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UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder: Mittelplatz für Deutschland

Internationaler Vergleich zeigt ungelöste Probleme und pessimistische Einstellungen

Mehr zu: Bildungsausgaben, Bildungschancen, Deutschland, Gesundheit, Sport, Statistik, Sonderthemen
14.01.2010 -

(redaktion/pm) Mit einer neuen internationalen Vergleichsstudie zur Situation der Kinder in Industrieländern zeigt UNICEF für Deutschland Verbesserungen, aber auch erhebliche Probleme auf. Deutschland liegt jetzt auf Platz acht und damit im oberen Mittelfeld von 21 Industrienationen, wenn es darum geht, eine gute Lebensumwelt für Kinder und Jugendliche zu schaffen. Den ersten Platz belegen erneut die Niederlande. Dringenden Handlungsbedarf sieht UNICEF in Deutschland hinsichtlich der Situation allein erziehender Mütter und ihrer Kinder. Sie sind seit Jahren unverändert besonders stark von materieller Armut betroffen. Als Besorgnis erregend wertet UNICEF, dass Jugendliche hierzulande ihre beruflichen Perspektiven düsterer sehen als ihre Altersgenossen in allen anderen Industrienationen. Sie berichten häufiger als junge Menschen in anderen Ländern davon, sich allein gelassen und als Außenseiter zu fühlen.

"Es gibt keinen Anlass, es sich auf einem Mittelplatz bequem zu machen. Denn dahinter verbergen sich deutliche Defizite", sagte Regine Stachelhaus, Geschäftsführerin von UNICEF Deutschland, bei der Vorstellung der Studie in Berlin. "Der Armutsdruck ist gerade für Alleinerziehende dramatisch. Sie werden von der Politik bisher nicht erreicht."

"Erwachsene müssen Kindern den Glauben an sich selbst vermitteln, um sie auch für eine unsichere Zukunft zu stärken. ´Du kannst es schaffen!´ – das ist die Botschaft, die bei amerikanischen Jugendlichen trotz ungünstigerer Bedingungen ankommt. In Deutschland vermitteln wir vor allem mögliche Gefahren. Nach dem Motto: ´Pass auf, dass Du nicht scheiterst!´", so der Autor der Studie, Prof. Hans Bertram von der Humboldt-Universität Berlin.

Anknüpfend an die wegweisende UNICEF-Studie im Jahr 2007 haben die Autoren Hans Bertram und Steffen Kohl das Wohlbefinden der Kinder in 21 Industrieländern anhand von sechs Dimensionen umfassend verglichen: materielles Wohlbefinden, Gesundheit und Sicherheit, Bildung und Aus-bildung, Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen, Verhaltensrisiken sowie subjektives Wohl-befinden der Kinder und Jugendlichen. Grundlage sind neueste Daten von Eurostat, OECD, PISA, Weltgesundheitsorganisation, Weltbank und deutschem Mikrozensus sowie eigene Berechnungen.

Deutschland im internationalen Vergleich

Verbessert hat sich Deutschland in den Dimensionen "Bildung", "Beziehungen zu Gleichaltrigen und Familie" sowie "Verhalten und Risiken". 2007 schnitt Deutschland im Gesamtvergleich nur mittelmäßig ab und belegte im Gesamtvergleich Platz elf von 21 Ländern – das aktuelle Ergebnis bedeutet eine Verbesserung um drei Plätze.

  1. Dimension "Materielles Wohlbefinden": Anhaltend schwierig ist die materielle Situation vieler Kinder in Deutschland. Insbesondere Kinder, die bei Alleinerziehenden aufwachsen, sind überproportional von Armut betroffen. Von rund 2 Millionen Kindern und Jugendlichen, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, müssen 34 Prozent oder fast 700.000 Kinder mit weniger als 60 Prozent des Äquivalenzeinkommens auskommen. Rund 350.000 verfügen sogar nur über weniger als 50 Prozent. Der Armutsdruck für Alleinerziehende ist seit zwölf Jahren unverändert hoch. Selbst wenn sie es schaffen, berufstätig zu sein, ist es ihnen kaum möglich, der Armut zu entkommen.

  2. Dimension "Gesundheit und Sicherheit": Deutschland belegt erneut Platz elf. Defizite gibt es weiter hinsichtlich der Säuglingssterblichkeit, des Geburtsgewichts der Kinder und der Impfrate.

  3. Dimension "Bildung und Ausbildung": In diesem Bereich sehen die Autoren trotz Fortschritten auch Besorgnis erregende Trends. So gibt es messbare Leistungsverbesserungen beim Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften. Deutschland liegt jetzt auf Platz sechs auf einem Niveau mit Schweden. Aber viele Kinder und Jugendliche blicken sehr düster in ihre berufliche Zukunft: So erwarten knapp 25 Prozent, dass sie nach Beendigung der Schule und der Ausbildung nur Arbeiten mit niedriger Qualifikation ausüben werden. In den USA, die im Gesamtvergleich ganz hinten liegen, haben nur 9 Prozent eine so pessimistische Erwartung hinsichtlich ihrer Zukunftschancen. Deutschland liegt hier auf dem letzten Platz aller untersuchten Industrieländer.

  4. Dimension "Beziehungen zur Familie und zu Gleichaltrigen": Im internationalen Vergleich liegt Deutschland auf Platz neun im Mittelfeld. Allerdings wird der Alltag der Familien in Deutschland im Unterschied zu vielen anderen Ländern wie den USA oder Frankreich stark von einer "Verlängerung" der Schule in die Familie bestimmt: Hausaufgaben werden außerhalb der Schulzeit zu Hause erledigt, Eltern oft zu "zwangsverpflichteten Hilfslehrern" - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Rollen und die Kommunikation in der Familie.

  5. Dimension "Verhaltensrisiken": Bei den Verhaltensrisiken junger Menschen schneidet Deutschland auf Platz sieben relativ gut ab. So sind direkte körperliche Auseinandersetzungen zwischen Kindern und Jugendlichen im internationalen Vergleich relativ selten. Allerdings berichten überdurchschnittlich viele Jungen und Mädchen, dass sie von anderen drangsaliert oder gemobbt wurden - wie in der ersten UNICEF-Studie ist das etwa jeder dritte junge Mensch. Rund 12 Prozent der Jugendlichen im Alter von 13 und 15 Jahren in Deutschland leiden an Übergewicht und Bewegungsmangel - in den Niederlanden sind dies nur 8 Prozent. Obwohl sich der Anteil halbiert hat, liegt der Prozentsatz der rauchenden Kinder immer noch deutlich höher als etwa in Schweden, Norwegen und den USA. Jedes achte Kind gab an, bereits mehrmals betrunken gewesen zu sein.

  6. Dimension "Subjektives Wohlbefinden": Hinsichtlich der eigenen Einschätzung von Kindern und Jugendlichen zu ihrer Lebenssituation befindet sich Deutschland insgesamt auf Rang neun. Hinter diesem Mittelplatz verbergen sich allerdings einige gravierende Probleme: 6 Prozent der Heranwachsenden erleben sich als Außenseiter. 11 Prozent der befragten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in Deutschland geben an, sich "unbehaglich und fehl am Platz" zu fühlen. Etwa jeder dritte 15-Jährige sagt, dass er sich "alleine" fühlt. Bei der Lebenszufriedenheit insgesamt liegt Deutschland dann sogar auf dem viertletzten Platz von 21 Ländern. Erfreulich ist dagegen: Überdurchschnittlich hoch – bei fast 36 Prozent - liegt der Anteil der Kinder in Deutschland, die die Schule nach eigenen Angaben "sehr gerne" mögen.

Deutschland muss kindergerecht werden – UNICEF-Forderungen

Vor dem Hintergrund der neuen Vergleichsstudie appelliert UNICEF an Bundesregierung, Länder und Kommunen, das Wohlbefinden und die Rechte der Kinder zum Maßstab ihrer politischen Entscheidungen zu machen:

  • Politik, Medien und Forschung dürfen Kinder nicht ausschließlich aus der Perspektive ihrer Leistungsfähigkeit beurteilen. Ihr Selbstvertrauen und ihre Rechte müssen grundlegend gestärkt werden. UNICEF fordert erneut, Kinderrechte im deutschen Grundgesetz zu verankern, damit die Rechte der Kinder Vorrang haben.
  • Der Kampf gegen Kinderarmut in Deutschland muss gezielt verstärkt werden. Vor allem Alleinerziehende und ihre Kinder brauchen deutlich mehr Unterstützung, um der Armutsfalle entkommen zu können. Denn alle Kinder haben das Recht auf eine eigenständige materielle Absicherung, die sich am tatsächlichen Bedarf orientiert.
  • Es muss mehr getan werden, um die Gesundheit der Kinder zu fördern. Übergewicht bei jungen Menschen ist in Deutschland - wie in anderen Ländern auch - ein wachsendes Problem. Sport und Bewegung sowie ausgewogene Ernährung müssen einen höheren Stellenwert erhalten. Medien, Politik und Elternhäuser sollten sich konsequenter gegen Rauchen und Alkoholkonsum positionieren.
1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Horst Költze, am 14.01.2010, 19:14

Eine fundamentale anthropologische Erkenntnis des Existenzphilosophen Sören Kierkegaard lautet:

DER MENSCH DENKT IN ANDEREN KATEGORIEN ALS IN DENEN ER EXISTIERT.

Daraus resultiert meine Frage?

Wie kann es gelingen, dass die festgestellten Defizite in der Zustandsbeschreibung der LAGE DER KINDER nicht nur den Kopf sondern auch das Herz der EntscheidungsträgerInnen erreichen???

Horst Költze, Buchautor


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