"Die Lebenswirklichkeit der Zuwanderer einfangen"
Interview mit Michaela Perlmann-Balme vom Goethe-Institut über die neuen Deutsch-Tests für Zuwanderer
Mehr zu: Deutsch, Deutschland, Europa, Heterogenität, Migration, Perspektive: Bildung, Sprachförderung, Weiterbildung, SonderthemenMit einem neuen Test müssen Zuwanderer seit dem 1. Juli 2009 ihre Deutschkenntnisse nachweisen. Dieser "Deutschtest für Zuwanderer" ersetzt das bisherige "Zertifikat Deutsch". Dr. Michaela Perlmann-Balme vom Goethe-Institut war Projektleiterin für die Entwicklung des neuen Tests. Perspektive: Bildung wollte von ihr wissen, was es mit dem neuen Test auf sich hat und wie Curriculum und Lehrbücher die Teilnehmer auf die Prüfung vorbereiten.
Frau Perlmann-Balme, warum war überhaupt ein neuer Test nötig?
Michaela Perlmann-Balme: Die Prüfung "Zertifikat Deutsch" gab es schon seit 2000. Sie war aber nicht speziell auf die Bedürfnisse von Zuwanderern zugeschnitten, sondern eine weltweit eingesetzte Prüfung für alle Zielgruppen. Mit dem neuen Integrationsgesetz und der Einführung eines neuen Kurssystems war klar, dass für diese Kurse auch eine spezielle Abschlussprüfung nötig geworden war.
Sie hatten die Projektleitung bei der Entwicklung des neuen Tests. Was ist das Besondere daran und hat sich auch das dazugehörende Curriculum für die Kurse geändert?
Michaela Perlmann-Balme: Zuwanderer haben natürlich besondere Bedürfnisse, sie müssen und wollen sich hier integrieren. Wir haben zunächst versucht, diese besonderen Bedürfnisse zu definieren und dann im Rahmencurriculum für den Unterricht zusammengestellt. Dabei kam heraus, dass Themen wie die Betreuung und die Schulbildung der Kinder eine sehr große Bedeutung für die Zuwanderer haben. Sie haben ein besonderes Interesse daran, dass ihre Kinder in den Bildungseinrichtungen reüssieren. Sie brauchen also sprachliche Mittel, um zum Beispiel in einer Sprechstunde mit einem Lehrer bestehen oder an einem Infoabend teilnehmen zu können. Das war in dem alten Zertifikat nie Gegenstand von Prüfungsaufgaben. Ein junger Amerikaner, der mit 19 Jahren nach Deutschland kommt, interessiert sich nicht für Kindergärten, aber eine Frau aus Russland mit zwei Kindern will ihre Kinder hier richtig einschulen oder sie im Kindergarten anmelden. Solche Themen spielen dann in den Kursen und dem neuen Test auch eine Rolle.
Das heißt, in den Kursen wird auch Landeskunde vermittelt?
Michaela Perlmann-Balme: Man darf sich das im Sprachkurs weniger als direkten Landeskundeunterricht vorstellen, wo es etwa um den Aufbau des deutschen Schulsystems geht. Es geht vielmehr um die Frage: Wann muss ein Zuwanderer mit jemandem über Schule oder Kinderbetreuung sprechen und was muss er dafür wissen, damit er diese Gesprächssituationen in deutscher Sprache bewältigen kann.
Haben sich auch die Lehrbücher geändert?
Michaela Perlmann-Balme: Auch die Lehrbücher versuchen natürlich, diese Bedürfnislage aufzunehmen. Ein Beispiel: Früher hat man eher die Situation am Flughafen geschildert, wenn jemand zu einer weiten Dienstreise oder in den Urlaub startete. Heute geht es darum, wie man den Nahverkehr, also Bus und Straßenbahn nutzt, oder was eine Bahncard ist.
Integrationskurse sind nicht unbedingt homogen zusammengesetzt - die Dozenten treffen also auf ganz unterschiedliche Niveaus bei den Lernenden. Wie können sie auf diese individuellen Bedürfnisse eingehen?
Michaela Perlmann-Balme: Das Integrationskurssystem ist sehr ausdifferenziert. Es gibt den Normalkurs, in dem sich die Erwachsenen aus den verschiedenen Ländern finden, es gibt Kurse für schneller Lernende aber auch für langsamer Lernende. Dann gibt es auch noch spezielle Kurse für Eltern und Jugendliche, sodass diese Heterogenität durch die Kursstruktur - in dem Maße wie es praktikabel ist - abgefangen wird. Dennoch sitzen in den Kursen verschiedene Nationalitäten, verschiedene Altersgruppen und vor allen Dingen auch Menschen mit verschiedenen Motivationen. Die einen lernen eben wesentlich schneller und motivierter und die anderen lernen langsamer und sind nicht so motiviert. Das führt, das wissen wir aus unseren eigenen Modellklassen am Goethe-Institut, durchaus manchmal zu Spannung oder Kritik - meist bei denen, die schneller lernen wollen und sich aufgehalten fühlen. Ich kann nur sagen, dass ich die größte Hochachtung vor all den Lehrkräften habe, die sich dieser Aufgabe stellen. Man hat versucht, durch das gegliederte Kurssystem eine Grundlage zu schaffen, aber die sogenannte Binnendifferenzierung ist dem Geschick des einzelnen Lehrers überlassen.
Sind die Teilnehmer nach dem Standard-Angebot von 600 Unterrichtsstunden und bestandenem Test in der Regel für den Alltag in der deutschen Sprache gerüstet?
Michaela Perlmann-Balme: Das ist eine Frage, zu der man von verschiedenen Menschen verschiedene Meinungen hört. Die Sprachniveaus des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen reichen ja von A1 bis C2. Wir sind uns da mit dem Europarat einig, der sagt, mit dem Niveau B1, das mit dem Integrationskurs erreicht werden soll, kann man sich im Alltag selbstständig und ohne Übersetzer oder andere Hilfe bewegen. Das heißt aber nicht, dass jemand wirklich lange Gespräche problemlos bewältigen kann.
Wann gilt denn die Prüfung als bestanden?
Michaela Perlmann-Balme: Die große Neuerung ist, dass dieser Test Aufgaben auf verschiedenen Stufen, also verschieden schwierige Aufgaben, anbietet. Ein Teil der Aufgaben ist etwas leichter auf dem Niveau A2 und ein Teil ist etwas schwieriger auf dem Niveau B1. Somit prüfen wir beide Niveaustufen ab. Wir können auch die Ergebnisse für die verschiedenen Teile - die Lese- und Höraufgaben, die Schreibaufgaben und die Aufgaben zum Sprechen - einzeln bewerten. Aber der Gesetzgeber hat definiert, welches Ergebnis er als bestanden ansieht. Das ist das Niveau B1. Konkret bedeutet das: Es werden drei Teile der Prüfung definiert und in einem von diesen Teilen genügt auch das Niveau A2.
Die neue Bundesregierung spricht in den Koalitionsvereinbarungen von mehr Sprachförderung - wie könnte die aussehen?
Michaela Perlmann-Balme: Man muss wissen, dass dieses B1-Zertifikat eine Art Grundausstattung ist. Für die Berufstätigkeit sind mehr Sprachkenntnisse notwendig. Deshalb wäre es sehr wünschenswert, wenn im Anschluss an die Integrationskurse weitere Kurse angeboten würden, die stärker die Integration in den Arbeitsmarkt anpeilen als das die allgemeinen Integrationskurse leisten können. Aber auch da ist es wichtig, die Gesamtzielgruppe genau zu betrachten und zu sehen, welche Bedürfnisse es gibt. Nicht alle wollen unmittelbar in den Arbeitsmarkt eintreten. Manche Frauen wollen zunächst bei ihren kleinen Kindern bleiben. Man muss also sehr genau überlegen, was man diesen verschiedenen Gruppen anbietet.
Informationen zu den Lehrwerken
Buhlmann, Rosemarie; Ende, Karin; Kaufmann, Susan; Schmitz, Helen
Deutsch für Zuwanderer
Rahmencurriculum für Integrationskurse - Deutsch als Zweitsprache
Cornelsen
140 Seiten, Kartoniert, 11,95 (EUR)
ISBN: 978-3-06-020441-0
Perlmann-Balme, Michaela; Plassmann, Sibylle; Zeidler, Beate
Deutsch-Test für Zuwanderer A2-B1
Prüfungsziele und Testbeschreibung
Cornelsen
188 Seiten, Kartoniert, 14,95 (EUR)
ISBN: 978-3-06-020442-7
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