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Kopfnoten: Klare Rückmeldung oder Druckmittel?

Nur ein Bundesland verzichtet auf die umstrittene Beurteilung

Mehr zu: Kopfnoten, Leistungsdruck, Recht, Stipendien, Urteile, Zensuren, Zeugnis, Schule
11.12.2009 -

(sl). Die Kanzlerin ist dafür, ihre bisherige Bildungsministerin auch und die deutsche Wirtschaft ohnehin. Unisono setzen sie sich dafür ein, dass das Sozial- und Arbeitsverhalten deutscher Schüler benotet wird. Die finden das gar nicht lustig und wehren sich, besonders wenn die Zensuren ihr Abschlusszeugnis zieren.

Zehntausende von ihnen gingen im Sommer auf die Straße. Sie traten nicht nur in den Bildungsstreik, weil sie Kopfnoten als den untauglichen Versuch, sie zu disziplinieren, ablehnen. Aber eben auch deshalb. Das aber bringt etwa die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer (CDU) nicht ins Grübeln. Sie sehe keine Veranlassung, diese Zensuren abzuschaffen oder zu modifizieren, teilte sie unlängst erneut im Landtag mit. Als Begründung fügte sie hinzu: "Schließlich bin ich keine Wind- und Wetterhenne."

Dass ihr daraufhin wieder einmal der Wind der rotgrünen Opposition ins Gesicht blies, bedeutet nicht, dass SPD und Grüne bundesweit mit einer Stimme sprechen. Was die Sozialdemokraten in Düsseldorf verteufeln, pflegen ihre Genossen einige Kilometer weiter südlich seit langem. Rheinland-Pfalz hat nie auf die Beurteilung des Arbeits- und Sozialverhaltens verzichtet – wenn auch nur in Textform. Und zählt damit wie Baden-Württemberg, Bremen und Hamburg zu jenen, die sich "rühmen", keine Ziffern zu nutzen, sondern das Urteil in Prosa zu fällen.

Noten wie bei den Fächerleistungen verteilen Brandenburg, NRW, das Saarland, Sachsen sowie Sachsen-Anhalt. Eine Kombination aus beidem fordern Bayern und Mecklenburg-Vorpommern, keine Vorschrift erteilen die Regierungen von Berlin, Hessen und Niedersachsen – sie überlassen den Schulkonferenzen die Form der Beurteilung.

Thüringen gilt als Sonderfall. Ergänzend zum Zeugnis füllen die Pädagogen eine "Einschätzung zur Kompetenzentwicklung" aus. Mit "Du machst das prima", "Du machst deutliche Fortschritte", "Du verbesserst Dich mit Unterstützung" oder "Du brauchst noch viel Hilfe. Wir werden daran arbeiten" beantworten sie unterschiedliche Punkte der individuellen Entwicklung. Nur ein Land verzichtet ganz auf Kopfnoten: Schleswig-Holstein.

Am liebsten auswandern

Dorthin würde am liebsten Martin auswandern. Er besucht seit diesem Sommer die 10. Klasse einer Realschule in NRW. Und hat spürbar Sorge, weil Kopfnoten auch auf seinem Abschlusszeugnis auftauchen werden. "Ich gehöre zu jenen, die den Mund aufmachen, wenn mir etwas nicht gefällt", erzählt er. Damit hat er leidvolle Erfahrung gemacht. Weil er sich mehrfach vehement gegen die seiner Meinung nach unfaire Behandlung einer Mitschülerin eingesetzt hat, wurde ihm die schlechteste aller möglichen Bewertungen "reingedrückt". Das kann sich übel auswirken. Denn, daraus machen viele Betriebe keinen Hehl, eine schlechte Note im Sozialverhalten ist keine gute Basis für eine Einstellung.

So ließ ein Unternehmenssprecher von Porsche wissen, dass "Kopfnoten durchaus eine Aussagekraft besitzen, wir uns aber im Gespräch ein eigenes Bild vom Bewerber machen." Da aber liegt nach Ansicht der Grünen im NRW-Landtag die Crux: "Jugendliche wie Martin werden möglicherweise erst gar nicht zum Vorstellungstermin eingeladen." Bedenklich sei das. Schließlich gebe die Ziffer keinen Aufschluss darüber, was zu der schlechten Beurteilung geführt habe.

Diese Befürchtung untermauern die Wirtschaftsjunioren NRW. In einer Blitzumfrage erfuhren sie, dass 64 Prozent der jungen Unternehmer Kopfnoten zwar nicht als allein entscheidendes Einstellungskriterium heranziehen. "Aber", so mahnte der Vorsitzende der Wirtschaftsjunioren Mittleres Ruhrgebiet Philipp Böhme: "Bei gleichen Voraussetzungen werden sie durchaus berücksichtigt." Genau davor warnt ausdrücklich der Vorsitzende der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im einwohnerstärksten Bundesland. "Wenn im Abschlusszeugnis die Note befriedigend im Arbeitsverhalten auftaucht, bedeutet das null Chance auf einen Job", fürchtet Andreas Meyer-Lauber.

Kein konstruktiver Beitrag

Nach seiner Einschätzung stellen Kopfnoten keinen konstruktiven Beitrag zur Werterziehung und zur Unterstützung der Bildungs- und Erziehungsarbeit der Schulen dar. Im Gegenteil. Die mit dieser Beurteilung verbundene Verschärfung des schulischen Leistungsdrucks sei das Gegenteil der notwendigen Verbesserung des Lernklimas und der schulischen Leistungen. Meyer-Lauber: "Lehrerinnen und Lehrer brauchen mehr Zeit zur individuellen Förderung und zur Sicherstellung einer vertrauensvollen Feedback-Kultur." Mit der Einführung schlichter Ziffernnoten für das Arbeits- und Sozialverhalten sei die Landesregierung in Düsseldorf lediglich den Wünschen der Unternehmen nachgekommen.

So wie die Wirtschaft denken allerdings auch die meisten Deutschen. Eine repräsentative Online-Erhebung des Markt- und Trendforschungsinstituts EARSandEYES belegt: Zwei Drittel der 1 053 befragten Bundesbürger erachten Kopfnoten für sinnvoll. Hauptargument: Soziales Verhalten sei wichtig und werde so auch fürs spätere Leben gefördert. Besonders die Generation der 30- bis 49-Jährigen ist überzeugt, die Kopfnoten hätten gar nicht erst abgeschafft werden dürfen, wie es in den 70er Jahren in den alten und nach der Wende in den neuen Bundesländern geschah.

Rund jeder dritte Deutsche dagegen hält gar nichts von den Noten. Soziale Kompetenz ließe sich nicht mit Notendruck erzwingen, lautet ein Argument. Des Weiteren wird befürchtet, die Jugend hielte sich fortan mit kritischen Äußerungen zurück und beginne zu "schleimen".

Druckmittel zur Disziplinierung

Zu den Gegnern zählen auch der deutsche Grundschulverband oder etwa die katholische und evangelische Kirche in NRW. Letztere haben mit dem ansonsten in diesem Punkt standfesten Ministerium eine Sonderegelung ausgehandelt – Konfessionsschulen dürfen auf die Noten verzichten. Dass ausgerechnet der Sohn des Staatssekretärs im Schulministerium und Notenfans eine katholische Privatschule besucht, ließ manch einen im Land amüsiert schmunzeln.

Ernsthafter wird es, wenn sich der Siegener Bildungsforscher Hans Brügelmann zum Thema äußert. Er fürchtet, dass Kopfnoten Zukunftsperspektiven verbauen und dass sie als Druckmittel zur Disziplinierung missbraucht werden können. Deren Aussagekraft vergleicht er mit Fachnoten: "Beide sagen über eine Leistung so wenig aus wie die Zahlen des Fieberthermometers über die Art der Krankheit."

Das sieht Barbara Sommer völlig anders. Kopfnoten gäben Aufschluss über das Arbeits- und Sozialverhalten eines Schülers. Und zwar in einer Form, die von Eltern nachvollzogen werden könnte. Das sei bei Berichtszeugnissen nicht immer der Fall. Glaubt die Schulministerin. Sie meint: "Eltern brauchen eine klare Rückmeldung von den Schulen, um auf ihre Kinder einwirken zu können. Und die Schule braucht die Mitwirkung der Eltern, wenn sie ihren Erziehungsauftrag erfüllen will."

Brügelmanns Hoffnung, der Widerstand gegen Kopfnoten möge eines Tages erfolgreich sein, wurde bislang enttäuscht. Mehrere Verwaltungsgerichte, darunter welche in NRW und in Mecklenburg-Vorpommern, wiesen Klagen von Eltern und Schülern ab. Die bauen nun verstärkt auf die unausgesprochene Absprache der ebenfalls kopfnotenunwilligen Lehrerkollegien – wenn Noten verteilt werden müssen, gibt´s halt die Einheitsnote "gut".

Geschichte der Kopfnoten

Die Ursprünge der Kopfnoten liegen weit zurück. Im 16. Jahrhundert tauchten sie auf den Benefizienzeugnissen auf. Mit ihnen bemühten sich arme Schüler um ein Stipendium. In dem sogenannten Sittenzeugnis wurden Fleiß und Führung bewertet. Diese Beurteilung von Charakter, Betragen und Arbeitsverhalten wurde in unterschiedlichen Formen bis ins 20. Jahrhundert beibehalten. Mit Beginn der 70er Jahre wurden die Kopfnoten, deren Name von ihrer Platzierung am Kopf des Zeugnisses herrührt, nach und nach in den meisten alten Bundesländern abgeschafft. Begründung: Kopfnoten seien zu willkürlich. Außerdem solle Schule Leistung und nicht Charaktere beurteilen. In der DDR wurden Kopfnoten bis zum Ende des Regimes verteilt. Seit der Jahrtausendwende kehrt sich die Entwicklung um, und Kopfnoten tauchen wieder vermehrt auf den Zeugnissen auf.

Kompakt

Zwei Drittel aller Bundesbürger finden Kopfnoten sinnvoll. Doch wie die Zensuren fürs Arbeitsverhalten entstehen, bleibt oft undurchsichtig. Zu unterschiedlich sind die Regelungen in den einzelnen Bundesländern – und zu häufig fühlen sich Schülerinnen und Schüler falsch beurteilt.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst

4 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von seppl, am 11.12.2009, 17:55

tendenziöser Artikel. Verzicht auf Beuteilungen würde den Verzicht auf feedback und den Verzicht auf die Nutzung von Erfahrungen bedeuten. Wer das will, der bilde sich anhand der Entwicklung zum zeitgenössischen Arbeitszeugnis, welches inzwischen überhaupt keinen Aussagewert mehr hat! Für diejenigen, die versuchen jeweils geeignete Bewerber auszuwählen bedeutet weniger Information keinen Fortschritt.

von leolou, am 12.12.2009, 14:05

Kopfnoten sind absolute Willkür und subjektives Druckmittel! Wenn dem Lehrer die Nase eines Schülers nicht passt, dieser aber in seinen schulischen Leistungen immer vorne dabei ist, kann er ihm hier wunderbar "einen reindrücken". Für Grundschüler bedeutet dies, keine Gym-Empfehlung, keinen Platz auf den Gesamtschulen! Da bleibt dann das Auslaufmodell Realschule oder Prognoseunterricht.

von Franz Josef Neffe, am 13.12.2009, 11:11

Die Frage ist nicht korrekt. Wenn wir von der praktizierten pädagogischen Realität ausgehen, muss sie heißen: "Sollen Kopfnoten als einzige päd. Handlung kein Druckmittel sein?" Damit steht die Antwort auch schon fest: Es ist nicht möglich, in einem Drucksystem an einer Stelle keinen Druck zu machen, das würde das gesamte System zusammenbrechen lassen.

Als Ich-kann-Schule-Lehrer weise ich schon über 30 Jahre auf den Unterschied zwischen Druck und Zug/Sog hin. Sog kommt aber de facto in unserer Pädagogik gar nicht vor, also weiß auch de facto keiner, was es ist.

Demonstriert wird - so makaber das klingen mag - nur für weniger Druck. Weniger Druck ist aber immer noch Druck. Und Druck besteht eben gerade darin, dass er nicht weniger sondern MEHR wird. Bei Druckabfall würde ja SOG entstehen: eine ganz neue Erfahrung! Eine systemsprengende Erfahrung.

Druck komprimiert Probleme, Sog löst.

Wenn man dann nicht nur Zeugnis schreiben sondern Zeugnis geben würde, dann könnte auch eine Aussage darüber, wie man einen Menschen erlebt hat, durchaus aufrichtende SOGwirkung haben. Die Frage ist, ob das noch gebraucht wird, in einem System, das Wachstum zulässt und fördert. Ich grüße freundlich.

Franz Josef Neffe

von A. Anonym, am 15.12.2009, 19:22

Meine Erfahrung: Hier kann leider Willkür walten! Plötzlich und unerwartet stürzte mein Sohn (Sekundarstufe I) von der besten auf die schlechteste Note im Arbeitsverhalten ohne irgendeine Vorwarnung. Begründung des Klassenlehrers war wechselnd und dürftig: von einmal nicht gemachten Hausaufgaben bis in den letzten Wochen hätte er gestört...mit dem Nachbarn geredet - ja und was war in den ganzen Wochen und Monaten davor und der freiwilligen Teilnahme an einem Projekt, die freiwillige Übernahme von Zusatzaufgaben? Das Pojekt stände ja schon unter "Bemerkungen"... Eine andere Lehrkraft ist anderer Meinung, will aber nicht gegen den Strom schwimmen (wenn doch sonst keiner dem Klassenlehrer, der die Zensur in der Konferenz vorschlägt, widerspricht..) Auch die Lehrergewerkschaft sagt, dass den Lehrern kaum Zeit bleibt über die Kopfnoten zu sprechen. Schlecht finde ich außerdem die Vorgabe, dass der Klassenlehrer die Kopfnoten in der Konferenz vorschlägt, da dieser in unserem Fall lediglich 2 Stunden die Woche unterrichtet, besser wäre der Lehrer, der das Kind die meisten Stunden unterrichtet und noch besser: garkeine Kopfnoten, wegen des viel zu großen Aufwandes, wenn man es wirklich gerecht machen will und was ist schon ein gutes Arbeitsverhalten bei dem einen Lehrer, wenn doch der andere es schlecht findet (wie in unserem Fall)


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