Schulstruktur: Stand und Debatte in den Ländern
Eine aktuelle Umfrage
Mehr zu: Berufsfachschule, Fachoberschule, Föderalismus, G8, Gemeinschaftsschule, Gesamtschule, Gymnasium, Hauptschule, Mittelschule, Oberschule, Realschule, Schulgesetz, Schulstruktur, Sekundarschule, Spaenle, Stadtteilschule, SchuleHamburg (dpa) – In fast allen westlichen Bundesländern ist Bewegung in die Schulstrukturdebatte gekommen. Bei den bereits vereinbarten Reformen in den nördlichen Ländern zeichnet sich ein Trend zu mehr Integration und zu zweigliedrigen Systemen bei Erhalt des Gymnasiums ab. In den südlichen Ländern wird eine engere Zusammenarbeit von Haupt- und Realschule diskutiert. In den neuen Ländern bestehen bereits zweigliedrige Schulsysteme. Eine Umfrage des dpa-Dossiers Kulturpolitik gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der Veränderungen und Debatten:
BADEN-WÜRTTEMBERG: Trotz langjähriger Debatten über eine Reform des dreigliedrigen Schulsystems hält die Landesregierung an Haupt-, Realschule und Gymnasium fest. Zögerlich hat Kultusminister Helmut Rau (CDU) für das kommende Schuljahr 20 Modellversuche zugelassen, bei denen Haupt- und Realschüler der Klassen fünf und sechs gemeinsam unterrichtet werden. Überraschend haben sich nur drei Standorte beworben. Zurückgeführt wird das auf die Weigerung der Realschulen, die sich durch diese Kooperation abgewertet fühlen. Um die Akzeptanz der Hauptschule zu steigern, hat Rau jetzt ein umstrittenes Konzept für eine neue Werkrealschule vorgelegt, das 2010/11 umgesetzt werden soll. Auf der sehr berufsorientierten Schule, deren Zehntklässler zeitweise Berufsfachschulen besuchen, kann nach neun Jahren ein Hauptschul-, nach zehn Jahren ein mittlerer Abschluss absolviert werden. GEW, Landeselternbeirat sowie Landtagsopposition lehnen das Konzept ab.
BAYERN: Vor dem Hintergrund sinkender Schülerzahlen plant Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), flächendeckend die Hauptschulen zu Mittelschulen weiterzuentwickeln. Sie müssen drei berufsorientierende Zweige Technik, Wirtschaft und Soziales sowie einen mittleren Bildungsabschluss auf dem Niveau von Wirtschafts- und Realschulen anbieten. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), Eltern und SPD lehnen die neue Mittelschule ab.
BERLIN: Der Senat aus SPD und Linke hat am 14. Juli die geplante Schulstrukturreform beschlossen. Danach werden zum Schuljahr 2010/11 Haupt-, Real- und Gesamtschulen abgeschafft. Grundschüler wechseln nach der 6. Klasse dann entweder auf das Gymnasium oder die neue Sekundarschule. Beide Schularten sollen alle Abschlüsse ermöglichen, einschließlich des Abiturs – das Gymnasium nach 12 Jahren, die Sekundarschule nach 12 oder 13 Jahren. Sekundarschulen sollen besser mit Personal ausgestattet werden, flächendeckend ganztags laufen und zusätzliche praxisorientierte Lernangebote bieten. Parallel läuft das Pilotprojekt Gemeinschaftsschule weiter. In 16 Schulen wird erprobt, Schüler vom 1. bis 10. Schuljahr zusammen zu unterrichten.
BRANDENBURG: Nach Abschluss der Schulstrukturreform besteht seit dem Schuljahr 2005/06 im Prinzip ein zweigliedriges Schulsystem. An die sechsjährige Grundschule schließen sich Gymnasium oder Oberschule an. Die Oberschule ist als Schulform – bedingt durch dramatisch sinkende Schülerzahlen – aus der Verschmelzung von Realschule und Gesamtschule ohne gymnasiale Oberstufe hervorgegangen. Dazu kommen heute noch vereinzelt Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe, die das Abitur nach 13 Jahren anbieten. Seit 2007 gilt ansonsten die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre.
BREMEN: Der Stadtstaat hat am 17. Juni ein zweigliedriges Schulsystem beschlossen und als erstes Bundesland das Recht auf gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern in ein Gesetz aufgenommen. In der Bürgerschaft stimmten die Regierungsparteien SPD und Grüne sowie die oppositionelle CDU für das Gesetz. Dagegen stimmten die Linke und die FDP. Im kleinsten Bundesland ist es künftig zudem möglich, die Schule mit dem Abitur nach 12 oder 13 Jahren abzuschließen. An dem Paket, das von 2010 an umgesetzt werden soll, wollen SPD, Grüne und CDU nach einem Bildungskonsens die kommenden Jahre nicht rütteln.
HAMBURG: Hamburg löst sein mehrgliedriges Schulsystem auf. Ab August 2010 gibt es nur noch sechsjährige Primarschulen, Stadtteilschulen und Gymnasien. Die Stadtteilschulen werden alle Abschlüsse inklusive des Abiturs nach 13 Jahren anbieten. Die Gymnasien sollen bereits nach 12 Jahren zur Hochschulreife führen. Das ist ein Kompromiss zwischen den Koalitionspartnern CDU und Grün-Alternativer Liste (GAL). Die CDU wollte ursprünglich die Gymnasien ab Klasse fünf beibehalten, die Grünen setzten auf ein gemeinsames Lernen bis zur neunten Klasse. Neben neuen Strukturen soll auch der Unterricht verbessert werden, das heißt unter anderem kleinere Klassen, individualisierter Unterricht, verbindliche Elterngespräche, kein Sitzenbleiben mehr. Außerdem sollen Lehrer in Teams arbeiten. Die Bürgerschaft muss der entsprechenden Schulgesetzänderung noch zustimmen.
HESSEN: Unter FDP-Kultusministerin Dorothea Henzler will Hessen das mehrgliedrige Schulsystem erhalten und fortentwickeln. Die Begründung: Es werde mit seiner Vielfalt den unterschiedlichen Begabungen, Talenten und Stärken der Schüler am besten gerecht. Dabei soll Schulen mit den Bildungsgängen Hauptschule und Realschule die innere Unterrichtsorganisation freigestellt werden. Die Koalitionspartner CDU und FDP haben im Koalitionsvertrag vereinbart, die Schulen sollten selbst entscheiden, ob sie gemeinsame oder getrennte fünfte Klassen bilden. An einigen Schulen gibt es bereits kombinierte Klassen. Es bleibt aber bei den getrennten Haupt- oder Realschulabschlüssen.
MECKLENBURG-VORPOMMERN: Das Land hat seit seiner Gründung 1990 das Schulsystem immer wieder umgebaut. Einzige Konstante waren bislang die sinkenden Schülerzahlen. 1993/94 besuchten über 298 000 Kinder und Jugendliche die allgemeinbildenden Schulen, jetzt sind es nur noch 128 000. Jahr für Jahr mussten Schulen geschlossen werden. Im Jahr 2006 kam das Ende des dreigliedrigen Schulsystems. Nach der vierjährigen Grundschule folgt seitdem eine zweijährige Orientierungsstufe an der Regionalschule. Wer das Abitur machen will, muss nach der sechsten Klasse auf ein Gymnasium oder eine Gesamtschule wechseln.
NIEDERSACHSEN: Die CDU/FDP-Landesregierung in Niedersachsen unter MP Christian Wulff (CDU) hält grundsätzlich am strengen dreigliedrigen Schulsystem fest. Erst in diesem Sommer dürfen nach sechs Jahren politisch verordneter Zwangspause wieder neue Gesamtschulen an den Start gehen. Die Eltern hatten jahrelang Druck gemacht, weil die Regierung Wulff das Modell Gesamtschule bislang abgelehnt hatte. Auch durch die Neugründungen kommen Haupt- und Realschulen weiter unter Druck und verlieren Schüler. Vor allem die Hauptschulen in den großen Städten leiden unter starkem Schülerrückgang, denn die Eltern können in Niedersachsen selber wählen, auf welche Schulform sie ihr Kind nach der Grundschule schicken. Um die Existenz dieser Schulformen zu sichern, wurden in den vergangenen Jahren an rund 200 Standorten Haupt- und Realschulen zusammengefasst – mit einer einheitlichen Leitung. So soll es kleinen Schulen ermöglicht werden, ihren Standort zu halten. Dort findet mit Ausnahme der Kernfächer Deutsch, Mathematik und Englisch gemeinsamer Unterricht in allen anderen Fächern statt.
NORDRHEIN-WESTFALEN: Im schwarz-gelb regierten NRW hält die CDU strikt am dreigliedrigen Schulsystem fest. Die Landesregierung versucht, mit viel Geld und zusätzlichen Lehrern die Hauptschule zu stabilisieren. Ländliche Gemeinden dürfen auf Antrag Haupt- und Realschulen unter einem Dach zur einer Verbundschule zusammenlegen. Es müssen aber getrennte Schulformen bleiben. Schulministerin Barbara Sommer (CDU) überlegt derzeit, dies auch für Großstädte zu erlauben. Die FDP zieht mit der Forderung nach einer regionalen Mittelschule in den Wahlkampf. Den Kommunen soll erlaubt werden, Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu dieser neuen Schulform zusammenzulegen. Die CDU ist dagegen. SPD und Grüne fordern eine gemeinsame Schule für alle Kinder und Jugendlichen bis zur 10. Klasse.
RHEINLAND-PFALZ: Das SPD-regierte Rheinland-Pfalz stellt sein traditionell dreigliedriges Schulsystem zum Beginn des Schuljahres 2009/10 auf ein zweigliedriges um. Die Hauptschulen werden angesichts ihres schwindenden Ansehens und sinkender Schülerzahlen mit den Realschulen zusammengeführt. Unter dem Dach der neuen "Realschulen plus" gibt es im fünften und sechsten Jahrgang eine Orientierungsstufe mit maximal 25 Schülern pro Klasse. Ein Teil der "Realschulen plus" soll auch mit der Anbindung an eine Fachoberschule den Weg zur Fachhochschulreife eröffnen. Zum neuen Schuljahr starten 122 "Realschulen plus", weitere folgen in den kommenden Jahren.
SAARLAND: Im Saarland wurden schon Mitte der 90er Jahre Hauptschule und Realschule zur Erweiterten Realschule zusammengelegt. Daneben gibt es Gesamtschulen und Gymnasien. Das Saarland hat als erstes westliches Bundesland das achtjährige Abitur an Gymnasien eingeführt, der erste Jahrgang hat in diesem Jahr sein Abitur abgelegt. Vom Schuljahr 2009/10 an gibt es landesweit flächendeckende Schulverbundsysteme, die einen geordneten Weg zum Abitur in neun Jahren ermöglichen sollen. Dabei arbeiten alle Erweiterten Realschulen und alle Gesamtschulen ohne eigenständige Oberstufe eng mit benachbarten Gymnasien oder Gesamtschulen mit Oberstufe zusammen.
SACHSEN: Das neue Bundesland sieht derzeit keinen Reformbedarf. "Wir stehen da, wo andere noch hinwollen", sagt Kultusminister Roland Wöller (CDU). Die Bildungsforscher würden als Modell der Zukunft ein zweigliedriges Schulsystem favorisieren, so wie es Sachsen von Anfang an gemacht habe. "Insofern besteht in Sachsen kein struktureller Handlungsbedarf." Dies sei für alle Akteure – Lehrer, Eltern und Schüler – ein großes Plus in Bezug auf Planungssicherheit. In Sachsen folgt nach der vierten Grundschulklasse die Mittelschule oder das Gymnasium. Die Mittelschule bietet nach der 9. Klasse den Hauptschul- und nach der 10. Klasse den Realschulabschluss an; von Klasse sieben an erhalten die Schüler differenzierten Unterricht.
SACHSEN-ANHALT: In dem dortigen zweigliedrigen System kommt nach der vierten Klasse das Gymnasium oder die Sekundarschule, an der mit der siebten Klasse die Aufteilung in Haupt- und Realschulklassen erfolgt. Seit zwei Jahren berät ein Bildungskonvent über mögliche Reformen des Bildungssystems. Strukturreformen gelten in dem Gremium als heißes Eisen, Vorschläge liegen noch nicht vor. Die SPD und Gewerkschaften plädieren für ein längeres gemeinsames Lernen, der Koalitionspartner CDU ist strikt dagegen. Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) warnte jüngst davor, das Thema zu sehr parteipolitisch zu überfrachten. Dem Konvent gehören zum Beispiel Wissenschaftler, Kirchenvertreter, Politiker und Praktiker aus den Schulen an.
SCHLESWIG-HOLSTEIN: Im Norden werden Haupt- und Realschulen bis zum Schuljahr 2010/11 von den neuen Schularten Gemeinschaftsschule und Regionalschule abgelöst. Die Gesamtschulen werden ab diesem Zeitpunkt Gemeinschaftsschulen. Das Gymnasium bleibt bestehen; es wächst seit dem Schuljahr 2008/09 zum G8 auf. An der Regionalschule kann der Hauptschulabschluss oder der Mittlere Abschluss erworben werden. In den Gemeinschaftsschulen lernen die Schüler gemeinsam bis zum 10. Jahrgang. Sie können unter einem Dach den Hauptschulabschluss, den Mittleren Abschluss oder, nach dem Übergang in die gymnasiale Oberstufe und insgesamt neunjähriger Schulzeit, das Abitur erreichen. An Gemeinschaftsschulen kann das Abitur wie bisher nach neun Jahren erlangt werden. Mit Beginn des Schuljahres 2009/10 wird es 94 Gemeinschaftsschulen und 55 Regionalschulen geben. Damit sind rund 2/3 der ursprünglichen Hauptschul- bzw. Realschulangebote umgewandelt.
THÜRINGEN: Auch mit Blick auf die Landtagswahl Ende August schwelt der Streit um ein längeres gemeinsames Lernen. Bereits seit Jahren machen sich SPD, Linke und Grüne für ein gemeinsames Lernen bis Klasse 8 stark. Sie sind gegen eine frühe "Aussortierung". Die CDU will weiter die 1990 vom Landtag beschlossene Regelung. Danach wird nach Klasse 4 in Gymnasium und Regelschule getrennt. Die Regelschule vereint in Thüringen Real- und Hauptschule mit verschiedenen Stufen gemeinsamen Lernens und der Förderung von begabten Schülern und Schülern mit Lernschwierigkeiten, die zum Beispiel in ihren praktischen Begabungen gefördert werden können.
(dpa-Dossier Kulturpolitik 30/20.07.2009)
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