Mediadaten | Impressum | Feedback | RSS | Mobil | Newsletter
Letzte Änderung: 08.02.2012, 17:28
  • Delicious_bw
  • Studivz_bw
  • Facebook_bw
  • Twitter_bw
  • Drucken_bw
  • Email_go_bw
Artikel | Bilder
Jürgen Rüttgers

"Einheitsschule bedeutet Gleichmacherei"

didacta 2010 Themendienst: Interview mit dem Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers

Mehr zu: BAföG, Bildungsmessen, didacta - die Bildungsmesse, Duale Ausbildung, Frühe Förderung, Frühkindliche Bildung, Grundschule, Hauptschule, Interviews, Lehrerbildung, Nordrhein-Westfalen, Schulentwicklung, Schulstruktur, Sitzenbleiben, Statistik, Stipendien, Sonderthemen
12.03.2010 -

(red) Die größte Bildungsmesse im europäischen Raum findet in diesem Jahr in Köln statt. Wir haben den Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers, nach seinen bildungspolitischen Zielsetzungen gefragt.

Herr Ministerpräsident, ab 2013, so das Ergebnis des "Krippengipfels", haben alle unter dreijährigen Kinder einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. 23 Städte und Kreise aus Nordrhein-Westfalen haben Ende des vergangenen Jahres Verfassungsbeschwerde beim Landesverfassungsgericht in Münster eingelegt. Das Land müsse die nach Abzug der Bundesmittel entstehenden Kosten übernehmen, verlangen sie. Müssen Eltern in NRW nun um diesen Rechtsanspruch bangen?

Jürgen Rüttgers: Seit 2005 hat die nordrhein-westfälische Landesregierung 74.000 zusätzliche Kindergartenplätze für unter dreijährige Kinder geschaffen. 2010 kommen nochmals 26.000 dazu. Bei dieser Dynamik bin ich sehr zuversichtlich, dass wir 2013 den Rechtsanspruch erfüllen werden. Bei der Klage geht es im Übrigen um die Frage, ob das Land die Kommunen beim U3-Ausbau noch stärker als bisher unterstützen muss, also um das "Wie" der Finanzierung, nicht um das "Ob". Für die Eltern gibt es deshalb allen Grund zu Optimismus.

Als eines der wenigen Bundesländer hält Nordrhein-Westfalen am sogenannten dreigliedrigen Schulsystem fest. Allerdings wird es ländlichen Gemeinden zukünftig erlaubt sein, Haupt- und Realschulen unter einem Dach zu einer Verbundschule zusammenzulegen. Kommt jetzt doch Bewegung in die traditionelle Schulstruktur?

Jürgen Rüttgers: Einheitsschule bedeutet Gleichmacherei und ist die falsche Antwort. Was wir geschaffen haben, ist die Möglichkeit, Grundschulen zu Grundschulverbünden, Hauptschulen und Realschulen zu Verbundschulen zusammenzufassen. Damit stellen wir ein ortsnahes Schulangebot mit Blick auf sinkende Schülerzahler sicher. Mit einer grundlegenden Veränderung unserer Schulstruktur hat das nichts zu tun. Solche Debatten führen auch zu nichts. Wichtiger ist es, Schule "von innen" zu reformieren, wie wir es in Nordrhein-Westfalen getan haben. "Individuelle Förderung" ist das Schlüsselwort. Diese Ausbildung von individuellen Kompetenzen ist nur dort möglich, wo es ausreichend Lehrpersonal gibt. Hier haben wir den Schwerpunkt gelegt und in fünf Jahren über 8.000 neue Lehrerstellen geschaffen. Damit haben wir den Unterrichtsausfall in Nordrhein-Westfalen halbiert. 2009 hatten wir zudem den niedrigsten Stand an Sitzenbleibern und beim Abitur das beste Ergebnis seit Beginn der Statistik.

450 Grundschulleiter aus Nordrhein-Westfalen haben sich im Februar in einem Appell für längeres gemeinsames Lernen eingesetzt. Kann diese Initiative Anlass für die Landesregierung sein, über eine sechsjährige Grundschule nachzudenken?

Jürgen Rüttgers: Ich halte eine solche Verlängerung nicht für zielführend. Es gibt auch keine wissenschaftlichen Belege für die These, dass längeres gemeinsames Lernen zu effizienten Ergebnissen führt. Ein gerechtes Schulsystem muss vielmehr das Prinzip der Durchlässigkeit nach oben beachten. Hier haben wir viel erreicht. Ganz abgesehen davon würde eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre zu erheblichen Kosten bei den Kommunen führen.

Nordrhein-Westfalen hat im vergangenen Jahr den Modellversuch "Ganztagsberufsschule in der gesunden Schule" beendet, bei dem sich der Berufsschulunterricht auf einen Tag mit zehn Unterrichtsstunden konzentriert und sich dadurch die Anwesenheitszeiten der Jugendlichen in den Betrieben erhöht. Ziel ist unter anderem, die Attraktivität der dualen Ausbildung für die Betriebe zu erhöhen. Wird dieser Modellversuch in die Fläche gehen?

Jürgen Rüttgers: Der Modellversuch zeigt die Innovationskraft, die von den Berufskollegs ausgeht. Das Schulministerium hat wegen der positiven Erfahrungen entschieden, das Modell ab dem nächsten Schuljahr als Regeloption für den Unterricht in den Fachklassen des dualen Systems aufzunehmen. Durch einen entsprechenden Erlass haben wir Anfang 2010 die Voraussetzungen geschaffen, dass an weiteren Berufskollegs Fachklassen als Ganztagsberufsschule geführt werden können.

Der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister setzt sich bereits seit Langem für ein nationales Stipendienprogramm ein. In diesem Semester hat Nordrhein-Westfalen in Eigenregie ein Programm mit 1400 Stipendien gestartet. Mit welchen Ergebnissen und Erfahrungen?

Jürgen Rüttgers: Die Resonanz auf das neue Stipendienprogramm ist überragend. Die Nachfrage der Hochschulen und der privaten Geldgeber zum Wintersemester 2009/2010 war so hoch, dass die ursprünglich 1.200 vorgesehenen Stipendien bereits weit vor Semesterstart komplett vergeben waren. Das Innovationsministerium hat deshalb 200 weitere Stipendien zur Verfügung gestellt. Der Erfolg unseres Stipendiensystems zeigt sich auch daran, dass die Bundesregierung in Berlin be-schlossen hat, ein bundesweites Stipendiensystem nach dem Vorbild Nordrhein-Westfalens einzuführen.

Die landesweite Initiative "Komm mit!" soll zur Verringerung der Sitzenbleiberquote beitragen. Lehrerverbände begrüßen diese Initiative, kritisieren aber, dass der Fortbildungsbedarf der Lehrer im Bereich Fördermöglichkeiten und Diagnosekompetenz derzeit kaum befriedigt wird. Steckt das Land also zu wenig Geld in die Lehrerweiterbildung?

Jürgen Rüttgers: Nein. Die Lehrerverbände "begrüßen" nicht nur die Initiative "Komm mit!" Sie sind sogar Kooperationspartner. Der Sachetat für die umfangreichen Fortbildungsangebote steigt in diesem Jahr um mehr als 5 Millionen Euro. Insgesamt stehen für die Lehrerfortbildung dann 65 Millionen Euro zur Verfügung. Das dokumentiert die Bedeutung des Themas für die Landesregierung.

Der komplette Themendienst 3 zur didacta 2010 kann als PDF-Datei heruntergeladen werden. Alle Texte können kostenfrei für die Berichterstattung genutzt werden.

6 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Rainer Schmitt, am 14.03.2010, 04:45

Jeder, der im Skiurlaub einen Skikurs bucht, weiß, dass die Skischule versucht, möglichst homogene Gruppen zu bilden, um den Skiunterricht effektiv gestalten zu können. Man stelle sich vor, Anfänger und Fortgeschrittene würden in einem Kurs zusammen unterrichtet - und am Schluss haben sie alle die gleiche Leistungsüberprüfung, die dann benotet wird! Spitze!

Im Tennis trainieren Anfänger mit Fortgeschrittenen, am Wochenende haben die Fortgeschrittenen dann ihre Wettkämpfe: Spitze! In den Fußballvereinen trainieren die Ribery, Schweinsteiger, Ballack, Ronaldo und co. mit den Amateuren Müller, Meier, Schneider usw. Klasse!

In den kognitiven Fächern ist natürlich alles ganz anders. Hier ist das gemeinsame Lernen das Gelbe vom Ei. Wer es glaubt, wird selig. Wer es nicht glaubt, kommt aber hoffentlich auch in den Himmel.

von Maximilian Frisch, am 14.03.2010, 13:34

Der Skikurs verzichte auf heterogene Gruppen, damit es schnell und ohen größere didaktische Probleme klappt. Schule soll und muss aber nicht "schnell" und einfach arbeiten, sondern hat die Aufgabe, sie um ihre Schüler zu bemühen. Deshalb: Nicht wirklich vergleichbar. Das Unterrichten von leistungsheterogenen Gruppen wird dadurch nicht in Frage gestellt.

von Karsten Beernink, am 15.03.2010, 20:27

@R. Schmitt: Sie haben bewiesen, dass Sie keine Ahnung von moderner Pädagogik haben. Das bedeutendste Stichwort zum Unterricht in heterogenen Lerngruppen lautet: ZIELDIFFERENZ. Genau das unterscheidet den Skikurs von einer inklusiven Klasse, also einer in der alle Kinder gemeinsam lernen, vom Kind mit komplexen Beeinträchtigungen bis zum Hochbegabten.

Die eigentlichen Einheitsschulen sind die des gegliederten Schulsystems, unter anderem die größte Sonderschule "Gymnasium". Hier geht man davon aus, dass alle Kinder zur gleichen Zeit das gleiche Lernen. Schaffen sie das nicht, werden sie bestraft (schlechte Noten, Sitzenbleiben, Abschulen...).

Auch Herr Rüttgers hat keine Ahnung, denn es ist hinlänglich wissenschaftlich bewiesen, dass gemeinsames Lernen allen nützt.

von semeier, am 16.03.2010, 00:27

Naja, der Vergleich mit der Skigruppe hängt bzgl. der Gruppen. Richtig wäre, wenn man sich vorstellt, jeder müsse in der gleichen Spur fahren. Ob´s dann drei Gruppen gibt oder fünfzehn - mit wirklichem Lernen hat das nichts zu tun.

von Frank Jakobs, am 16.03.2010, 18:47

Das Argument der Befürworter der Aufteilung in Schulformen:

Schüler/innen müssen nach Leistung in unterschiedliche Schulen gehen, damit sie dort ihrem Leistungsvermögen entsprechend gefördert werden können.

Die vorliegenden Fakten sprechen dagegen:

Nach den Erkenntnissen aller Bildungsforscher (Prof. Klaus Klemm, Uni Essen; …) und auch nach den Ergebnissen der internationalen Vergleichstest PISA leistet die Aufteilung der Schüler/innen in unterschiedliche Schulen das nicht! In der 9.Klasse leisten die Hauptschüler/innen im oberen Drittel genau das gleiche wie mittelmäßige Schüler/innen in der Realschule oder solche im Gymnasium. Relaschüler/innen könnten genauso gut im Gymnasium mitkommen.

von Ulrich Nagel, am 17.03.2010, 20:43

Ich muss Herrn Beernink voll beipflichten. Nur Einheitsschule hat einen faden Beigeschmack von einheitlich, was es nicht ist. Besser ist Gemeinschaftsschule. Ich sage es mit Stolz, dass ich ein gelernter DDR-Bürger war in einem heute europäische Spitze bedeutendem Bildungssystem, was sich bereits 30 Jahre bewährt hatte und unsere POS (heute Realschule) in etwa das Niveau des heutigen Gymnasiums hatte.


Hinweis
  • Ein Enter führt zu Zeilenumbruch.
  • Hyperlinks bitte grundsätzlich mit "http://" beginnen (also z.B. http://bildungsklick.de/).
  • Kein HTML unterstützt.

Ihr Kommentar:

Ihr Name:
Ihre E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht):
Durch die Eintragung Ihrer E-Mail erkennen Sie die Kommentarregeln an.

Af170c69e004053b5041a9005773701c18f5b328
Bitte den Text aus dem Bild eingeben:


MELDUNGEN AUS DEN RESSORTS

Schule

"Ein Kind mit Lernschwierigkeiten gehört auf eine Regelschule"

08.02.2012. (red) Mit der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde in Deutschland ein Rechtsanspruch auf inklusive Bildung geschaffen. Aber der Ausbau inklusiver Bildungsangebote kommt in Deutschland nur schleppend voran. Von den 485.000 Schülern mit sonderpädagogischem ...

Sonderthemen

Kritik an mangelnder Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland

Berlin, 08.02.2012. (hib/AW) Das Deutsche Institut für Menschenrechte übt schwere Kritik an der Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Der Institutsmitarbeiter Hendrik Cremer begrüßte zwar am Mittwoch Vormittag vor dem Familienausschuss, dass Deutschland die bei der Ratifizierung abgegebene ...

Kindergarten / Vorschule

EU-Kommission rügt deutsches Betreuungsgeld

03.02.2012. (dpa) – Die EU-Kommission rügt die deutschen Pläne zur Einführung eines Betreuungsgeldes. "Die EU-Kommission ist überrascht zu erfahren, dass es Ideen gibt, Frauen zu ermutigen, zu Hause zu bleiben", sagte die Sprecherin von EU-Sozialkommissar Laszlo Andor am 1. Februar in Brüssel. "Es gibt ...
in

Elementarbereich NRW | Medienschau Bildung

NEU bei didacta-bildungsklick.tv: CookUOS 2011/12

ANZEIGEN

Society in Science unterstützt postdoc Studenten überall auf der Welt. Unser Ziel ist Förderung der Forscher/innen.
ANZEIGE
Aktuelle Kommentare
Unser Partner in Österreich
Bildungaktuell
Das eMagazin für Management, Personalwesen und Weiterbildung