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Bildungspläne

"Wir brauchen einen Pakt für Kinder"

didacta 2010 Themendienst: Interview mit Dr. Ilse Wehrmann

Mehr zu: Bildungsausgaben, Bildungspläne, didacta - die Bildungsmesse, Frühe Förderung, Frühkindliche Bildung, Interviews, KITA, Orientierungspläne, Sprachförderung, Statistik, Weiterbildung, Kindergarten / Vorschule
23.02.2010 -

In den letzten Jahren standen Kindergärten im Mittelpunkt der bildungspolitischen Diskussion. Alle 16 Bundesländer haben Bildungs- oder Erziehungspläne entwickelt, und auch über die Verbesserung der Ausbildung wurde nicht mehr nur nachgedacht: Etliche Hochschulen bieten spezielle Studiengänge für Erzieherinnen an. Mittlerweile aber ist das Thema wieder eher in den Hintergrund getreten. Etwa, weil die Entwicklung so positiv verläuft? Das wollten wir von Dr. Ilse Wehrmann wissen. Die Diplom-Sozialpädagogin war bis 2007 Geschäftsführerin des Landesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen und ist heute als freie Beraterin im Bereich frühkindlicher Bildung tätig. Sie begleitet unter anderem den Aufbau der betriebsnahen Kinderkrippen der Daimler AG.

Frau Dr. Wehrmann, mittlerweile gibt es in jedem Bundesland Bildungspläne für den Elementarbereich. Sind die Inhalte bereits in allen Kitas angekommen?

Dr. Ilse Wehrmann: Da bin ich sehr skeptisch. In den Einrichtungen fehlt es sowohl an Maßnahmen zur Fort- und Weiterbildung wie an der Möglichkeit zur Implementierung der Bildungspläne und auch zur Kontrolle der Anwendung. Wenn also die Rahmenbedingungen nicht an die Anforderungen der Bildungspläne angepasst werden, dann verschwinden die Pläne alle wieder in den Schubladen.

Haben Sie denn überhaupt noch Hoffnung, dass die Rahmenbedingungen angepasst werden?

Dr. Ilse Wehrmann: Zurzeit bin ich auch sehr skeptisch, was die Rahmenbedingungen betrifft. So hat Beispiel Baden-Württemberg die Qualifizierung der Mitarbeiter außer Kraft gesetzt, damit auch die weitere Einführung des Bildungsplanes. Und das ist erst der Anfang, denn Baden-Württemberg ist ja ein Bundesland, dem es noch relativ gut geht.

Es hat sich aber doch einiges getan in den letzten Jahren, es gibt immer mehr Hochschulstudiengänge für Erzieherinnen und zum Beispiel auch den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab 2013.

Dr. Ilse Wehrmann: Ob und in welcher Qualität wir den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz bis 2013 umsetzen werden, ist ja die nächste Frage. Ich erlebe zurzeit drei Entwicklungen. Die Politik, die sich wieder eher um individuelle Leistungen kümmert wie Herdprämie und Kindergelderhöhung, statt in Infrastruktur zu investieren. Wir haben das höchste Kindergeld, aber die schlechteste Infrastruktur. Wir finanzieren Nichtbildung und belohnen Leute, wenn sie ihr Kind nicht in eine Bildungseinrichtung schicken. Obwohl PISA, UNICEF und viele andere Studien deutlich belegen, dass wir einen falschen Weg gehen, indem wir immer wieder auf diese individuellen Leistungszuwendungen setzen. Das andere ist, dass wir 50, 60 Studiengänge haben in Deutschland, die sich auf den Weg zu anderen Abschlüssen gemacht haben, die aber wenig vernetzt sind mit der Praxis und eigentlich auch kein Berufsprofil für die Absolventen haben. Wo finden diese nachher ihre Anstellung? Und dann gibt´s die Praxis, die tagtäglich aufgrund der Finanzlage der Kommunen mit schlechteren Rahmenbedingungen zu kämpfen hat. Alle drei Bereiche laufen parallel nebeneinander her. Ich glaube, wir brauchen jetzt einen großen Wurf, einen Pakt für Kinder oder einen Marshallplan, vielleicht auch einen Staatsvertrag, wo Bund, Länder und Kommunen sich auf einheitliche Standards und auf einen einheitlichen Bildungsplan mit einer einheitlichen Philosophie verständigen. Und vor allem auch mit einer Qualitätskontrolle.

Aber auch ein Staatsvertrag hilft wenig, wenn die Kommunen kein Geld haben.

Dr. Ilse Wehrmann: Ja, man kann in Deutschland sagen, die Entwicklung eines Kindes hängt von der Finanzkraft einer Kommune und der Einsicht eines Bürgermeisters ab. Der Bund macht ein Gesetz, die Länder machen Ausführungsbestimmungen und die Kommunen setzen um. Die haben aber häufig kein Geld. Die Zeche für die Wirtschaftsmisere zahlt der Bildungsbereich. Wir überlassen es dem einzelnen Bürgermeister und seinem Gemeinderat, wie Kinder sich in Deutschland entwickeln und das kann nicht sein. Ich glaube, die frühkindliche Bildung muss Chefsache werden und es muss auch Chefinnensache der Kanzlerin werden, wenn wir nicht an dieser Stelle weiter im Mittelmaß dahinplätschern wollen.

Was schlagen Sie konkret vor?

Dr. Ilse Wehrmann: Man müsste zu einem vom Bund finanzierten Gutscheinsystem kommen, rund 1000 Euro pro Platz und Monat. Ich würde das Geld nicht für die Herdprämie ausgeben. Wir brauchen ein Bildungskonjunkturprogramm und keine Abwrackprämie, denn wir bürden dieser nächsten Generation so unendlich viele Schulden auf und rüsten sie gleichzeitig bildungsmäßig nicht für die Zukunft.

Dazu auf er didacta

Symposion: Beobachtung und Dokumentation von Bildungs- und Lernprozessen in Kindergarten und Grundschule. Die zweitägige Veranstaltungsreihe acht Vorträge von Experten will zur Schulung der Beobachtungs- und Diagnosekompetenz im Überganzg von Kindergarten/Schule beitragen. Dazu haben Prof. Dr. Angelika Speck-Hamdan, LMU München, und Dr. Hans Rudolf Leu vom Deutschen Jugendinstitut acht Experten eingeladen, die gelungene Diangnosetools vorstellen und über verschiedene Modellprojekte berichten. Termin: 16. und 17.3.2010, 11.00 bis 17.00 Uhr. Ort: CC Ost, Congress-Saal, Sektion III.

Bildungsort Kita – Neue Wege in der frühkindlichen Bildung. Zum Thema "Weiterbildung ist Zukunft – Berufliche Perspektiven für Erzieher und Erzieherinnen" diskutieren unter anderem Prof. Wassilios E. Fthenakis (Universität Bozen), Dr.phil. Ilse Wehrmann, freie Beraterin im Bereich frühkindlicher Bildung und ehemalige Geschäftsführerin des Landesverbandes Evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder in Bremen und der Projektleiter des Schulen-ans-Netz-Projektes BIBER- Netzwerk frühkindliche Bildung, Gerhard Seiler gemeinsam mit zwei Erzieherinnen, die an der BIBER-Weiterbildung "Das geht gut mit Medien! Neue Wege zwischen Kita und Grundschule" teilgenommen haben. Dabei geht es unter anderem um die Fragen, welche gesellschaftlichen und fachlichen Erwartungen heute an Erzieherinnen und Erzieher gestellt werden und warum Erzieherinnen heute medienkompetent sein müssen. Im Anschluss an die Diskussion erhält die 10.000ste Absolventin des bundesweiten Medienqualifizierung für Erzieherinnen und Erzieher ihr Zertifikat. Um das Thema "Sprachförderung" geht es anschließend in dem Vorschulkinder-Format "JoNaLu" (ZDF), Halle 10, E-088, 19.03.2010, 11 Uhr

Der komplette Themendienst 2 zur didacta 2010 kann als PDF-Datei heruntergeladen werden. Alle Texte können kostenfrei für die Berichterstattung genutzt werden.

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