Erst seit wenigen Jahren werden Kindergärten in Deutschland auch als Bildungsinstitutionen behandelt, die Bundesländer haben Bildungspläne entwickelt, die frühe Förderung steht auf der Agenda. Trotzdem scheint das Angebot der öffentlichen Kindergärten etlichen Eltern nicht zu genügen, sie schicken ihren Nachwuchs für viel Geld in Einrichtungen wie "Villa Ritz" oder "Little Giants". Dort können die Kinder Geigenunterricht bekommen, Fremdsprachen wie Chinesisch oder Englisch werden angeboten. Tut das den Kindern wirklich gut? Das wollten wir von der Gründerin der privaten bilinguale Kindertagesstätte Little Giants, Jelena Wahler, und vom Leiter des Organisationsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit der GEW, Norbert Hocke, wissen.
Offensichtlich entscheiden sich immer mehr Eltern für private Kindergärten mit exklusivem Lernangebot. Versagen die anderen Kindergärten oder versagen diese Eltern, weil sie Ihre Kinder schon mit drei Jahren auf Bildungserfolge trimmen wollen?
Jelena Wahler: Kinder lernen von Geburt an. Natürlich geht es im jungen Alter nicht darum Wissen anzuhäufen, sondern die natürliche Neugier der Kinder zu unterstützen und zu erhalten. Little Giants Kindertagesstätten orientieren sich an den Bildungsplänen der Bundesländer. Wir bieten den Kindern eine Umgebung voller interessanter Angebote und Entdeckungsmöglichkeiten, die sie aktiv erforschen und begreifen können. Frühe Zweisprachigkeit ist eine einmalige Chance für Kinder. Deshalb wird bei Little Giants Englisch und Deutsch gesprochen.
Wir arbeiten nach dem Immersionsprinzip: Englischsprachige Erzieher sprechen mit den Kindern Englisch, während deutsche Fachkräfte ausschließlich Deutsch verwenden. Es ist wie in einer zweisprachigen Familie - vollkommen zwanglos und entspannt. Richtig ist, dass Gebühren privater Einrichtungen häufig höher sind. Der Grund ist, dass private Kitas vielerorts niedrigere oder keine Zuschüsse erhalten. Ein Gutscheinsystem, wie in Hamburg, schafft da Abhilfe. Die Entscheidung für eine Kindertagesstätte hängt dann nicht mehr vom Einkommen, sondern von den Präferenzen der Familien, letztendlich also von der Qualität der Kita ab.
Norbert Hocke: Ich glaube, dass seit der PISA-Studie ein ungeheurer Druck auf die Einrichtungen ausgeübt wird, und das Pendel jetzt in die Richtung schlägt, Kinder "fit for school" zu machen. Dahinter steht aber ein Schulbegriff, der die Ganzheitlichkeit nicht im Blick hat, sondern nur die kognitiven Elemente beinhaltet. Man muss also aufpassen, dass die Kitas nicht zu Trainingsanstalten für späteren Schulerfolg werden. Es geht um eine Persönlichkeitsentwicklung, die sehr wohl den kognitiven Teil beinhaltet. Zwar sollten Eltern drauf zu drängen, dass die Elemente, die in den Bildungs- oder Orientierungsplänen enthalten sind, auch gelebt und umgesetzt werden. Aber zu einem ganzheitlichen Bildungskonzept gehört mehr.
Diese Verengung auf Frühenglisch und Ähnliches bei den privaten Kitas führt weg von der Trias Bildung, Erziehung und Betreuung. Und das ist für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und gerade für den späteren Schulerfolg eher schädlich als günstig. Hier tun die Eltern ihren Kindern nichts Gutes an.
Wir kennen aus den USA die Kampagne "No child left behind" gegen die Bildungsbenachteiligung. Jetzt gibt es eine Bewegung ähnlichen Namens: "No Child left inside", die sich allerdings als Alternative zur frühen Intensivförderung versteht. Mit anderen Worten: Kinder sollten besser draußen spielen und auf Bäume klettern, als eine Fremdsprache zu lernen. Was halten sie von einer solchen Kampagne?
Jelena Wahler: Die Kampagne "No Child left inside" ist ein Aufruf an Schulen mit den Kindern die Natur zu entdecken. Sie ist nicht als Alternative zu "No child left behind" zu verstehen, sondern als Ergänzung. Auch wenn beide Bewegungen nicht wirklich auf Deutschland anwendbar sind, ist es dennoch wichtig, dass Kinder draußen spielen. Dafür haben wir in unseren Kitas Spielplätze, gehen mit den Kindern mehrmals pro Woche in den Wald, in den Park oder auf den Bauernhof.
Norbert Hocke: Die Einrichtungen selber sollten mehr Freiraum bekommen, um auf die ihnen anvertrauten Kinder zu blicken. Nicht jeder Waldspaziergang muss gleich ein wissenschaftliches Experiment sein und nicht jedes Haus der kleinen Forscher muss nur innerhalb der Häuser forschen, sondern man muss daraus genau diesen eben von mir beschriebenen Mix machen.
Internationale Studien üben häufig Kritik an deutschen Kindergärten: Der Personalschlüssel sei schlecht, die Ausbildung der Erzieherinnen müsse auf Hochschulniveau angehoben werden, insgesamt investiere man in Deutschland zu wenig Geld in den Bildungsbereich. Wird die Ausstattung der öffentlichen Kindergärten – Stichwort überschuldetet Kommunen – beinahe zwangsläufig zu einem Boom privater Angebote führen?
Jelena Wahler: Ich sehe das dreigliedrige Schulsystem und das späte Einsetzen von Bildung als die größten Schwachstellen unseres Bildungssystems. Dies zu ändern kostet natürlich Geld, mehr als der Staat heute dafür zur Verfügung stellt. Deutsche Kindertagesstätten brauchen dringend mehr Mitarbeiter. Die Entlastung durch zusätzliche pädagogische Fachkräfte ist Voraussetzung für die Umsetzung von pädagogischen Konzepten, wie sie die Bildungspläne vorsehen. Natürlich werden überall, wo eine Nachfrage ist, Unternehmen versuchen diese zu befriedigen. Ohne private Anbieter ist der geplante Krippenausbau nicht zu schaffen. Zudem führt ein breit gefächertes Angebot zu mehr Wettbewerb und letztlich zu besserer Qualität.
Norbert Hocke: Das glaube ich nicht. So kommen auch von den Stiftungen deutliche Signale: Bildung in öffentlicher Verantwortung wird es nach wie vor geben müssen, um die immer stärker wachsende Schere zwischen Arm und Reich auszugleichen. Die Kommunen müssen allerdings aufpassen, dass Bundestag und Regierung nicht solche Gesetze verabschieden, die sie immer ärmer machen. Die Bürgermeister gehören ja jeweils einer Partei an, und ich finde es schon hanebüchen, wenn man kein Wort zur Betreuungsgelddiskussion oder zur Kindergelderhöhung sagt, aber gleichzeitig erklärt, dass man den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz nicht wird einlösen können. Diese Doppelbödigkeit muss aufhören.
Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention hat sich auch Deutschland zur inklusiven Bildung verpflichtet, dies gilt ja dann auch für die Kindergärten - und zwar für alle oder nur für die öffentlichen?
Jelena Wahler: Selbstverständlich für alle! Wieso sollten behinderte Kinder andere Einrichtungen besuchen als nichtbehinderte? Kinder lernen voneinander, dies funktioniert in beide Richtungen.
Norbert Hocke: Hier haben die Kitas als erste Stufe im Bildungssystem eine besondere Verantwortung. Dazu bedarf es allerdings anderer Rahmenbedingungen. Ich unterscheide gern zwischen freien, privaten und öffentlichen Trägern. Weil die freien Träger sehr wohl bewiesen haben, dass es möglich ist, auch mit pädagogischen Sonderkonzepten für alle da zu sein. Dieser Ansatz ist bei den privaten nicht gegeben und deswegen wird die Gefahr bestehen, dass wir hier ein exclusives Bildungssystem von Anfang an bekommen. Wobei Gott sei Dank diese Gruppe der rein privaten nicht so groß ist.