Stuttgart (dpa) – Die neue baden-württembergische Kultusministerin Marion Schick will der gesellschaftlichen Abwertung der Hauptschulen entgegenwirken. "Es geht um Chancen und darum, dass wir erkennen, dass nicht die einzige Lebenschance darin besteht, auf ein Gymnasium zu gehen", sagte Schick am 24. Februar, ihrem ersten Arbeitstag, in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Stuttgart.
In Baden-Württemberg brodelt seit langemeine Schulstrukturdebatte, insbesondere über längeres gemeinsames Lernen. Können Sie sich vorstellen, dass Kinder später als nach der vierten Klasse auf die verschiedenen Schularten verteilt werden?
Schick: Junge Menschen entwickeln sich völlig unterschiedlich: Der eine weiß schon mit zehn Jahren ganz genau, wo er erfolgreich sein wird, ein anderer wird dies erst später entdecken. Es gibt keinen Zeitpunkt im Leben, an dem man Menschen bestimmten Laufbahnen zuordnen kann. Ich stelle mir vor, dass wir beginnend im Kindergartenalter für junge Menschen Bildungsperspektiven entwickeln und bis zu dem Punkt begleiten, an dem sie sagen: "Ich habe meinen Platz im Leben und Beruf gefunden".
Was können Sie dazu beitragen, die Hauptschule zu rehabilitieren?
Schick: Das ist eine gesellschaftliche Initiative. Wir müssen den Stellenwert der beruflichen Bildung erkennen und erhöhen. Als Kultusministerin habe ich die Verantwortung, den gesellschaftlichen Diskurs darüber in Gang zu bringen und zu verstärken.
Wie stehen Sie zu den von einigen kommunalen Schulträgern geforderten Modellversuchen etwa zum neunjährigen Gymnasium oder zum längeren gemeinsamen Lernen?
Schick: Über unterschiedliche Dauer von Gymnasien sollten wir meines Erachtens momentan nicht reden. Ich halte es für sehr schwierig, eine vor einigen Jahren eingeführte Reform, schon nach kurzer Zeit durch Schulversuche zu durchlöchern. Wir haben einen Systemwechsel gemacht, und es liegt auf der Hand, dass es Jahre braucht, um in einen Zustand zu gelangen, der sich eingependelt hat. Aber natürlich werde ich und wird mein Haus offen sein für Ideen, wie es besser wird.
Fühlen Sie sich in der Defensive, weil immer mehr Länder mit Blick auf längere gemeinsame Schulzeiten andere Wege beschreiten?
Schick: Baden-Württemberg ist führend in der Vielfalt, in der junge Menschen eine Hochschulzugangsberechtigung erlangen können. 50 Prozent der baden-württembergischen Hochschulzugangsberechtigten sind nicht den klassischen Weg über ein Gymnasium gegangen. Wir sind mit Sicherheit nicht in der Defensive. Nicht immer ist alles, was die Mehrheit macht, automatisch richtig. Ich möchte schon für uns in Baden-Württemberg in Anspruch nehmen, dass wir selbst den richtigen Weg finden. Wir haben bereits ein herausragendes Bildungssystem – aber nichts ist so gut, dass es nicht verbessert werden kann.
Welche Arbeitsschwerpunkte sehen Sie?
Schick: Die frühkindliche Bildung liegt mir besonders am Herzen. Denn alles, was wir jetzt nicht erreichen, müssen wir später teuer reparieren. Wir müssen junge Menschen für Bildung begeistern. Dabei bin ich froh, dass im Südwesten die Bildungshäuser drei bis zehn schon verankert sind. Auch die Integration von Migrantenkindern ist eines der Themen, an denen sich Bildungspolitik heute messen lassen muss. Die Frage ist, wie bringen wir Migranten zu Abschlüssen an weiterführenden Schulen. Da gibt es hervorragende Einzelprojekte wie das von der Bosch-Stiftung "Talente im Land", bei denen Schüler mit Migrationshintergrund für ihre Leistungen gewürdigt werden. Das sind Glanzlichter, die noch stärker in die Breite gebracht werden müssen.
Julia Giertz (dpa-Dossier Bildung Forschung 09/01.03.2010)