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Lehrer: Helden im schlichten Gewand

Mehr zu: Lehrerbildung, Schule, Weiterbildung
30.12.2009 -

(imi). Sich angemessen im Klassenzimmer zu bewegen, den Raum zu fühlen, ihn in einem guten Sinne zu beherrschen und zu gestalten – das fällt manchen Lehrerinnen und Lehrern nicht leicht. Aber sie können es lernen, zum Beispiel von und mit zwei Bühnenprofis in Frankfurt.

Adelheid Engst und Inga Walther vom "Theater The" war im Rahmen ihrer Arbeit mit Führungskräften aufgefallen, dass Lehrerinnen und Lehrer sich nicht genug Raum nehmen, wenn sie vor ihrer Klasse stehen. "Dadurch verlieren sie an Präsenz, an Klarheit und damit an Persönlichkeit. Wer vor einer Gruppe steht, steht aber immer als ganze Person vorne. Und er muss, um mit dem, was er sagt, zu wirken, als Persönlichkeit eindeutig identifizierbar sein", erklären die beiden Frauen. In Workshops und Coaching haben Engst und Walther ihre Bühnenerfahrungen für Pädagogen aufbereitet.

Proxemik heißt das Fachwort für die Wissenschaft, die das Raumverhalten als ein Teil der nonverbalen Kommunikation untersucht. Die Bewegung im Raum wiederum ist ein zentrales Element der Schauspielkunst. Engst: "Theater spielen ermöglicht, mit eigenem und fremdem Rollenverhalten zu experimentieren, über Grenzen der eigenen Verhaltensmöglichkeiten hinauszugehen und neues Verhalten auszuprobieren. Es hilft, sich mit Körpersprache und Wort kraftvoll auszudrücken. Es ist ein Mittel, Präsenz im Raum zu trainieren."

Erfahren heißt spüren

55-38-7. So lautet die prägnante Formel von Albert Mehrabian zum Verständnis der Bedeutung von nonverbaler Kommunikation im Verhältnis zum gesprochenen Wort. Aus einer Studie in den 70er Jahren leitete der amerikanische Psychologe ab, dass die Wirkung einer Botschaft zu 55 Prozent von der Körpersprache, zu 38 Prozent von der Stimme und nur zu 7 Prozent vom Inhalt des gesprochenen Wortes abhängt. Die Prozentzahlen wurden im Laufe der Jahre immer mal wieder leicht korrigiert, aber an der grundsätzlichen Aussage, dass Körper und Stimme entscheiden, ob das gesprochene Wort ankommt oder nicht, hat sich nichts geändert. "Lehrer legen großes Gewicht auf das Wort und nehmen sich selbst als Person zurück. Sie sind geübt, zuzuhören, und glauben, man kann beschreiben, erklären und dadurch etwas erfahren. Aber das reicht nicht. Erfahren heißt immer spüren", erläutert Adelheid Engst.

Eine beliebte Szene in den Seminaren der beiden Schauspielerinnen ist das Rollenspiel "Gefeierter Torwart". Ein erfolgreicher Keeper ist das Rückgrat seiner Mannschaft. Er beherrscht den Raum zwischen den Pfosten. Er bewegt sich; nach oben, unten, vorne, hinten, seitwärts, diagonal. Er hält Kontakt zur Mannschaft; beobachtet, ist konzentriert, gibt Impulse, feuert an, mahnt zur Ruhe – und bleibt mit seiner ganzen Aufmerksamkeit mitten im Spiel. Im Seminar gibt es am Ende viel Applaus und Bravo-Rufe. Die Lehrer, die sich in die Rolle des Torwarts getraut haben, strahlen. Ob sie sich dieses gute Gefühl bis zur nächsten Unterrichtsstunde bewahren können?

Das Körpergedächtnis schulen

Genau darum geht es den Theaterleuten, um das "Abrufenkönnen" dieses guten Gefühls, darum, das Körpergedächtnis, wie es in der Schauspieltechnik heißt, zu schulen. Die Lehrer sollen dieses gute, starke, belebende Körpergefühl "Erfolgreicher Torwart" spüren können, wann immer es sie danach verlangt. "Sobald ein Lehrer dieses gute Gefühl wieder intensiv wahrnimmt, richtet sich sein Körper danach aus. Er erfährt dann seinen Körper als größer, seinen Machtraum als weiter, auch seinen Atem als kraftvoller. Seine Worte klingen, kommen an, reichen weit, sind machtvoll", beschreiben Engst und Walther den Effekt.

Die beiden Frauen sprechen mit Respekt und Achtung, fast mit einer gewissen Zärtlichkeit von den Lehrerinnen und Lehrern. Schließlich ist es nicht jedermanns Sache, sich in Seminaren gegenüber Kolleginnen und Kollegen mit seinen Stärken und Schwächen zu präsentieren. "Lehrer sind für mich Helden im schlichten Gewand", sagt Adelheid Engst. "Die, die zu uns kommen, sind sehr neugierig, interessiert und offen. Sie haben einen hohen Leistungsanspruch an sich selbst und viele Verbote im Kopf. Ich bin nicht gut genug, zum Beispiel; ich darf nicht machtvoll sein, nicht eitel, ich darf mich nicht in den Vordergrund spielen. Sobald wir das klar machen können, dass Vordergrund und Macht nicht etwas Schlimmes sind, dass es ohne ein sich seiner Macht bewusstes Auftreten nicht geht, verändert sich auch die Körperhaltung und damit die Körpersprache. Die Lehrer senden neue Signale aus. Sie stehen anders im Raum. Das ist es, was wir erreichen wollen."

Kompakt

Lehrerinnen und Lehrer achten zu wenig auf ihre Körperbewegungen und ihr Raumverhalten – zu sehr sind sie auf das fokussiert, was sie sprachlich vermitteln wollen. Doch eine angemessene Körpersprache des Lehrers hilft Schülerinnen und Schülern beim Lernen. Spezielle Seminare mit Theater-Profis helfen, das Körpergefühl wiederzufinden.

Erstveröffentlichung: Klett Themendienst

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Horst Költze, am 04.01.2010, 19:23

Eine hervorragende Idee, Lehrerinnen und Lehrer

für ihren Berufsalltag zu trainieren und zu stabilisieren.

Ein solches Training sollte bereits in der Studienphase etabliert werden, spätestens aber im Referendariat.

Dieses p e r s o n a l e E r f a h r u ng s l e r n e n in der Öffentlichkeit einer KollegInnengruppe IST DURCH NICHTS zu ersetzen.

Horst Költze, Studienseminarleiter


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