Cem Özdemir erkundete mit ihnen die Welt, für Patrick Meinhardt öffneten sie den Weg zu Dietrich Bonhoeffer, Henry Tesch entdeckte mit ihnen Schiller und Goethe, Nele Hirsch ihre Begeisterung für die Politik und Andrea Nahles kann noch heute die Kinderreime ihrer Lieblingsschulbuchautorin rezitieren. Für Perspektive: Bildung haben sich die Bildungsexperten der Parteien an ihre ersten und liebsten Schulbücher erinnert.
Zwei Fragen hat Perspektive: Bildung den Politikern gestellt: "Welche Erinnerung haben Sie an Ihr erstes Schulbuch?" und "Welche Erinnerung haben Sie an Ihr liebstes Schulbuch?" Die Antworten zeigen: Bei den Erinnerungen an die eigene Schulzeit spielen die Schulbücher eine wichtige Rolle.
Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mecklenburg-Vorpommern und Präsident der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK):
Herr Tesch, welche Erinnerung haben Sie an Ihr erstes Schulbuch?
Mein erstes Schulbuch, das ich zur Einschulung 1969 bekam und mit dem ich das ABC gelernt habe, ist "Unsere Fibel". Es war das Lesebuch der ersten Klasse. Es kam einheitlich von Kap Arkona bis zum Fichtelberg zum Einsatz. Auf dem Umschlag unserer Fibel waren ein Junge, der ein A in der Hand hält und ein Mädchen mit dem M zu sehen. Das Alphabet wurde uns mit der Fibel beigebracht und zwar in Schreibschrift, so wie man die Buchstaben schreibt. Jeder einzelne Buchstabe war darin mit Pfeilen für die Richtung, wie der Buchstabe jeweils zu schreiben ist, enthalten. Daran kann ich mich noch heute genau erinnern.
Und welche Erinnerung haben Sie an Ihr liebstes Schulbuch?
Während der Schulzeit waren die Physikbücher und "Unser Lesebuch" für das Fach Deutsch meine liebsten Bücher. Ich wollte lange Zeit Physiker werden, weil mich die Naturwissenschaften mit ihren klaren Gesetzmäßigkeiten immer schon fasziniert haben und ich habe heute noch immer großes Interesse an den naturwissenschaftlichen Dingen, die mir täglich begegnen. Später entdeckte ich aber auch die Liebe zur deutschen Sprache. Gedichte und Rezitationen machten mir immer Spaß. Die Schriftsteller aller Zeitepochen haben es mir sehr angetan. So kam ich über das Schulbuch "Unser Lesebuch – Klasse 7" zu Goethe – "Der Zauberlehrling" und Schiller – "Der Handschuh". Später waren es dann auch moderne Schriftsteller, wie Hans Fallada, der ja lange Zeit in meinem Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, in Carwitz bei Feldberg, gelebt hat. Sein Werk hat mich lange Zeit intensiv beschäftigt. Heute habe ich sogar einen dienstlichen Bezug dazu – regelmäßig besuche ich als Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur das Hans-Fallada-Museum in Carwitz.
Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion für Bildung
Herr Meinhardt, welche Erinnerungen haben Sie an Ihr erstes Schulbuch?
An mein erstes Schulbuch kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Aber in den ersten Stunden haben wir Bilder von Peter Pan angeschaut - ein Junge, der mich beeindruckt hat, nicht so sehr, weil er fliegen kann, sondern vielmehr weil ihm sein Leben Freude macht, er einen klaren Willen hat und er anderen Segen sein kann.
Und welche Erinnerungen haben Sie an Ihr liebstes Schulbuch?
Eine Biographie von Dietrich Bonhoeffer für den Religionsunterricht. Ich habe dabei eine wirklich außergewöhnliche und doch bescheidene Persönlichkeit voller Demut kennengelernt, die für mich zu einem Vorbild geworden ist. Gerade sein Text "Von guten Mächten wunderbar geborgen" begleitet mich bis heute.
Bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Deutschen Bundestag
Frau Hirsch, welche Erinnerung haben Sie an Ihr erstes Schulbuch?
Mein erstes Schulbuch war meine Leselernfibel in der ersten Klasse. Lesen gelernt habe ich mit den beiden Hauptpersonen dieses Buches, den beiden Kindern Ali und Ina. An einen der ersten "richtigen" Texte in dem Buch erinnere ich mich noch gut, weil ich sehr stolz war, endlich selber lesen
zu können. Er begann so: "Ali malt Ina. Ina malt Ali."
Und welche Erinnerung haben Sie an Ihr liebstes Schulbuch?
Mein liebstes Schulbuch war mein Gemeinschaftskundebuch in der Oberstufe - was aber wohl hauptsächlich an dem damit verbundenen Unterricht lag. Denn hier war endlich Raum, um über aktuelle politische Themen zu diskutieren und auch grundsätzliche Fragen, wie die Gesellschaft gestaltet sein soll, zu thematisieren.
Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen
Herr Özdemir, welche Erinnerung haben Sie an Ihr erstes Schulbuch?
Keine konkrete, da war ich ja auch noch ziemlich jung. Ich weiß aber noch gut, dass ich immer das falsche dabei hatte und deshalb dazu übergegangen bin, immer alle einzupacken. Mein Ranzen war entsprechend gut gefüllt.
Und welche Erinnerung haben Sie an Ihr liebstes Schulbuch?
Am liebsten mochte ich meine Schulbücher in Erdkunde und Geschichte. Heute wären die ziemlich überholt, aber damals haben sie mir einen Eindruck vermittelt, was alles Spannendes außerhalb meiner eigenen Wahrnehmung passiert.
Arbeits- und sozialpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und zuständig für Bildung im Wahlkampfteam ihrer Partei
Frau Nahles, welche Erinnerung haben Sie an Ihr erstes Schulbuch?
An mein erstes Schulbuch mit dem Titel "Wunderwelt" kann ich mich sehr gut erinnern. Im letzten Sommer traf ich meine damalige Grundschullehrerin Frau Theisen wieder und kaufte ihr ein Exemplar dieses Buches für 50 Cent ab. So wurde ein Stück Kindheit in mir wieder wach. Und das erstaunliche war, dass ich mich wirklich an jedes Bild und jeden Text erinnern konnte. So prägend ist der Eindruck des ersten Schulbuches. Und dementsprechend wichtig ist die verantwortungsvolle Arbeit der Schulbuchverlage.
Und welche Erinnerung haben Sie an Ihr liebstes Schulbuch?
Ich habe kein liebstes Schulbuch in Erinnerung, aber eine Lieblingsschulbuchautorin! Die Kinderreime von Ursula Wölfel fand ich schon als Kind so toll, dass ich sie bis heute behalten habe. So kann ich mein erstes Gedicht "Die Wolke" immer noch auswendig vortragen.
In diesen Tagen bekommen rund 750 000 Kinder ihr erstes Schulbuch, das sie gewiss stolz in ihren Ranzen packen werden. Gut möglich, dass sie später einmal Ähnliches berichten können wie die Politiker.
Schulbücher sind in der Tat besondere Produkte: Sie entstehen im Spannungsfeld von Bildungspolitik und Schulpraxis – also unter völlig anderen Bedingungen als Romane oder Sachbücher. Ein Schulbuch kann durchaus von mehr als 70 Fachleuten erarbeitet werden. Das sind hauptberufliche und freiberufliche Autoren, Verlagsredakteure, der oder die Herausgeber, Gutachter und Berater für die Regionalausgaben sowie Grafiker und Illustratoren.
Schulbuchproduktion ist außerdem an Rahmenbedingungen gebunden: Welche Themen und Lernziele ein Schulbuch hat, bestimmen die von den Kultusministerien der Bundesländer festgelegten Lehrpläne. Sie sind unumstößlicher Maßstab für die Redaktionen und Autoren. Bei 16 Bundesländern, zahlreichen Fächern, verschiedenen – teilweise bundeslandspezifischen – Schularten von der Grundschule bis zum Gymnasium und später hin zur Berufsschule kommen in Deutschland mittlerweile mehr als 2000 Lehrpläne zusammen.
Von der ersten Idee bis zum Erscheinen des Titels kann sich die Entwicklung eines Schulbuches über drei Jahre hinziehen. Allerdings können Schulbücher in der Regel auch dann noch nicht ohne Weiteres veröffentlicht werden: Sie müssen im sogenannten Einreich- oder Genehmigungsverfahren von den Kultusministerien oder einer gesonderten Behörde geprüft werden. Jedes Bundesland legt für sich fest, ob und für welche Fächer das gilt.
Und Schulbücher müssen noch ein weiteres Kriterium erfüllen: Sie müssen robust sein. Ein Deutschbuch beispielsweise hat eine Nutzungsdauer von circa 2.000 Stunden – bei vier bis fünf Wochenstunden und einer Ausleihdauer von bis zu zehn Jahren. Zum Vergleich: Einen Roman liest man etwa 20 Stunden lang. Schulbücher erfordern deswegen eine besondere Bindetechnik wie Fadenheftung und stärkeres oder beschichtetes Papier.
Von den rund 80 Schulbuchverlagen in Deutschland werden jährlich etwa 4.000 neue Titel veröffentlicht. Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit circa 45.000 Titel. Die Branche hat etwa 3.000 Mitarbeiter. An sie sind rund 30.000 Autoren gebunden. Die öffentlichen Schulbuchausgaben sind seit 1991 stetig reduziert worden: 2006 haben Länder und Kommunen für Lernbücher und -software nur noch knapp 20 Euro pro Schüler aufgewendet; 15 Jahren zuvor waren es noch 34,30 Euro: ein Minus von 40 Prozent. Bundesweit fielen die staatlichen Ausgaben von ca. 400 Mio. Euro in 1991 auf rund 220 Mio. Euro in 2006. Auch im vergangenen Jahr sank der Umsatz mit Schulbüchern und Bildungssoftware in den allgemein und berufsbildenden Schulen um 4 - 5 Prozent.
Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulbücher?
Die schönsten Leserbeiträge werden auf Perspektive: Bildung veröffentlicht.
Unter allen Einsendern werden drei Exemplare "Putzger – Atlas und Chronik zur Weltgeschichte" und fünf Exemplare "Echtermeyer: Deutsche Gedichte - Von den Anfängen bis zur Gegenwart" verlost.