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Einführung eines Faches "Medienbildung" ist wünschenswert

Computer-Basiskompetenzen schon in der Grundschule gefordert

Mehr zu: Bildungschancen, E-Learning, Heterogenität, Informatik, Interviews, Kulturelle Bildung, Lehrerbildung, Medienkompetenz, Montessori, Zusatzqualifikation, Schule
27.08.2009 -

Die neuen Kernlehrpläne vieler Bundesländer fordern Computer-Basiskompetenzen schon in der Grundschule. Das stößt bei Eltern nicht immer auf Begeisterung und mancher Lehrer ist damit überfordert. Ist also das Scheitern dieser Pläne programmiert?
Elmar Fischer, Herausgeber der Bücher "Mein Computerheft" für die Klassen 1/2 und 3/4, ist Schulleiter in Köln und macht seit vielen Jahren Projekte mit Neuen Medien mit seinen Schülern. Viele davon wurden ausgezeichnet. Fischer hat 20 Jahre an einer Montessori-Grundschule unterrichtet. Für den HERDT-Verlag sprach Hannelore Ohle-Nieschmidt mit dem Pädagogen.

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Frage HERDT-Verlag: Die Montessori-Pädagogik geht von den Bedürfnissen des Kindes aus. Was sagt der Montessoripädagoge Elmar Fischer – hat ein Grundschulkind ein intrinsisches Bedürfnis, mit dem Computer zu arbeiten?

Elmar Fischer: Ich weiß nicht, ob ein Kind ein intrinsisches Bedürfnis hat, mit dem Computer zu arbeiten.
Aber ich weiß, dass der Umgang mit dem Computer eine Kulturtechnik geworden ist, denn ohne den grundlegenden Umgang mit dem Computer zu beherrschen, ist sicherlich lebenslanges Lernen nur eingeschränkt zu praktizieren. Wenn man sieht, wie schnell sich das Weltwissen vermehrt und verdoppelt im Vergleich zu den Zeiten, als Bismarck unser Schulsystem eingeführt hat, wird klar, dass ohne die Nutzung des Computers und der dadurch gegebenen schnellen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten ein Mithalten und eine Nutzung dieser Informationen kaum mehr möglich ist.
Hinzu kommt, dass insbesondere auch Kinder in ihrer Welt von Technik umgeben sind. Es gibt viele Kinderzimmer, in denen steht schon bei Grundschulkindern ein eigener Fernseher inklusive eines DVD-Rekorders, eine Playstation oder eine ähnliche Spielekonsole und in der Regel auch ein Computer.

Welchen Vorteil hat es, wenn schon Grundschulkinder mit dem Computer arbeiten? Was lernen sie, was sie ohne Computer nicht lernen?

Der Vorteil liegt darin, dass man ein Gerät benutzt, das in der Welt der Kinder vorhanden ist, mit dem Kinder ständig umgehen und von dem ein großer Reiz ausgeht. Kinder werden - wie in anderen Lernbereichen auch - an eine Technik herangeführt, die sie das ganze Leben als Werkzeug nutzen müssen, auch dann, wenn sich die Computer bis dahin sehr verändert haben mögen.
Sie lernen nichts, was sie nicht auch ohne Computer lernen würden. Allerdings kann man einige Dinge am und mit dem Computer leichter umsetzen. Denken Sie nur an den Bereich Übung. Wenn Erwachsene mit einem Kind üben, wird nicht nur der zu übende Stoff geübt, sondern gleichzeitig auch kommuniziert. Das ist die hochgezogene Augenbraue nach dem fünften Fehlversuch des Kindes und die langsam ungeduldig werdende Stimmlage. Ein Computer macht dies vollkommen emotionslos so lange, bis das Kind es verstanden hat.
Um an dieser Stelle gleich Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin nicht der Meinung, dass der Computer der alleinige Übungspartner des Kindes sein soll. Aber er kann das Kind unterstützen.

Welche Nachteile gibt es? Warum reicht es nicht aus, wenn Kinder im Alter von zehn, elf Jahren mit dem Computer in Berührung kommen, dann, wenn sie lesen, schreiben, rechnen und wenigstens einigermaßen Kontexte erfassen können?

Gegenfrage: Warum reicht es nicht aus, dass Kinder erst in einem Alter von zehn, elf Jahren in die Schule gehen?
Nachteile sehe ich keine, denn die Kinder haben zu Hause Rechner, die sie nutzen. Es fehlen ihnen in der Regel Kompetenzen, um den Computer als Werkzeug zu nutzen und das kann man nicht früh genug lernen.

Welche Lerninhalte schreiben die Kernlehrpläne der Länder eigentlich für die Klassen 1/2 und 3/4 vor? Und welche Kompetenzen genau sollen damit erworben werden?

Zumindest in NRW ist es so, dass ab der Schuleingangsphase Basiskompetenzen im Medienbereich vermittelt werden sollen. Dies ist natürlich ein weiter Weg bis zum Ende des 4. Schuljahres und sicherlich in Teilen auch ein individueller Weg. So lernen die Kinder in der Grundschule nicht nur, den Computer als Übungspartner zu nutzen und Texte zu erfassen, sondern auch, diese Texte mit verschiedenen Programmen zu Präsentationen zusammenzufassen und benötigte Inhalte, wie zum Beispiel Bilder, selbst zu erstellen oder zu verändern.
Gleichzeitig wird ein Bewusstsein für die Rechte anderer und damit auch eigener Rechte vermittelt, die geistiges Eigentum und Rechte anderer achten. Dies heißt im Rückschluss natürlich auch, dass die eigenen Rechte den Kindern bekannt sind. Man wird sicherlich keinen Schüler im 1. Schuljahr mit einer Internetrecherche beauftragen, denn hier fehlen natürlich die Lesefertigkeiten.

Montessori-Pädagogen benutzen Arbeitsmaterialien, die die geistige Entwicklung über manuelle Tätigkeiten und Erfahrungen mit den Sinnen ermöglichten. Wie vereinbart sich die frühe Arbeit am Computer Ihrer Meinung nach mit diesem Prinzip?

Hervorragend, denn ich muss die Grundgedanken, die Montessoriprinzipien und das Material nicht vernachlässigen. Die Arbeit am Computer ergänzt die manuellen Tätigkeiten und die Erfahrungen mit den Sinnen. Warum soll man sich nicht einfach eine Animation anschauen, die komplexe Vorgänge erklärt und sichtbar macht oder eine solche selbst erstellen? Solch eine Animation haben Schüler meiner ehemaligen Klasse selbst erstellt, um zu verdeutlichen, wie die Fledermaus Insekten fängt. Anzusehen ist das auf den Seiten von www.monte-kids.net (mit Internet-Explorer öffnen - Anm. d. Red.)

Viele Kinder leiden jetzt schon an Bewegungsmangel. Ist es richtig, so früh ein weiteres Fach einzuführen, das hohe Konzentration und Stillsitzen erfordert?

Es handelt sich hierbei - zumindest in NRW - nicht um ein eigenständiges Fach, durch das zusätzliche Still-Sitz-Stunden anfallen würden. Die Einführung in die Computernutzung findet im Rahmen des normalen Unterrichts statt.
Der Problematik des Bewegungsmangels muss man sicherlich auf anderem Wege zu Leibe rücken. Hierzu gibt es viele Ansätze.

Viele Grundschulen sind mit nur einem Computer pro Raum ausgestattet. Wie soll da Computerunterricht aussehen? Und wie geht man in solch einer Situation mit den unterschiedlichen Lernfortschritten der Kinder um?

Die Ausstattung kann ein Problem sein, muss es aber nicht. Sicherlich ist ein Computer bei einer Klassenstärke von 25 Kindern zu wenig, aber ich kenne kaum eine Schule, die nicht mehr als eine Medienecke (einen Computer) im Klassenraum zur Verfügung hat. Aufgrund der heterogenen Zusammensetzung der heutigen Klassen müssen immer mehr offene Lernformen angeboten werden. Es müssen sicherlich nicht alle Kinder gleichzeitig am Computer arbeiten, das entspannt die Lage etwas. Regeln, die man direkt zu Beginn aufstellen sollte, erleichtern die Arbeit. So kann eine Sanduhr die zeitliche Nutzung eines Computers beschränken, aber auch hier bestätigen Ausnahmen die Regel. Die gemeinsame Arbeit von zwei Kindern an einem Computer sorgt für Hilfen vor und mit dem Computer und ermöglicht durch diese Sozialform gleichzeitig die Kommunikation untereinander.
Schwieriger wird es, wenn zum Beispiel ein neues Thema ansteht und einer größeren Gruppe dieses mit einer Einführung näher gebracht werden soll. Da reichen die zur Verfügung stehenden Computer in der Regel nicht aus oder sie sind nicht einfach in einen Raum zu transportieren. Abhilfe würden hier Laptops und Funknetze schaffen, denn dann können problemlos auch Arbeitsgruppen / Computer-AGs gebildet werden.

Stellen Sie fest, dass die Herangehensweise von Jungen und Mädchen unterschiedlich ist?

Zumindest wenn man beide gemeinsam an den Computer lässt, sind die Jungen dominant. Die schieben die Mädchen einfach beiseite mit der Bemerkung: "Ich kann das", so dass die kaum noch die Chance haben, sich dagegen durchzusetzen. Sitzen zwei Mädchen zusammen vor dem Rechner, merkt man, dass das schon Auswirkungen hat. Sie gehen verhalten oder gar ängstlich heran anstatt, wie Jungen, einfach einmal etwas auszuprobieren. Deshalb setze ich gern Mädchen allein oder zu zweit an den Rechner und weise Jungen währenddessen ab. Ich bin nicht der Meinung, dass Mädchen weniger Interesse haben oder weniger leistungsfähig sind als Jungen.

Ein Kern der Montessori-Pädagogik ist die Freiarbeit. Die Kinder wählen selbst, womit sie sich beschäftigen. Der Computer übt ja nicht nur auf Kinder eine große Faszination aus. Was tun Lehrer, damit nicht alle nur noch am Rechner sitzen – sofern genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stehen?

Erfahrungsgemäß normalisiert sich der Run auf die Computer nach einiger Zeit selbsttätig. Es ist wie bei allen neuen Dingen, sie werden begehrt und am Anfang intensiver genutzt, als es eigentlich nötig ist. Das verliert sich allerdings mit größerer Medienkompetenz. Gerade zu Beginn sind aber die oben erwähnten Regeln organisatorisch sehr hilfreich.

Wie beurteilen Sie die steigenden Anforderungen an Grundschullehrer? Nach Englisch sollen sie nun auch noch Medienkompetenz vermitteln. Sind sie nicht inzwischen reichlich überfordert?

Hier kommen wir zu einem Thema, bei dem ich mich nur in die Nesseln setzen kann. Schon seit langer Zeit bin ich der Meinung, dass Lehrer in diesen Bereichen mehr Unterstützung und Hilfe benötigen. Es ist nicht damit getan, die Nutzung Neuer Medien und den damit verbundenem Kompetenzerwerb in den Richtlinien und Lehrplänen verbindlich festzuschreiben, sondern es muss die Möglichkeit gegeben werden, die Voraussetzungen für die Vermittlung und Anbahnung solcher Kompetenzen auch zu erwerben. Es gibt zwar schon seit Jahren Angebote in diesem Bereich, aber die beziehen sich in der Regel auf die Bedienung von Programmen. Wie man den Computer methodisch/didaktisch in den Unterricht einbindet wird häufig nicht vermittelt. Intel leistet hier mit seinem Angebot "Lehren für die Zukunft" einen großen Beitrag. Die Medienzentren bemühen sich redlich, hier zu unterstützen und die Teams vor Ort ebenfalls. Trotzdem treffe ich immer wieder auf Kollegen, die gerade mal in der Lage sind, die Maus über den Tisch zu schubsen.
Hier fehlt sicherlich ein Entlastungsrahmen, in dem Lehrer die Möglichkeiten erhalten, diese Kompetenzen zu erwerben, um sie dann an die Schüler weiterzugeben. Dies müsste allerdings, im Gegensatz zu Englisch, für alle Lehrer verbindlich sein.

Wie hoch schätzen Sie die Gefahr ein, dass der sehr frühe Umgang mit dem Computer unsere Gesellschaft weiter spaltet? Haben nicht Kinder aus Haushalten mit geringem Einkommen geringere Chancen, mit dem Lernstoff voranzukommen?

Diese, von Ihnen angesprochene Spaltung existiert schon jetzt und wird sich sicherlich vergrößern. Schule kann hier nur zum Teil ausgleichend tätig werden. Kindern aus Haushalten mit geringerem Einkommen kann die Schule anbieten, technische Geräte der Schule zu nutzen. Erfahrungsgemäß haben diese Kinder aber alle Medien in ausreichendem Maße im elterlichen Haushalt zu Verfügung. Die Nutzung dient dort allerdings häufig nicht dem Lernen. Meines Erachtens ist es wichtig, entsprechende Kompetenzen (wie beispielsweise "Lernen lernen") zu vermitteln. Ist man in der Lage, den Computer als Werkzeug zu nutzen, sehe ich durchaus die Chance, diese Spaltung wesentlich zu mildern. Wichtig ist der Kompetenzerwerb auf möglichst vielen Ebenen und in möglichst vielen Bereichen. Was würden Sie dem großen alten Pädagogen Hartmut von Hentig auf seine Einwände antworten, die übrigens nicht von ihm sondern von besorgten Eltern stammen, dass der Computer die Kinder voneinander isoliere, das Spiel verdränge, die Kreativität vernichte und der Grundschule die elementaren Erfahrungen austrieben.
Ich denke, dass Herr von Hentig und ich in unserer Meinung - wenn überhaupt - gar nicht weit auseinanderliegen.
Die Frage ist, wie der Computer eingesetzt wird. Ist der Computer Werkzeug, so wird keines der genannten Dinge eintreten. Man kann gerade vor dem Computer intensive und sach-/problembezoge Kommunikation beobachten, die auch in höchstem Maße kreativ ist. Das Erstellen beispielsweise von Präsentationen ist immer auch ein kreativer Prozess. Auch Spielen kann man am Computer, was neuesten Studien zufolge die Wahrnehmung, Konzentration und die Reaktion fördern kann. Wir reden hier aber von der Nutzung des Computers als Werkzeug und nicht über das Thema: Der Schüler als Sklave des Computers. Damit der Computer als Werkzeug genutzt werden kann, müssen Lehrer die erforderlichen Kompetenzen vermitteln. Und Eltern müssen die Schule dabei unterstützen. Dann ist der Computer Mittel zum Zweck, und elementare Erfahrungen spielen weiterhin die größere Rolle.

Wird die Einführung des Faches Medienbildung an Grundschulen evaluiert?

Es gibt meines Wissens kein Fach Medienbildung und die Kompetenzen im Bereich Medien und Neuer Medien werden - so ist mein augenblicklicher Kenntnisstand - nicht evaluiert.
Die Einführung eines Faches Medienbildung würde ich allerdings sehr begrüßen, denn hierdurch würde dokumentiert, wie hoch der Stellenwert von Mediennutzung als Werkzeug ist. Meines Erachtens müsste diesem Fach mindestens so viel Bedeutung beigemessen werden wie Englisch in der Grundschule. Hinzu käme, dass hier nicht mehr nach Vorliebe und Beliebigkeit der Umgang mit Medien vermittelt und ausprobiert werden könnte, sondern Medienbildung verbindlich im Stundenkanon ausgewiesen wäre. Dieses wäre dann auch Grundlage für die Medienbildung an weiterführenden Schulen.
Sicherlich wäre hierzu ein Finanzierungs- und Fortbildungskraftakt nötig - es wäre aber auch eine wichtige und richtige Investition in die Zukunft unserer Kinder und unseres Landes, die jede Anstrengung lohnt.

Wie stehen Ihrer Meinung nach die Chancen, dass die Ergebnisse einer Evaluierung besser ausfallen würden als die nach der Einführung von Englischunterricht an Grundschulen, denn die waren nicht sehr ermutigend?

Um Englischunterricht an Grundschulen erteilen zu dürfen, muss eine Zusatzqualifikation erworben werden, so sind hier schon andere Voraussetzungen gegeben. Für die Vermittlung von Medienkompetenzen, die jeder Lehrer vermitteln darf, muss keine Zusatzqualifikation erworben werden. Hier ist es sicherlich hilfreich, auf ein aufbauendes Lehrwerk zugreifen zu können, das nicht nur die Grundlage für die entsprechende Kompetenzanbahnung vermittelt, sondern Lehrer auch so entlastet, dass sie das schwierige Thema angehen.

Interview: Hannelore Ohle-Nieschmidt
© HERDT-Verlag für Bildungsmedien

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