, ganze Sätze zu korrigieren, Kommata richtig zu setzen, eine Stilprüfung und vieles mehr. Der Duden Korrektor ist also eine viel höherwertigere Ausprägung des Sprachwissens, das in der Dudenredaktion vorhanden ist, als die schlichte Information über die korrekte Schreibweise einzelner Wörter. Von daher sehen wir uns gut aufgestellt. Wir haben beispielsweise so viel Feedback aus den 42.000 Telefonanrufen, die jedes Jahr hier in Mannheim zum Thema Sprache eingehen, das wiederum in die Software und in die Buchprodukte einfließt, dass wir uns bei der Bewertung der Nutzerbedürfnisse einfach sehr weit vorne sehen. Wir sehen da keinerlei Ansätze für eine Substitution. Wenn Sie heute wissen wollen, wie ein einfaches Wort geschrieben wird, können Sie es in Google eingeben oder bei leo.org oder wo auch immer nachschauen. Aber Sie haben trotzdem nicht die Gewissheit, die Sie haben, wenn Sie im Duden nachschlagen. Außerdem: Der Vergleich mit dem Lexikon hinkt natürlich ein bisschen. Selbst für ein mittleres Lexikon mussten Sie damals noch 179 Euro bezahlen oder zweieinhalb tausend Euro für die Brockhaus Enzyklopädie. Hier reden wir von einem Produkt, das inklusive Softwarelösung 25 Euro kostet. Ich glaube, da ist die Gefahr der Substitution schon allein aus preislichen Gründen sehr viel niedriger. Außerdem können Sie den Korrektor auch offline benutzen. Sie brauchen keinen Laptop, der im Tunnel zwischen Mannheim und Stuttgart online ist.
Das starke Gelb funktioniert
Die Cornelsen-Gruppe hat mit diesem Zukauf ihre Position im Schulbuchmarkt weiter gefestigt, deckt aber noch immer nicht alle Schulbereiche ab, etwa die Berufsschule. Gibt es in diese Richtung Überlegungen?
Alexander Bob: Wenn es etwas zuzukaufen gäbe, würden wir das sicher sehr ernsthaft prüfen. Wir sind jetzt in einer Umsatzgrößenordnung, bei der wir auf jeden Fall immer die Kartellamtsfrage mitstellen müssen. Aber es wäre für uns auf jeden Fall sehr interessant. Wenn man nicht dazukaufen kann, bleibt eigentlich nur, sich darüber Gedanken zu machen, wie man diese Bereiche erschließen könnte. Der Cornelsen Verlag hat ja bereits im Bereich Englisch einen sehr guten Fuß in der Berufsschultür und da muss man schauen, was insgesamt möglich ist. Aber da sind wir dann im Bereich der Programmplanung.
Eine Frage zum Schluss: Mit seiner 20. Auflage ist der Duden gelb geworden, wann wird er rot?
Alexander Bob: Der Duden wird gelb bleiben. Der rote Streifen im Duden Logo muss als Reminiszenz für Cornelsen reichen. Dieses starke Gelb funktioniert einfach.
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