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Protestpotenzial bei der Jugend wächst

Jugendforscher Hurrelmann: Bildungsdemonstrationen in diesem Sommer waren erst ein Anfang

Mehr zu: Politische Bildung, Sonderthemen
18.09.2009 -

(dpa) - Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann erwartet eine "baldige Repolitisierung der Jugend in Deutschland". Vor allem unter Gymnasiasten und Studenten wachse ein großes Protestpotenzial heran, sagte Hurrelmann in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Bildungsdemonstrationen in diesem Sommer seien erst ein Anfang gewesen. Die besser Gebildeten würden sich auf Dauer nicht damit abfinden, wenn es in Folge der Wirtschaftskrise und knapper Kassen für sie zu wenig Studienplätze - und anschließend auch keine Einstiegsmöglichkeiten in einen qualifizierten Beruf gibt.

Hurrelmann: "Diese jungen Menschen werden sich nicht damit abfinden, dass der Staat immer nur denjenigen hilft, die bereits im System etabliert sind und einen Arbeitsplatz haben." Der Jugendforscher, einer der Hauptautoren der regelmäßigen Shell-Jugendstudien, sieht unter den heute 15- bis 25-Jährigen "weniger eine Politikverdrossenheit als vielmehr Parteienverdrossenheit". Diese Distanz zu Parteien werde in zehn Jahren von einer größeren Gruppe Älterer übernommen werden. Hurrelmann: "Denn beim Wertewandel wie bei der Veränderung politischer Einstellungen ist die Jugend oft Trendsetter gewesen."

Er forderte die Parteien auf, sich mehr für Jugendliche zu öffnen, "ohne sie gleich als Mitglieder vereinnahmen zu wollen". Hurrelmann: "Jugendliche empfinden den Parteien- und Politikbetrieb heute wie eine gut geschmierte, aber undurchschaubare Maschinerie mit vielen Knöpfen. Von außen betrachtet läuft der Apparat scheinbar gut. Doch die noch abseits stehenden jungen Menschen sehen nicht, wie sie dort Eingang und ihren Platz finden sollen."

Besonders abstoßend wirken auf Jugendliche nach Worten des Jugendforschers "die Rituale und Mauscheleien im Vorfeld von parteiinternen Kandidatenaufstellungen". Ebenso abschreckend wirke ständiger populistischer Positionswechsel. Parteien, die sich jungen Menschen zuwenden wollen, müssten ihnen "das Gefühl vermitteln, dass sie in ihren Reihen ernst genommen werden, ja etwas bewirken können". Hurrelmann: "Der junge Mensch will erfahren, dass er dort gern gesehen ist - auch wenn er bei bestimmten Fragen eine andere Meinung vertritt."

Mehr plebiszitäre Elemente, wie etwa eine Direktwahl des Bundespräsidenten oder Volksabstimmungen, würden von Jugendliche klar bevorzugt. "Wer jung ist, möchte schneller etwas verändern und nicht vier Jahre bis zum nächsten Wahltermin warten, bis ein Gesetz geändert wird", sagte Hurrelmann. Deshalb seien für viele junge Menschen soziale Bewegungen, Umweltgruppen und Bürgerinitiativen häufig interessanter als die etablierten Parteien.

(dpa-Dossier Kulturpolitik 39/21.09.2009)


© 2009 dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH.
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