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Letzte Änderung: 09.02.2010 11:02
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Abitur nach zwölf Jahren – noch immer umstrittenIst das 13. Schuljahr tatsächlich überflüssig?18.08.2009
(hpf). Im Jahr 2007 legte sich die Kultusministerkonferenz eindeutig fest: Ein deutsches Abitur darf 12 oder 13 Schuljahre dauern. Inzwischen setzen fast alle Bundesländer auf das sogenannte G8, die allgemeine Hochschulreife nach acht Gymnasial-Schuljahren. Alternativlos ist dieser Weg hingegen selbst in den G8-Vorreiter-Ländern nicht – und schon gar nicht unumstritten. Streng genommen sei das 13. Schuljahr überflüssig, meint Wilfried Bos, Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) an der Uni Dortmund: "Die TIMSS-Studie zeigt für Mathe und Naturwissenschaften: Deutsche Abiturienten beherrschen nach 13 Schuljahren nicht mehr als Absolventen in anderen Staaten nach 12 Jahren." Keine G8-MonokulturDieser Sichtweise haben sich die meisten Bundesländer angeschlossen, ein Abitur nach 12 Schuljahren ist inzwischen überall möglich. Allerdings: Im Bildungsföderalismus herrscht keineswegs G8-Monokultur. So hatte beispielsweise Bremen zum Schuljahr 2004/05 ein generelles G8 eingeführt. Im Juni 2009 ruderte die Bürgerschaft dann zurück. 12 Jahre bis zum Abitur – das gilt nur noch an Bremischen Gymnasien. Alternativ dazu bieten neu eingerichtete Oberschulen den Abschluss nun nach 13 Jahren. "Ein allgemeines G8 wird nicht allen Kindern und Jugendlichen gerecht", so Senatssprecherin Karla Götz. Die Entscheidung der Bremischen Bürgerschaft spiegelt einen Teil der Kritik am Abitur nach 12 Schuljahren wieder. Das Lager der G8-Skeptiker zweifelt vielstimmig, die Bedenkenliste ist lang. So befürchten der Deutsche Philologenverband (DPhV) und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), dass mit dem 13. Schuljahr wichtige Lehrinhalte wegfallen. DPhV-Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger: "Die Qualität des Abiturs könnte leiden, die Studierfähigkeit deutscher Gymnasiasten sinken." Eltern und ihre Kinder beklagen landauf, landab, das sogenannte Turbo-Abi erhöhe den Lerndruck dermaßen, dass etliche Schüler nicht standhalten – oder nur unter Einschränkungen, etwa dem Verzicht auf einen Großteil der Freizeit. Die meisten Bundesländer haben sich indes auf G8 festgelegt. Allerdings: Sie alle sehen auch Alternativen vor, sprich ein Abitur nach 13 Jahren. In Berlin, Brandenburg, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein führt dieser Weg über Gesamtschulen. Gymnasiale Oberstufen sind entweder von vornherein integriert oder knüpfen an einen Mittelstufenabschluss an. Auch in Hessen übernehmen Gesamtschulen diese Aufgabe – jedoch legen Schulen dort eigenverantwortlich fest, ob sie ein G9 oder ein G8 anbieten. G9 hoch im KursBaden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern folgen anderen Pfaden. Dort führen Berufs- oder Fachgymnasien zur allgemeinen Hochschulreife nach 13 Jahren. Die Bezeichnungen variieren von Land zu Land, im Kern haben die Angebote eines gemein: Sie nehmen Schüler in der Regel nach der Mittleren Reife auf und führen sie in drei Jahren zum Abitur, meist mit mehr oder weniger starkem Berufs- und Praxisbezug. Der Abschluss berechtigt bundesweit zum Unistudium. Zumindest bei Schülern und Eltern steht das G9 weiterhin hoch im Kurs. Hinter einer Schullaufbahn-Entscheidung zugunsten von G9 steht oft die Angst, der Leistungsdruck sei in acht Gymnasialjahren zu hoch. Zumindest teilweise nachvollziehbar, sagt Bildungsforscher Bos von der Uni Dortmund: "Unsere Studien zeigen zwar, dass beide Abitur-Systeme Schüler gleich stark belasten – allerdings nur, wenn Stundentafeln und Lehrpläne der verkürzten G8-Schulzeit angemessen sind." Oftmals hätte der Blick nach Thüringen und Sachsen gelohnt, sagt der IFS-Bildungsforscher. "Die Erfahrungen mit dem DDR-Schulsystem waren insgesamt zwar alles andere als gut", sagt Detlef Baer vom thüringischen Kultusministerium, "eines hatten die Erweiterten Oberschulen jedoch bewiesen: 12 Schuljahre genügen bis zur Hochschulzugangsberechtigung." In vielen Bereichen krempelten Thüringen und Sachsen ihre Schulsysteme gründlich um, mit den beibehaltenen 12 Jahren bis zum Abi fahren sie jedoch gut: Regelmäßig belegen die beiden Länder Spitzenpositionen in deutschen Vergleichsstudien. Über zu hohe Belastungen oder mangelnde Freizeit werde in Thüringen nicht geklagt, sagt Kultusministeriumssprecher Baer, die Stundentafeln nehmen Rücksicht auf das Alter der Schüler. Faktisch eine GanztagsschuleDass G8 funktionieren kann, dass es für einige Kinder und Jugendliche gar der angemessene Weg sein mag – daran zweifeln auch Kritiker nicht. Vielerorts sei das zwölfjährige Abitur jedoch schlecht gestrickt, meinen beispielsweise DPhV und GEW. Gerade in der Mittelstufe führe G8 in vielen Bundesländern faktisch zur Ganztagsschule, weil in diesen Jahrgängen die Zahl der Wochenstunden im Vergleich zum G9 besonders stark steige. DPhV-Vorsitzender Meidinger: "Diese Unterrichtszeiten entsprechen keineswegs der Leistungsfähigkeit der Kinder, oft bestehen keine altersgerechten Pausen- und Ernährungsangebote." Noch schwer wiegender: In einigen Bundesländern bedeuten G8 noch stärkere Ausgrenzung und Undurchlässigkeit. So sei ein Wechsel von einer Realschule an ein Gymnasium oft schwerer als im G9-System, sagt die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer. "Das sind keine Systemfehler, sondern handwerkliche Mängel", sagt Bos vom IFS, "im internationalen Vergleich gelingt es 99 Prozent aller Staaten, Schüler in zwölf Jahren zur Hochschulreife zu führen – warum sollte das in Deutschland also unmöglich sein?" KompaktIm europäischen Ausland die Regel, hierzulande mancherorts noch ein Ziel: 12 Jahre Schulzeit bis zum Abitur. Einige Bundesländer machen es vor: G8 kann funktionieren – nicht zuletzt dann, wenn das Schulsystem auch Alternativen auf dem Weg zur Hochschulreife bietet. Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
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