Lehrer – aufgepasst: Störende Schüler demotivieren und kosten 13 Prozent der Unterrichtszeit
Ergebnisse der internationalen OECD-Lehrerumfrage
Mehr zu: Ausstattung, Berufsorientierung, Dienstrecht, Europa, Gesundheit, Internationaler Austausch, Konfliktlösung, Lehrerarbeitszeit, Lehrerbildung, Lehrermangel, Schule, Sonderthemen(PM/Redaktion) Während sich die Sommerferien dem Ende zuneigen, sind es nicht nur die Kinder, die sich auf den Beginn eines neuen Schuljahres einstellen, sondern auch die Lehrer, die sich mental auf die Rückkehr an ihren Arbeitsplatz vorbereiten. Die OECD-Umfrage zeigt, dass Lehrer demotiviert sind und 13 % der Unterrichtszeit verlieren, weil Schüler den Unterricht stören.
Erst kürzlich hat die OECD die Ergebnisse ihrer internationalen Studie "Creating Effective Teaching and Learning Environments" über Lehr- und Lernbedingungen veröffentlicht. Die Umfrage wurde in 23 Ländern - darunter 15 EU-Länder – durchgeführt.
In der Hoffnung, den Bildungsbehörden eine bessere Vorstellung davon zu vermitteln, wie die schätzungsweise 6,25 Millionen Lehrer in der EU besser gefördert werden können, hat die EU diese Umfrage unterstützt.
Während bei früheren OECD-Umfragen die Leistung der Schüler bewertet wurde, lag der Schwerpunkt dieser Umfrage auf den Lehrkräften und Schulleitern. Die Ergebnisse wurden zum ersten internationalen Vergleich von Lernumfeldern und Arbeitsbedingungen für Lehrer herangezogen.
Die Leistungen von Lehrern leiden unter fehlenden Anreizen und mangelnder Disziplin
Drei von vier Lehrern haben den Eindruck, dass es an Anreizen fehlt, die Qualität ihres Unterrichts zu verbessern. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass in drei von fünf Schulen schlechtes Betragen der Schüler im Klassenraum den Unterricht stört. Lehrer in Irland, Portugal, Spanien und Italien beklagten sich, dass ihre Arbeit nicht systematisch bewertet werde und dass es an Rückmeldungen mangele. Die Bildungsbehörden können hieraus lernen, dass gute Leistungen anerkannt und belohnt werden sollten.
Die Daten stammen aus dem OECD-Projekt TALIS (Teaching and Learning International Survey), für das zum ersten Mal international vergleichbare Daten über die Zustände in den Schulen der 23 Länder erhoben wurden. Unter den untersuchten Ländern ist auch Österreich. Deutschland und die Schweiz haben an der Studie nicht teilgenommen.
Die wichtigste Botschaft der Studie ist, dass im Bildungssystem effektivere Anreize geschaffen werden müssen, die gute Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern belohnen. In vielen Staaten gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Beurteilung der Lehrleistung und der Vergütung bzw. der Anerkennung, die Lehrkräfte erhalten. Wenn es eine solche Beziehung gibt, dann ist sie meist nur schwach ausgeprägt.
Andreas Schleicher, Leiter des TALIS Projekts, im Interview
"Gute Lehrerinnen und Lehrer sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Bildungspolitik. Ein Bildungssystem kann nicht besser sein, als die Lehrkräfte, die in ihm arbeiten", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría bei der Präsentation der Studie.
Die Studie wurde mit Unterstützung der EU-Kommission in 23 Ländern durchgeführt: Australien, Belgien (Flämische Gemeinschaft), Brasilien, Bulgarien, Dänemark, Estland, Island, Irland, Italien, Litauen, Malaysia, Malta, Mexiko, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Slowakei, Slowenien, Spanien, Südkorea, Türkei und Ungarn.
In jedem Land wurden ca. 200 Schulen zufällig ausgewählt. Dort wurde der Schulleitung und 20 zufällig ausgewählten Lehrerinnen und Lehrern ein Fragebogen zur Beantwortung vorgelegt.
Die Fragen behandelten Themen wie z.B. die Unterrichtsvorbereitung, die angewandten Lehrmethoden sowie Anerkennung und Anreizsysteme für Lehrkräfte.
Die Studie kam unter anderem zu den folgenden Ergebnissen:
in Australien, Belgien (Flandern), Dänemark, Irland und Norwegen gaben mehr als 90 Prozent der Lehrer an, dass sie für einen besseren Unterricht keine Gegenleistung erwarten können;
Lehrerinnen und Lehrer in Bulgarien, Malaysia und Polen sind weniger pessimistisch, aber auch dort sieht fast die Hälfte keinen Anreiz, den Unterricht zu verbessern;
in Mexiko, Italien, der Slowakei, Estland und Spanien geben mehr als 70 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer in der Sekundarstufe I an, dass der Unterricht durch Störungen "in gewissem Maße" oder "erheblich" behindert wird;
durchschnittlich 38 Prozent der befragten Lehrer arbeiten in Schulen, die unter einem Mangel an qualifiziertem Personal leiden; in Polen waren nur 12 Prozent der Schulen betroffen, in der Türkei dagegen 78 Prozent;
durchschnittlich 13 Prozent der Unterrichtszeit verbringen Lehrerinnen und Lehrer damit, Ordnung in der Klasse zu bewahren; in Brasilien und Malaysia sind es mehr als 17 Prozent der Unterrichtszeit; in Bulgarien, Estland, Litauen und Polen gehen dagegen weniger als zehn Prozent der Unterrichtszeit auf diese Weise verloren;
neben Störungen während des Unterrichts berichten Lehrerinnen und Lehrer über weitere Behinderungen des Lehrbetriebs: Schwänzen (46 Prozent), Verspätungen (39 Prozent), Fluchen (37 Prozent) und Einschüchterung und Beleidigungen anderer Schüler (35 Prozent);
in einigen Ländern klagen Lehrerinnen und Lehrer nicht nur über fehlende Anreize für Verbesserungen, es fehlt dort auch jegliche Form systematischer Beurteilung oder Rückmeldung. Dies ist der Fall bei mehr als 25 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer in Irland und Portugal, in Spanien sind es 45 Prozent, in Italien 55 Prozent.
Insgesamt legt die Studie nahe, dass Bildungsbehörden mehr zur Unterstützung der Lehrer und der Leistungen der Schüler beitragen könnten, wenn sich die Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen weniger auf Ressourcen und Lehrpläne und mehr auf den Lernerfolg fokussieren würden.
Schulbehörden sollten von den wenig durchdachten Politiken der Vergangenheit Abstand nehmen, die noch immer zu viele nationale Schulsysteme bestimmen. Stattdessen sollten auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgreiche Strategien und hohe universelle Standards umgesetzt werden, so OECD-Generalsekretär Gurría.
"An die Stelle von Uniformität muss Entfaltung von Vielfalt und eine Individualisierung von Lehren und Lernen treten", sagte Gurría. "Die Bildungspolitik muss sich von reiner Ressourcenverwaltung und bürokratischer Steuerung hin zu einem System von Verantwortung und Schulführung entwickeln, das den Lehrenden mehr Spielraum zur Entfaltung lässt. Statt auf Gerechtigkeit bei der Bereitstellung von Bildungsangeboten zu schauen, sollte der Fokus auf gerechte Bildungsergebnisse gelegt werden."
Hintergrund:
Das OECD-Projekt TALIS (Teaching and Learning International Survey) ist die erste internationale Vergleichsstudie, die das Lernumfeld und die Arbeitsbedingungen von Lehrkräften in der Schule zum Thema hat. Die Studie erfasst Themen, die Lehrerinnen und Lehrer und ihre Leistungen betreffen, gesehen durch die Augen von Schulleitern und den Lehrern selbst. Ziel von TALIS ist es, eine wichtige Informationslücke für den internationalen Vergleich von Schulsystemen zu schließen.
=> Kostenloser PDF-Download (pdf, 5MB, engl.)
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