Wenn Theater Schule macht
Darstellendes Spiel wird 2010 bundesweit Abi-Prüfungsfach
Mehr zu: Abschlussprüfungen, Gymnasium, Künstlerische Fächer, Schule(ht). Seit zwei Jahren ist das Darstellende Spiel als Prüfungsfach für das Abitur zugelassen – und wird ab 2010 auch in allen Bundesländern angeboten werden. Eine Aufwertung, hinter der die Einsicht steckt, dass Theaterspiel für die heutige Zeit wichtige Bildungsprozesse in Gang setzt. Doch das Theater kann noch mehr: Es verändert Schulen von innen.
"Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Schillers geflügeltes Wort muss oft herhalten, wenn es ums Darstellende Spiel geht. Indes tritt das Fach immer mehr aus seiner Randexistenz in der Schule heraus. Seit zwei Jahren ist es Abitur-Prüfungsfach. Laut Experten enthält das Medium Theater viele Elemente einer zeitgemäßen Bildung. Und es besitzt noch einen Vorzug: Es verändert Schulen von innen.
Wer sich heute ein Bild vom Schultheater machen will, muss mit alten Vorstellungen brechen. Die Zeit, in denen Klassiker schlicht per Kulisse und Klamotte im Modus des Laienspiels über die Rampen der Schulaulen gingen, ist passé. Gespielt werden oft mitreißend moderne Inszenierungen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele Kinder- und Jugendtheater machen vor, wie aktuelle Themen und zeitgemäße Ästhetik sich verbinden lassen. Das wirkt sich aus. Viele Bundesländer pflegen Förderprogramme für Theater an der Schule. Zudem protegieren Projekte wie "Kinder zum Olymp" die Kooperation der Hochkultur mit Schulen vor Ort. So ist der generelle Transfer aktueller Bühnenkunst in die Köpfe der Schüler immens. Selbst "Theater heute", das führende Magazin der Profis, attestierte dem Schultheater anerkennend eine neue Qualität.
Trainieren und Entdecken statt bloß Texte bimsen
Doch wie sieht sie aus? Was macht diese Theaterarbeit so neu und anders? Eine der Antworten: Die Theaterpädagogik mit ihrem reichen Repertoire an Methoden ist in den Schulen angekommen. So bimsen die Schüler nicht bloß Texte auswendig. "Sie lernen eine größere Bandbreite ihres Körpers und ihrer Stimme kennen und erweitern ihre Ausdrucksmöglichkeiten. Wir beschäftigen uns mit der Bedeutung von Rhythmus, Rolle, Raum und Requisite wie auch von Regiekonzepten. Wir trainieren die diversen Spielarten und Genres. Wir improvisieren und entwickeln Szenen frei. Erst danach beginnt die Arbeit am Stück", gewährt Harro Pischon einen Einblick in sein Tun als Theaterlehrer am Arndt-Gymnasium in Berlin-Dahlem. Die Schule profiliert sich schon seit 20 Jahren mit ihrem Theaterangebot. Vor kurzem erst setzte man die Knobloch-Biografie über Moses Mendelssohn in eine Aufführung, die intellektuell wie ästhetisch hohen Ansprüchen genügte. "Das sind Projekte, die ein ganzes Jahr Arbeit bedeuten", lässt der Schulmann erahnen, auf was für eine intensive Auseinandersetzung sich die Schülerinnen und Schüler dabei einlassen, und er fügt hinzu: "Der übliche Schulstoff kennt selten diese Ausdauer und Nachhaltigkeit."
Schüler lernen mit und für ihre Erscheinungskraft
Während der Körper, abgesehen vom Sportunterricht, sonst in der Schule stillgelegt ist, lässt sich Theater nicht ohne ihn denken. Wer immer auf der Bühne agiert, ist mit allen Sinnen und all seinen Ausmaßen beteiligt. Experte Dr. Eckart Liebau, Pädagogik-Professor und wissenschaftlicher Leiter des Studiengangs Darstellendes Spiel an der Universität Nürnberg-Erlangen, spricht dabei vom "Erscheinungsleib". Die Kinder und Jugendlichen werden trainiert, ihren Körper im größeren Stile zu nutzen. Ihr Auftreten verbessert sich. Sie wirken selbstbewusster. Es schult fürs Leben. Denn man schlüpft in andere Rollen und muss sich fremde Figuren "anverwandeln". Soziale Situationen sind zu erfassen, gegebenenfalls historische und politische Umstände. Das fordert Empathie und fördert die intellektuelle Durchdringung. Unterschiedliche Lebensentwürfe werden erprobt und am eigenen Leibe erfahren. So trägt die Schauspielerei in der Schule mit "leibhaftigen Erfahrungen" zur Entfaltung der Person bei.
Es schult die menschlichen Kräfte, weckt schlummernde Potenziale und schärft die ästhetische Wahrnehmung. Ein reiches Spektrum, so Liebau, das wichtige Beiträge für eine zeitgemäße "allgemeine Menschenbildung im besten Sinne von Humboldt" leistet.
Komplexe Kompetenzen werden abgefragt
Während Liebau so die bildungstheoretische Begründung für das Fach liefert, staunt man über die komplexen Inhalte, die im Abitur beim Darstellenden Spiel "abgefragt" werden. Sach-, Gestaltungs-, kommunikative und soziokulturelle Kompetenzen sind die Überschriften dafür. So genügt es nicht, nur Szenen entwickeln und präsentieren zu können. Die Mittel des Theaters müssen genauso analysiert werden. Dramaturgie, Spielkonzepte, historische und aktuelle Theaterformen sowie bedeutende Stücke und Autoren als Bezugsgrößen stehen zudem auf dem Plan. Auch der Brückenschlag in die eigene Lebenswelt soll nachvollzogen werden. Was indes recht theoretisch klingt, wird vor allem handlungsorientiert vermittelt, wie Fachdidaktiker Dieter Link von der Uni Erlangen betont. Darin besteht die große Anforderung für die Unterrichtenden in der Schule. Fortbildungen oder Aufbaustudiengänge vermitteln ihnen dieses Können.
"Speerspitze der Schulentwicklung"
So hat sich das Fach zu einer eigenständigen Profession entwickelt. Schulen, die sich damit profilieren, das belegen Beispiele wie die Erika-Mann-Grundschule in Berlin, durchlaufen meist einen umwälzenden Prozess. Sie präsentieren sich nicht nur kunstvoll nach außen. Auch ihre innere Kultur wandelt sich. Denn Theater ist Ensembleleistung. Wenn dieses kreative Miteinander aufs Kollegium übergreift, dann verändert sich der Schulalltag grundlegend. Harro Pischon pointiert es knapp: Für ihn ist Theater die "Speerspitze der Schulentwicklung".
Kompakt
Theaterspiel fördert komplexe Kompetenzen. Darin ist es höchst aktuell für eine zeitgemäße Bildung. Dabei greifen die Schulen immer mehr auf theaterpädagogische Methoden zurück. Und nicht nur bei den Schülern wecken sie schlummernde Kräfte. Auch die Schulen selbst entwickeln sich durch Theater weiter.
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
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