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Die heikle Suche nach dem Uni-Chef

10.11.2009

(dpa) – Hunderte Mitarbeiter, Millionen-Etats und weltweite Konkurrenz: An den Hochschulen sind die Zeiten vorbei, an denen ein Professor am Karriereende noch ein paar Jahre den Rektor mimen konnte. Rektoren und Präsidenten managen heute Elite und Exzellenz, freilich ohne die Macht und Boni von Wirtschaftskapitänen. "Es gilt, eine komplexe Organisation zu steuern, aber ohne Befehle geben zu können", sagt der ehemalige Präsident der Universität Kaiserslautern und langjähriger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried.

Nur eines scheint noch schwerer zu sein als der Job im Chefbüro einer Universität: den richtigen Mann oder die richtige Frau dafür zu finden und durchzusetzen. Der Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Wilhelm Krull, hat als Mitglied von Hochschulräten schon selbst Kandidaten gesucht. "Man kann davon ausgehen, dass man so eine Position nicht durch das Schalten einer Anzeige besetzen kann", sagt Krull. "Die wirkliche Spitze bewirbt sich nicht, sondern wartet ab, bis sie aufgefordert wird." Und mancher, der es könnte, schreckt zurück, weil die Rektoren-Kür vielfach langwierig, verworren und mitunter notorisch indiskret ist.

"Die Wahl eines neuen Uni-Präsidenten birgt das größte Risiko für Konfliktfälle", warnt Krull. Dies gilt vor allem, seit in vielen Bundesländern bei der Kür neben Hochschulangehörigen und Ministern auch auswärtige Hochschulräte mitmischen. Mal müssen sie am Ende zustimmen. Mal wählen sie wie zum Beispiel in Baden-Württemberg den Chef selbst, brauchen aber ihrerseits das Okay des akademischen Senats. Die Liste von Pleiten, Pech und Pannen bei deutschen Rektorwahlen ist inzwischen lang. In Tübingen kürte der Universitätsrat 2005 den auswärtigen Professor Kai Brodersen zum neuen Rektor, im Senat fiel er durch. Ein gesplittetes Ergebnis, das im Uni-Gesetz des Landes gar nicht vorgesehen war. Monate vergingen bis die Gremien den vakanten Rektorposten durch einen neuen, internen Bewerber besetzte hatten. Der Wirbel fiel mitten in die Zeit der Exzellenzinitiative, bei der Tübingen weitgehend leer ausging. An der Hochschule Heilbronn ließ der Senat gleich zwei Kandidaten des Hochschulrates durchfallen. An der Universität Freiburg hievte der Uni-Rat einen Bewerber auf die Liste, den die Findungskommission zuvor bereits aussortiert hatte. An der Universität Siegen scheiterte 2008 die Installation eines neuen Rektors, weil der Senat öffentlich aufbegehrte.

Der damalige Vorsitzende des Siegener Hochschulrats, Axel Barten, trat vom Amt zurück. Er erklärte, aus seiner Sicht müssten für einen Ratsvorsitzenden "nur insbesondere Kompetenz, Kreativität und Durchsetzungsstärke zählen und nicht so sehr das Eingehen auf eine Vielzahl von Einzelinteressen". Eine fatale Fehleinschätzung. Nach den Erfahrungen von Krull allerdings ein typisches Missverständnis, wenn Wirtschaftslenker sich plötzlich mit dem System Hochschule konfrontiert sehen. "Hochschulratsmitglieder gehen oft von falschen Zeithorizonten aus und sehen nicht, wer hier was zu bestimmen hat", sagt Krull. Viele Räte seien schnellere Wege der Personalfindung gewohnt. "Sie können sich nicht vorstellen, dass so ein hoher Kommunikationsaufwand nötig ist."

Landfried sieht viel unprofessionelles Verhalten

Klaus Landfried diagnostiziert: "Es gibt bei der Suche nach Präsidenten und Rektoren ein hohes Maß an unprofessionellem Verhalten." Dazu gehört neben dem Plaudern über Kandidatennamen im frühen Stadium die zu späte Suche nach Einvernehmen zwischen den Beteiligten. Dabei platzte zuletzt manche Rektorwahl, weil der Senat die Personalie als Ventil für Unmut in anderer Sache benutzte. Landfried sagt: "Wenn zwei Parteien beteiligt sind, muss ich die von Anfang zusammenbringen." Krull betont, was offenbar nicht selbstverständlich ist: "Die Gremien und Mitglieder der Universität müssen auch eine Chance haben, sich ein Bild zu machen." Beispiele für gelungene Amtsübergaben belegen die Top-Erfolgsfaktoren Dialog und Diskretion: Beim vergangenen Rektoratswechsel an der Uni Heidelberg hatte sich eine kleine Findungskommission bereits eineinhalb Jahre vor dem entscheidenden Zeitpunkt auf die Suche nach Kandidaten gemacht. Bei der ebenso reibungslosen Amtsübergabe an der Universität Konstanz waren Senatsvertreter mit in der Findungskommission. An der Fachhochschule Konstanz kam dank solch eines Verfahrens 2006 selbst ein Mitarbeiter des reformorientierten Centrums für Hochschulentwicklung lautlos ins Amt, obwohl er nicht einmal einen Professorentitel trägt. Aber das Ernennen auswärtiger Kandidaten gilt selbst dann als heikle Mission, wenn sie an Titeln den etablierten Kollegen nichts nachstehen. Schließlich liegt nicht nur der Verdacht nahe, dass sie unbelastet alte Strukturen ändern wollen – Hochschulräte und Minister wünschen sich oft genau dies. Der Deutsche Hochschulverband (DHV), der 23 000 Professoren und Nachwuchsforscher vertritt, spricht von Entmachtung der akademischen Selbstverwaltung. Mit Partnerverbänden aus der Schweiz und Österreich beklagte er jüngst einmal mehr, die finale Entscheidungszuständigkeit werde bei Präsidien sowie auswärtigen Hochschulräten verankert.

Auch Profis verrechnen sich

Allerdings hat sich der DHV seit einem Jahr selbst leise in der diskreten Branche akademischer Headhunter etabliert. Seine Personalberatung "Leaders in Science" schickt Experten wie Klaus Landfried zu Hochschulen, Gremien oder möglichen Kandidaten, um mehr führungsstarke und erfolgreiche Rektoren zu gewinnen. Meist geht es um diskrete Hilfe, Ratschläge und Moderationen im Hintergrund. Allein Landfried war im vergangenen halben Jahr in fünf Bundesländern aktiv. Für DHV-Geschäftsführer Michael Hartmer profitiert "Leaders in Science" vom Hochschulwissen des Verbandes. Ein Vorteil gegenüber Headhuntern aus anderen Branchen, die ebenfalls der Hochschulmarkt entdeckt haben.

Dass selbst ein Profi nicht alle Risiken ausräumen kann, hat Landfried erfahren, als er noch für eine andere Beratungsfirma tätig war. Er hatte mit daran gearbeitet, die Stuttgarter Physik-Professorin Monika Auweter- Kurtz als neue Präsidentin der Universität Hamburg zu gewinnen. Nach nicht einmal drei Jahren im Amt schied sie diesen Sommer aus, nachdem sie sich mit Studierenden und zahlreichen Dekanen überworfen hatte. Im Rückblick fehlte der erfolgsverwöhnten Physikerin wohl vor allem die Fähigkeit, mit einem für sie bislang unbekannten Gegenwind umzugehen.

Landfried weiß aber auch, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der eine Universität klar und doch im Dialog führen kann – und der sich zugleich dem ungewissen Wahlverfahren aussetzt. "Die Zahl der Leute, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen ist klein", sagt er, "insofern kann man froh sein, wenn man jemand findet, der Ehrgeiz entwickelt."

Frank van Bebber (dpa-Dossier Kulturpolitik 46/09.11.2009)


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