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Produktionsschule

Wenn Schüler um einen Platz in der Schule kämpfen

didacta 2010 Themendienst: Produktionsschulen können schulmüde Jugendliche vom Lernen begeistern

Mehr zu: Ausbildungsreife, Berufsberatung, Berufsorientierung, didacta - die Bildungsmesse, Hamburg, Hauptschule, Schulverweigerer, Übergang zur Berufsausbildung, Berufliche Bildung, Schule
01.03.2010 -

Seit Beginn der PISA-Erhebung 2000 ist der Anteil der 15-Jährigen, die als sogenannte Risikoschüler bezeichnet werden, konstant bei mehr als 20 Prozent geblieben. Viele dieser Schüler verweigern sich irgendwann der Regelschule und verlassen diese Institution ohne Abschluss. Was dann folgt, sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedliche und oftmals wenig erfolgreiche Berufsvorbereitungsmaßnahmen. Nach und nach entwickelt sich daneben in Deutschland für diese Jugendlichen aber auch ein neuer Schultyp mit einem ganz speziellen pädagogischen Ansatz: die Produktionsschule.

Produktionsschule Altona: Beim Videodreh
Produktionsschule Altona: Beim Videodreh - Bild: Produktionsschule Altona

"Produktionsschule – das ist der Versuch, theoretisches und praktisches Lernen miteinander zu verbinden. An konkreten Aufträgen werden marktfähige Produkte entwickelt und dann auch auf dem Markt angeboten", beschreibt der Leiter der Produktionsschule Altona, Thomas Johanssen das Konzept. "Wir haben zum Beispiel eine Tischlerei, die an Einzelaufträgen arbeitet. Da gibt es nicht nur praktische Probleme für die Schüler zu lösen, sondern auch theoretische: Preise müssen kalkuliert, die Bestellung der Materialien muss organisiert werden und vieles mehr."

Johanssen ist Vorsitzender des 2007 gegründeten Bundesverbandes Produktionsschulen (BvPs). Bevor er gemeinsam mit anderen Kollegen die Produktionsschule Altona gründete, hat er 20 Jahre lang an einer Berufsschule in verschiedenen Formen der schulischen Berufsvorbereitung unterrichtet. "Dort habe ich diesen sinnlosen Kampf ´Schüler gegen Lehrer`, ´Lehrer gegen Schüler` erlebt. Es war eine reine Warteschleife für die Jugendlichen." In Dänemark, wo es rund 100 Produktionsschulen gibt, haben Johanssen und seine Kollegen dann gesehen, wie Schule auch funktionieren kann. "Wir haben aber noch zehn Jahre gebraucht, um das Konzept hier in Hamburg durchzusetzen."

Der Tag an der Produktionsschule Altona beginnt mit theoretischem Unterricht in Deutsch Englisch und Mathematik. Zwei Stunden täglich werden die Schüler so auf die externe Prüfung zum Hauptschulabschluss vorbereitet. Nach dem Unterricht frühstücken alle gemeinsam. "Jede Produktionsschule hat eine Kantine oder Cafeteria", erläutert Johanssen. Anschließend arbeiten die Jugendlichen bis zum Nachmittag in der Werkstatt. Lehrer sind eine Minderheit in dieser Schule, in der ganz verschiedenen Professionen arbeiten und unterrichten: Tischler, Web Designer, Grafiker oder Köche.

Produktionsschule Altona: In der Lehrküche
Produktionsschule Altona: In der Lehrküche - Bild: Produktionsschule Altona

Eine billige Konkurrenz zu anderen Betrieben ist die Produktionsschule jedoch nicht: "Wir haben uns selbst verpflichtet, keine Dumpingpreise anzubieten. Damit enttäuschen wir Kunden häufig, die irrtümlich der Meinung sind, sie würden uns einen großen Gefallen tun, wenn sie uns einen Auftrag geben und dafür billig ein Regal gebaut bekommen. Wir orientieren uns an marktüblichen Preisen, sonst hätten wir ein Konkurrenzproblem."

Die Produktionsschule arbeitet eng mit den Schulen der Region zusammen. "Wenn sich dort ein Problem abzeichnet, treten die Schulen mit uns in Kontakt", erklärt Johanssen. "In einem Beratungsgespräch werden die Interessen der Schüler abgeklopft und dann folgt eine Probewoche. Ein Prinzip ist, dass der Besuch der PS freiwillig ist. Es wird hier niemand zugewiesen sondern am Ende des Beratungsprozesses soll die Entscheidung des Jugendlichen stehen: Ja ich möchte in die Produktionsschule gehen und die Schule sagt: ja, du kannst."

Die Schüler erleben in dieser neuen Schule oft zum ersten Mal, dass sie nicht nur mit ihren Schwierigkeiten, sondern auch mit ihren Fähigkeiten wahrgenommen werden. "Da tut sich dann etwas ganz Neues auf, was in einer normalen Schule gar nicht zum Tragen kommt", berichtet Johanssen. "Etwa, dass jemand Spaß daran hat, mit Gästen umzugehen. Da kommt eine enorme Stärkung des Selbstbewusstseins in Gang, und gerade das ist etwas, was oft in den Schulen kaputt gegangen ist." Aber nicht nur die Schüler, auch die Lehrer erleben an dieser Schule Erfolge. "Wenn jemand, der sich total dem schulischen Lernen verweigert hat und plötzlich darum kämpft, diese Schule besuchen zu dürfen, denn wir haben ja nur eine begrenzte Anzahl von Plätzen, dann ist das eine sehr schöne Erfahrung für Pädagogen."

Im vergangenen Jahr feierte die Produktionsschule Altona ihr zehnjähriges Bestehen. In dieser Zeit haben 540 Jugendliche die Schule besucht. Sechzig Prozent der Schüler konnten dort den Hauptschulabschluss nachholen. Ein Konzept, das die Politiker in Hamburg offensichtlich überzeugt hat: Nach dem Altonaer Vorbild sollen in der laufenden Legislaturperiode weitere Produktionsschulen mit rund 500 Plätzen eingerichtet werden. Vier davon sind bereits seit dem 1. September 2009 in Betrieb.

Rund 40 Produktionsschulen gibt es in Deutschland. So hat unter anderem Mecklenburg-Vorpommern seit 2004 sechs Produktionsschulen aufgebaut – unterstützt vom Europäischen Sozialfonds. "Wenn Produktionsschulen einen festen Platz als "Prototyp" für Einrichtungen in der Benachteiligtenförderung erhielten, kann damit zur Lichtung des "Förderdschungels" beigetragen werden und den Jugendlichen gleichzeitig eine vielversprechende Chance auf berufliche und soziale Integration gegeben werden", heißt es in dem 2008 erschienenen Band "Kompetenzen fördern – Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf" des Bundesbildungsministeriums. Möglich also, dass auch andere Bundesländer dem Hamburger Beispiel folgen.

Weitere Informationen
Produktionsschule Altona

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