(von Markus Pissarek) Viele Lehrer organisieren Lesenächte, Autorenlesungen, Vorlesewettbewerbe und literarische Buchklubs – Skeptiker bezweifeln den Ertragswert dieser zeitintensiven Unternehmungen. Hält Leseanimation, was sie verspricht?
Die vielfältigen Möglichkeiten der Leseanimation haben alle eins gemeinsam: Die zugrundeliegende Annahme, dass sie die Lesemotivation der Schülerinnen und Schüler nachhaltig steigern, indem das Lesen als anregende und mit Spaß verbundende kulturelle Praxis vermittelt wird. Dies geht von der Gestaltung der Lernumgebung (Bücherkisten, Klassenbibliothek, Leseecke, Hörmedien-Sammlung, Wandzeitung) über leseaktivierende Verfahren (Buchvorstellung, literarische Talkshow, Vorlesewettbewerb) bis hin zu aufwändig vorbereiteten Events (Dichterlesung, Lesenacht, literarischer Spaziergang). All diese Maßnahmen kosten meist viel Engagement und Vorbereitungszeit.
Kritiker halten die vorbehaltlos positiven Annahmen für eine Fehleinschätzung und bezweifeln, dass alle Schülerinnen und Schüler erreicht werden. Diejenigen, die ohnehin gerne lesen und über positive "lesebezogene Selbstkonzepte" (vgl. Rose-Brock/Nix 2008) verfügen, werden profitieren. Aber gerade die wachsende Gruppe förderwürdiger Kinder, die große Leseschwierigkeiten haben, werden von den leseanimierenden Verfahren häufig überfordert und demotiviert. Bei Schülern aus sogenannten "bildungsfernen" Familien kommt es zu Enttäuschungen, wenn ihnen bildungsbürgerlicher Leseenthusiasmus begegnet und sie gleichzeitig die Bücher als lebensweltlich und thematisch fremd und zudem schwer dekodierbar empfinden. So werden viele der künftigen Förder- und Hauptschüler nicht erreicht.
Zudem ist durch keine Studie belegt, dass sich Leseanimation wirklich positiv auf die Lesekompetenz auswirkt. Hingegen zeigt die Erfurter Studie (vgl. Richter /Plath 2007), dass generell ab der zweiten Grundschulklasse die Lesemotivation kontinuierlich sinkt; ganz einfach, weil die meisten Lehrer Bücher nach pädagogischen Kriterien auswählen, die nicht den Leseinteressen der Kinder entsprechen. Eine andere Studie ergab, dass 92 Prozent der Schülerinnen und Schüler den Lehrer "nie" oder "selten" um eine Lektüreempfehlung bitten (vgl. Harmgarth 1997). Polemiker würden sagen, bei der Lesenacht sei die Pizza eben wichtiger als das Buch.
Jedoch der Leseanimation gänzlich ihren Wert abzusprechen, widerspricht jeder pädagogischen Intuition und Erfahrung. Wer nach gelungenen Aktionen die oft wochenlange Begeisterung der Schüler erlebt, merkt auch, dass die soziale Energie ein starker Motor ist, der genutzt werden muss. Wenn Leseanimation dann den Sprung vom einmaligen Ereignis hin zur selbstverständlichen, allgegenwärtigen Schulkultur schafft, etabliert sich fraglos der hohe Wert des Lesens im (Schul-)Alltag. Gerade Finnlands positive schulische Lesekultur wurde nach PISA immer wieder als Referenz angeführt.
Man sollte die Verfahren der Leseanimation künftig mehr auf die Lesekompetenz der "poor readers" abstimmen und bei der Lektüreauswahl auch differenziert auf individuelle Leseinteressen und -bedürfnisse eingehen.Gerade für Kinder aus bildungsfernen Schichten ist Lesen zunächst mehr Arbeit als Genuss. Bei diesen ungeübten Lesern schaffen angeleitete, auf Prozessebene ansetzende Verfahren (z. B. Verbesserung der Leseflüssigkeit) die Voraussetzung für eine positive Einstellung zum Lesen.
Dr. Markus Pissarek ist Dozent für Didaktik der deutschenSprache und Literatur an der Universität Regensburg.
Harmgarth, F. (Hrsg.): Lesegewohnheiten – Lesebarrieren. Öffentliche Bibliothek und Schule – Neue Formen der Partnerschaft. Gütersloh 1997
Richter, K./Plath, M.: Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle für den Unterricht. Weinheim 22007 Rosebrock, C./Nix, D.: Grundlagen der Lesedidaktik und der systematischen Leseförderung. 2008 Hohengehren
Erstveröffentlichung und alle Rechte: Grundschule /Westermann Heft 11/2009 www.die-grundschule.de/aktuell_inhalt-aktuelles-heft.php?mehr=1 Die Ausgabe hat den Themenschwerpunkt: MedienKunst - Wiki, Volco und Co im Kunstunterricht.