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Jungwähler eher partei- als politikverdrossen

21.09.2009

(dpa) - Junge Menschen reagieren heute sensibel auf gesellschaftliche Probleme, engagieren sich gern für andere Menschen und für die Umwelt. Doch noch bestimmender für ihr Alltagsleben ist für sie aus Sicht von Jugendforschern die Sorge um die persönliche Zukunft und um den eigenen Arbeitsplatz. Jungwähler, die in diesem Jahr zum ersten oder zum zweiten Mal ihre Stimme bei einer Bundestagswahl abgeben, bekunden bei Umfragen zwar ein deutlich geringeres Interesse an Politik - als noch die Generationen vor ihnen in den 80er und 90er Jahren. Gleichwohl sehen viele Jugendforscher bei ihnen eher eine Parteien- als eine Politikverdrossenheit.

Mit der Überschrift "Aktiv sein trotz ´null Bock` auf Politik?" beschreibt der Jugendforscher Ulrich Schneekloth im Shell-Jugendbericht die Distanz junger Menschen zu etablierten Parteien. "Es sind die zu starren Organisationsformen der Parteien, ihre für Außenstehende kaum durchschaubaren Machtrituale bei der Kandidatenkür und auch ihre Sprache, die viele junge Menschen abschrecken", resümiert der Jugendforscher Klaus Hurrelmann.

Während es in den 80ern bis in die 90er Jahre hinein "noch zum guten Ton gehörte", als junger Mensch politisch interessiert zu sein, ist diese Haltung spätestens seit Mitte der 90er Jahre abgebröckelt, zeigt Schneekloth anhand der Infratest-dimap-Umfragen über die Jahre hin auf. Nur etwas mehr als ein Drittel der 15- bis 24-Jährigen bezeichnet sich heute als politisch interessiert. Dabei hat sich die politische Ausrichtung kaum verändert. Im Schnitt ordnen sich die jungen Menschen "leicht links von der Mitte" ein. Dem politischen Extremismus wird von der großen Mehrheit eine klare Absage erteilt.

Hurrelmann macht dabei auf einen "markanten Effekt" des Bildungsniveaus aufmerksam. Im Unterschied zum allgemeinen "Mainstream" reklamierten mehr als zwei Drittel der Studierenden und ein noch höherer Anteil der gymnasialen Oberschüler für sich ein Interesse an Politik. Bei diesen besser Gebildeten sieht er auch das Potenzial für eine "baldige Repolitisierung" der Jugend - sollten sich in Folge der Wirtschaftskrise ihre Arbeitsmarktperspektiven weiter verschlechtern.

Der Distanz gegenüber Parteien und auch etablierten Großverbänden stehe oft ein bemerkenswertes Engagement der Jungen in verschiedenen Bewegungen gegenüber - beispielsweise für Jugendfragen oder in sozialen Initiativen, für Zuwanderer oder für Umwelt oder Tierschutz. Die Jugendforscher sehen dabei den Vertrauensverlust der Parteien unter den Jugendlichen nicht als ein rein deutsches Problem. Ähnliche Tendenzen zeigten sich seit Jahren auch in den europäischen Nachbarländern.

Als besonders auffällig stellen die Jugendforscher die geringe Wahlbeteiligung junger Menschen bei der Bundestagswahl 2005 heraus - mit 68 Prozent der bislang niedrigste Wert. Je jünger die Wähler waren, so geringer war ihre Beteiligung ausgefallen.

Hurrelmann sieht allerdings in dieser Distanz zu Parteien und auch zu Wahlentscheidungen bei der Mehrheit der Jugendlichen keine Absage an die Demokratie. Es müsse vielmehr eine Herausforderung für die Parteien sein, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen und den jungen Menschen mehr Teilnahme auch an konkreter politischer Gestaltung zu ermöglichen - möglichst in weniger hierarchischen Strukturen als bisher. Denn die eindeutige Mehrheit der Jugendlichen hält die Demokratie in Deutschland für eine gute Staatsform. Nur neun Prozent in den alten und 14 Prozent in den ostdeutschen Bundesländern seien hier anderer Auffassung.

Karl-Heinz Reith
(dpa-Dossier Kulturpolitik 39/21.09.2009)


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