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Zuspruch für Imam-Ausbildung an Unis – mehrere Interessenten

Bund will sich an Aufbaukosten beteiligen

08.02.2010

(dpa) – Die geplante Ausbildung islamischer Religionslehrer und Imame an deutschen Universitäten stößt auf breite Zustimmung. Parteien, Gewerkschaften, die katholische Kirche und muslimische Verbände unterstützen einen entsprechenden Vorschlag des Wissenschaftsrats. Dieser sei "ein richtiges Zeichen für die Integration der etwa vier Millionen Muslime in Deutschland", sagte die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), am 1. Februar in Berlin. Das Expertengremium empfiehlt, Institute für islamische Theologie an zwei bis drei Hochschulen aufzubauen.

Die jährlichen Kosten pro Institut schätzt der Vorsitzende des Wissenschaftsrats, Peter Strohschneider, auf rund 1,5 Millionen Euro. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) stellte eine finanzielle Beteiligung des Bundes an den Aufbaukosten in Aussicht. Sie lobte den Entwurf des Rats als "Teil moderner Integrationspolitik". Mehrere Universitäten haben bereits ihr Interesse bekundet, so die Unis in Osnabrück, Münster, Tübingen, Heidelberg und Jena.

Für die Umsetzung seiner Reformvorschläge für alle Theologien und Religionswissenschaften an den deutschen Universitäten hält der Wissenschaftsrat eine grenzüberschreitende Koordination der Bundesländer sowie der Bistümer und Landeskirchen für dringend erforderlich. Die Entscheidung für die Standorte der neuen Islam-Zentren sollte möglichst zügig umgesetzt werden, hieß es am 4. Februar beim Wissenschaftsrat. Er rechnet in den nächsten zwölf Monaten mit ersten Schritten. Das Expertengremium, dem Wissenschaftler und mehrere Fachminister angehören, berät seit über 50 Jahren Bund und Länder in Fragen der Hochschul- und Forschungspolitik.

Mit den neuen Zentren soll die "fundierte Ausbildung" von islamischen Religionslehrern, Imamen und Nachwuchswissenschaftlern sichergestellt werden, ähnlich wie in den evangelischen und katholischen Theologie- Fakultäten. So lautet die Empfehlung des Wissenschaftsrats "zur Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen".

Aufgaben der Beiräte bis zuletzt umstritten

Die Stellungnahme beriet eine Expertengruppe des Wissenschaftsrat in Zusammenarbeit mit den Kirchen und dem Koordinationsrat der Muslime in Deutschland zwei Jahre lang. Ausdrücklich fordert der Wissenschaftsrat darin, Islamstudien, Forschung und Ausbildung an staatlichen Hochschulen vorzunehmen – und nicht privaten Einrichtungen zu überlassen.

Zunächst sollen an zwei bis drei Hochschulen Zentren für islamischtheologische Forschung aufgebaut werden. Für die Zusammenarbeit zwischen Staat und muslimischer Glaubensgemeinschaft schlägt der Wissenschaftsrat an den Hochschulen die Einrichtung "theologisch kompetenter Beiräte für Islamische Studien" vor. Sie sollen an der Einrichtung, Änderung und Aufhebung von theologischen Studiengängen sowie bei der Einstellung des wissenschaftlichen Personals beteiligt werden. Die Ausgestaltung dieser Beiräte war im Wissenschaftsrat bis zuletzt umstritten.

In den Beiräten sollen neben Vertretern muslimischer Verbände auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens überprüfen, ob bei möglichen Professoren Einwände aus religiösen Gründen bestehen. "Wir setzen hier auf ein Konsensprinzip", sagte Strohschneider. Die Universitäten sollen die Mitglieder der Beiräte nach Ansicht des Wissenschaftsrats gemeinsam mit den muslimischen Organisationen benennen. Das Modell soll nach fünf Jahren evaluiert und auf seine Anwendbarkeit überprüft werden.

Bislang wird an deutschen Hochschulen nur ein sehr geringer Teil der islamischen Religionslehrer ausgebildet – vor allem an der Universität Münster. Weiterbildungsangebote an Hochschulen gibt es in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Der überwiegende Teil der an deutschen Schulen eingesetzten islamischen Religionslehrer wie auch der Imame in den Gemeinden kommt bisher aus der Türkei.

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates befassen sich auch mit der christlichen Theologie sowie der Judaistik und den Jüdischen Studien an deutschen Hochschulen. Angesichts des Wandels in einer "religiös pluralisierten Gesellschaft" schlägt der Rat "bedarfsgerechte Anpassungen der christlichen Theologien" vor. Katholische wie Evangelische Fakultäten sollten "stärker als bisher auch in der Forschung ihren theologischen Zusammenhalt pflegen".

Insbesondere an die Katholische Kirche geht "die dringende Bitte", sich aus dem Habilitationsverfahren zurückzuziehen, weil es sich bei der Qualifikation für den Professorenberuf "um eine rein akademische Angelegenheit handelt". Die Erteilung der Lehrbefugnis in der Theologie ("Nihil obstat") ist zwischen Staat und Kirche in vielen Bundesländern heute noch durch fortgeschriebene Konkordate aus der Preußenzeit geregelt. Für den Bereich Judaistik/Jüdische Studien empfiehlt der Rat, "die noch bestehenden institutionellen Abhängigkeiten" von den Evangelischen Fakultäten aufzulösen, die Standorte zu stärken und eigenständige Studiengänge einzurichten.

Türkische Gemeinde sieht "Integrationssignal"

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) sieht in der Empfehlung des Wissenschaftsrats ein wichtiges Integrationssignal. Es sei wichtig, dass solche Zentren für islamisch-theologische Forschung unabhängig arbeiten, sagte ihr Vorsitzender Kenan Kolat am 30. Januar der Deutschen Presse-Agentur dpa. Mit der Ausbildung von Islamlehrern an deutschen Universitäten werde eine Forderung seiner Organisation erfüllt. Die Erteilung des islamischen Religionsunterrichts scheitere allerdings oft an der Frage von zuverlässigen, das heißt verfassungskonformen Trägern. Kolat: "Die Türkische Gemeinde in Deutschland plädiert deshalb für einen Islamkunde-Unterricht unter der Regie der jeweiligen Landesregierungen."

Der Sprecher des Koordinierungsrates der Muslime, Bekir Alboga, unterstrich in der "Süddeutschen Zeitung" vom 30. Januar, die muslimischen Verbände müssten "zumindest für den Anfang" genauso über die Inhalte der Studiengänge und die Berufung von Professoren mitentscheiden können wie die christlichen Kirchen. Der Islam als Studienfach an Hochschulen sei zu begrüßen, teilte Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, mit.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Ludwig Spaenle (CSU), erklärte, die Einführung von islamischem Religionsunterricht an den Schulen – ähnlich dem christlichen – sei erschwert, weil dem Staat bei den Muslimen ein einheitlicher Ansprechpartner fehle. Gleichwohl seien alle Bundesländer daran interessiert.

Der Vorstoß "sei eine notwendige und längst überfällige Maßnahme zur Integration der muslimischen Bevölkerung", sagte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer der dpa. Um den Bedarf an islamischem Religionsunterricht an deutschen Schulen zu decken, würden bis zu 5000 ausgebildete Fachkräfte gebraucht. Strohschneider geht von rund 2000 benötigten Lehrern aus. Nach einer Übersicht der Kultusministerkonferenz aus dem Sommer 2008 erteilten jedoch erst 350 Lehrkräfte islamischen Religionsunterricht an Schulen.

Demmer verwies darauf, dass nach dem Grundgesetz jeder Religionsgemeinschaft ein bekenntnisorientierter Religionsunterricht zustehe. Die Politik habe diese Frage jedoch Jahrzehnte lang "schleifen" lassen und zugelassen, "dass muslimischer Religionsunterricht hauptsächlich außerhalb der Schulen in den Gebetshäusern von muslimischen Religionsgelehrten erteilt wird". Demmer: "Dies war sicher eher ein Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft als zur Integration."

Für die Grünen ist die Anbindung von Islam-Studien und Ausbildung an staatliche Universitäten "ein richtiger und wichtiger Schritt, um den Islam in Deutschland weiter aus den Hinterhöfen herauszuholen und unter dem Dach des Grundgesetzes 'einzubürgern'".

Der Staatskirchenrechtler Wolfgang Bock verlangte Nachbesserungen bei den muslimischen Beiräten. Sie sollten noch nicht das letzte Wort sein, sagte Bock im Deutschlandradio Kultur. Die Beiräte seien lediglich ein Ersatzkonstrukt für eine fehlende Religionsgemeinschaft im Islam.

Der Islam-Wissenschaftler Bülent Ucar, der an der Universität Osnabrück Islamische Religionspädagogik lehrt, betonte im MDR INFO: "Theologen und Religionspädagogen, die hier zu Hause sind, können viel besser auf die Situation vor Ort reagieren...."

Mehrere Universitäten in den Startlöchern

Niedersachsen sieht sich für eine Ausbildung muslimischer Geistlicher gut vorbereitet. Zum Wintersemester in diesem Jahr soll an der Universität Osnabrück ein Weiterbildungsangebot für Imame – Vorbeter in muslimischen Gemeinden – starten. Innenminister Uwe Schünemann (CDU) erklärte in Hannover: "Wir sind weiter als die anderen Bundesländern." Ziel ist es, in Osnabrück eine grundlegende Imam-Ausbildung mit einem Bachelorstudiengang aufzubauen.

Auch die Universität Münster hat bereits "großes Interesse" am Aufbau eines islamischen theologischen Instituts angemeldet. Münster bildet seit 2004 als fast einzige Hochschule in Deutschland Lehrer für den bekenntnisorientierten islamischen Religionsunterricht aus. Die Universität hat eigenen Angaben zu Folge auch die größten Fakultäten für evangelische und katholische Theologie in Deutschland.

Die Universitäten Tübingen und Heidelberg wollen sich ebenfalls um Institute zur Ausbildung von Imamen und islamischen Religionslehrern bewerben. "Unser Interesse ist sehr ausgeprägt", sagte Tübingens Rektor Bernd Engler am 2. Februar der dpa. Die Hochschule sei in den Fächern Orientalistik, Islamwissenschaft, Theologie und interreligiöser Dialog sehr gut aufgestellt.

"Auch die Uni Heidelberg hat ihren Hut in den Ring geworfen", sagte eine Sprecherin. Denkbar seien neben der reinen Lehrerausbildung auch ein übergreifendes Angebot. Das könnte eine Verknüpfung der theologischen Forschung mit der Kultur- und Integrationsforschung sowie einem Kulturaustausch in der Praxis sein.

An der Friedrich-Schiller-Universität in Jena könnten ebenfalls künftig islamische Religionslehrer und Imame ausgebildet werden – zumindest wenn es nach dem Willen der dortigen Theologen geht. "Ich würde das unterstützen", sagte der Dekan der Theologischen Fakultät, Martin Leiner, am

  1. Februar der dpa. Schon jetzt gebe es an der Universität eine gute Islamwissenschaft, die an die Philosophische Fakultät angegliedert ist. Zudem werde in Jena bereits über die Beziehungen zwischen Judentum, Christentum und Islam geforscht. "Das würden wir gern intensivieren." Dabei könnte der Austausch mit muslimischen Kollegen sehr fruchtbar sein.

Vier Millionen Muslime – Sunniten als größte Gruppe

Mit rund vier Millionen Menschen stellen Muslime die größte Gruppe innerhalb nicht-christlicher Bekenntnisse in Deutschland. Das sind rund fünf Prozent der Einwohner der Bundesrepublik. Von den Muslimen stammen knapp drei Viertel aus sunnitischen Traditionen, 13 Prozent werden der alevitischen und 7 Prozent der schiitischen Richtung zugerechnet. Angehörige von Glaubensrichtungen wie Ahmadi, Sufi/Mystiker oder Ibaditen stellen eine Minderheit von zusammen weniger als 3 Prozent aller Muslime in Deutschland dar.

Anders als bei den beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland ist es bei den muslimischen Glaubensrichtungen häufig schwer, repräsentative dpa-Dossier Bildung Forschung oder allseits legitimierte Ansprechpartner zu finden. Eine wichtige Rolle spielen der "Koordinierungsrat der Muslime in Deutschland" sowie die "Türkische Gemeinde in Deutschland" (TGD).

Der Wissenschaftsrat

Der Wissenschaftsrat berät seit über 50 Jahren Bund und Länder in der Hochschul- und Forschungspolitik. Er hat zwei Kammern. Seiner "Wissenschaftlichen Kommission" gehören 32 vom Bundespräsidenten benannte Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen an. In seiner "Verwaltungskommission" sind einige profilierte Wissenschaftsminister sowie hohe Beamte von Bund und Ländern vertreten.

Die Empfehlungen des Wissenschaftsrates werden nach zunächst getrennter Beratung in den beiden Kammern anschließend in der Vollversammlung verabschiedet, die 54 Mitglieder hat. Spektakuläre Empfehlungen aus neuerer Zeit waren unter anderem die Vorschläge zur Verbesserung der Lehre und der Studentenbetreuung an den Hochschulen, zur Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge auch in Deutschland, zur Rolle der Universitäten und Fachhochschulen im deutschen Wissenschaftssystem und zur stärkeren Selbstauswahl der Studenten durch die Hochschulen.

Auch überprüft der Wissenschaftsrat regelmäßig Leistungsfähigkeit und Forschungsvermögen bestimmter Institute wie auch ganzer Fachdisziplinen. Gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) ist der Wissenschaftsrat zugleich wesentlicher Organisator der milliardenschweren Exzellenzinitiative von Bund und Ländern zur Förderung von Spitzenforschung an den Universitäten und zur Kür von "Elite"-Unis. Bis zur Föderalismusreform beriet der Wissenschaftsrat zudem Bund und Länder bei der Planung des gemeinsamen Hochschulausbaus. Vorsitzender des Wissenschaftsrats ist derzeit der Germanist Peter Strohschneider von der Ludwig-Maximilians-Universität München.

(dpa-Dossier Bildung Forschung 06/08.02.2010)


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