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"Schulunterricht zum Thema Internet ist sehr naiv"

Prof. Dr. Gradmann über Informationskompetenz in der Schule

23.02.2010

(redaktion/PM) Milliarden von Internet-Seiten halten Unmengen von Informationen vor. Das Wissen der Welt steht im Internet könnte man meinen. Machen uns Google und Wikipedia also eher schlau oder ist das Gegenteil der Fall? Mit Google und anderen Suche- und Finde-Maschinen erntet man erst einmal nur Daten, Fakten oder "einzelne Informations-Bruchstücke". Zu Informationen werden diese erst im Kontext mit den eigenen Erfahrungen und zu Wissen im Abgleich mit der Navigationslandkarte im Kopf. Nur als Experte auf dem jeweiligen Gebiet der Fachinformation, aber auch als Laie auf dem Gebiet der Alltagsinformation ist man überhaupt erst fähig, vertrauenswürdige Information von Falschinformation, Fehlinformation, gefälschter Information, und lückenhafter Information zu unterscheiden.

Mit dem erleichterten Zugang per Mausklick zu den Informationen ist eben noch längst nicht der kompetente Umgang mit diesen gewährleistet. Vereinfacht gesagt, mit Google und anderen Suchmaschinen findet man allenfalls das, wonach man gesucht hat, aber leider nicht das, wonach man nicht gesucht hat! Paradox? Nein, in der Informationswissenschaft gibt es feinjustierte und lange bewährte Verfahren der "Information Retrieval", die mittels Thesaurus-Funktion auch nach Ober- unter oder Neben- oder verwandten Begriffen sucht und damit eine Suche hoch vollständig und präzise gestaltet. In diesem Sinne bietet das Ranking-Verfahren von Google keine Wissenselemente, es googelt uns diese nur vor, ein bestimmendes Element ist vielmehr die Werbung.

Diese Welt der "Information Retrieval" oder "Informationswiedergewinnung" ist natürlich weit weg von der in Schule und Unterricht praktizierten Suchwelt, die durch Google und Wikipedia bestimmt wird. Trotzdem besteht der Anspruch an die Qualität der Suchergebnisse. Über diese Kluft gilt es eine Brücke zu spannen. Die Schule ist dafür ein geeigneter Ort, steckt aber selbst in dem beschriebenen Dilemma und kann deshalb derzeit keineswegs als Korrektiv wirken.

Denn selbst Lehrer wissen allzu oft nicht, wie sie mit dem Medium Internet umgehen sollen. Professor Stefan Gradmann vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität Berlin: "Hier haben wir ein ganz massives Fortbildungsproblem. Wir täten gut daran, unseren Lehrern die Möglichkeit zu geben, etwas grundsätzlicher in diese neuen Wissenswelten einzutauchen." Die meisten Lehrenden würden das Internet lediglich als elektrifizierte Variante traditioneller Kulturtechniken sehen. Gradmann: "Die wenigsten haben verstanden, dass sich hier etwas grundsätzlich zu verändern beginnt. In der Vermittlung von Informationskompetenz, also auch dem kompetenten Umgang mit dem Internet, ist der Schulunterricht - wo es solchen überhaupt gibt - doch sehr naiv." Aus diesem Grund hat sich die von Gradmann als Präsident geleitete Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis auch in ihrem Tätigkeitsschwerpunkt Informationskompetenz besonders auf den schulischen Bereich konzentriert.

"Der kompetente Umgang mit dem World Wide Web muss Gegenstand des Schulunterrichts werden", fordert Professor Gradmann anlässlich des 4. Leipziger Kongresses für Information und Bibliothek. Die Veranstaltung steht in diesem Jahr unter dem Motto "Menschen wollen Wissen! Bibliotheken im 21. Jahrhundert: international, interkulturell, interaktiv." Gradmanns Spezialgebiet "Wissen und Wissensgenerierung" ist eines der Themen, über das mehr als 3.000 Fachleute direkt vor der Buchmesse vom 15. bis 18. März im Congress Center Leipzig diskutieren werden.


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