(red) Wie lernen wir eigentlich? Dieser Frage geht eine Vortragsreihe auf dem forum bildung nach. Ausgewiesene Experten werden Antworten aus ihren Disziplinen dazu liefern.
Dank Hirnforschung besser lernen – eine graue Theorie? heißt der Vortrag des Lernmethodikers und Lehrerfortbildner Wolfgang Endres. Er wird Erkenntnisse aus Hirnforschung, Lern- und Sozialpsychologie in an-gewandte Lernmethodik "übersetzen".
Durch sein "Buch Lob der Schule" ist Prof. Dr. Joachim Bauer vielen Lehrern bekannt. Der Arzt und Hochschullehrer spricht darin unter anderem von einer "Neurobiologie der Schule". Wir wollten von ihm wissen, ob die Pädagogen lange Zeit etwas Wichtiges übersehen haben. "Ja", so bestätigt er, "das liegt aber weniger an den Pädagogen, als vielmehr an den Neurowissenschaftlern, die sich in den letzten Jahren zum Thema Lernen geäußert haben. Ihre Auskünfte beschränkten sich zu sehr auf die Art und Weise, wie das Gehirn das "Lernen an sich" bewerkstelligt. Auch diese Frage ist durchaus wichtig. Kinder und Jugendliche, die heute an der Schule scheitern, scheitern aber weniger daran, dass sie falsche Lerntechniken anwenden, sondern daran, dass sie grundsätzlich keine Motivation haben. Dieser Punkt wiederum hat damit zu tun, dass die Motivationssysteme von Kindern und Jugendlichen nur anspringen, wenn die zwischenmenschliche Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden bestimmte Voraussetzungen erfüllt." Gibt es eine Neurobiologie der Schule? Lehren und Lernen aus Sicht der Hirnforschung lautet sein Vortrag am 18. März.
Und am 20. März wird Prof. Dr. Elsbeth Stern von der ETH Zürich erklären Wie Forschung helfen kann, wenn Schülern das Lernen schwerfällt. Wir haben die Wissenschaftlerin vorab gefragt, wie Lehrer denn ihre Schüler beim Lernen unterstützen können.
Frau Prof. Stern, von den Hirnforschern haben wir in den vergangenen Jahren gelernt, dass es einfache Rezepte zum besseren Lernen gibt. Haben Lehrer bislang also einfach nur etwas übersehen?
Prof. Dr. Elsbeth Stern: Nein, wenn etwas übersehen wurde, dann
die Tatsache, dass die Aufgabe der Lehrer sehr viel komplexer ist, als man es sich bewusst gemacht hat und dass Lehrer einfach nicht die Unterstützung bekommen haben, die sie brauchen, um in Eigenverantwortung – und nicht nach Rezepten – guten Unterricht zu machen.
Hat die Hirnforschung uns denn bisher irgendetwas für die Schule lehren können?
Prof. Dr. Elsbeth Stern: Im Normalbereich bisher überhaupt nicht. Die Hirnforschung macht Fortschritte, wenn es um pathologische Fälle geht, das heißt da, wo ursächlich im Gehirn etwas schief läuft. Aber ich sage schlicht und ergreifend, wenn die deutschen Kinder schlecht in Mathematik sind, dann liegt es nicht an ihrem Dopaminsystem, sondern am schlechten oder suboptimalen Unterricht.
Und wie kann man den besser machen – gibt es denn wenigstens Rezepte für guten Unterricht?
Prof. Dr. Elsbeth Stern: Nein, eben keine Rezepte. Aber wir können Rahmenbedingungen beschreiben, unter denen schulisches Lernen besser gelingen kann. Dies betrifft einerseits die Vorbereitung und Planung von Unterricht, die idealerweise nicht einsam am Schreibtisch, sondern im Austausch mit Kollegen erfolgt. Noch wichtiger aber ist: Während des Unterrichts müssen Lehrer ein Auge darauf haben, ob das, was sie ihren Schülern an Angeboten machen, wirklich in die beabsichtigte Richtung geht. Unterrichten ist nicht das Abspulen von irgendwelchen vorbereiteten Dingen. Man darf zwar durchaus Lehrervorträge halten, aber man muss immer flexibel sein und umstellen, wenn man sieht, dass das, was man gerade macht, nicht ankommt. Wir nennen das, was die Lehrer mitbringen müssen, die adaptive Expertise.
Und das bedeutet?
Prof. Dr. Elsbeth Stern: Lehrer müssen erkennen, dass sie sich ständig in Zielkonflikten befinden. Sie müssen sich bewusst machen: Wenn sie eine Sache tun, dann vernachlässigen sie eine andere. Man hat den Lehrern allerdings bisher nicht bewusst gemacht, dass man in solch einem komplexen Job gar nicht anders kann, als immer eine Sache zugunsten einer anderen zu unterlassen. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man besser gegensteuern. Dass man zum Beispiel weiß: Jetzt habe ich mich eine Zeit lang um die besten Schüler gekümmert, das war auch richtig so, aber jetzt haben mal wieder andere Schüler Anspruch auf meine Unterstützung.
Und das lernen Lehrer nicht in ihrer Ausbildung?
Prof. Dr. Elsbeth Stern: Nein, bisher war es einfach so, dass die Lehrer in ihrer Ausbildung zu viel nach Schema F und nach Rezepten ausgebildet wurden. Das war dann eine Mischung aus mehr oder weniger begründeter Wissenschaft und Mentoren, die den Anspruch hatten, "ein auszubildender Lehrer ist gut, wenn er es genauso macht wie ich". So geht es nicht. Lehrer müssen vielfältige Handlungsmöglichkeitenim Studium und in der Weiterbildung lernen, da sind sich alle an der Lehrerbildung Beteiligten einig. Und man muss Rahmenbedingungen schaffen, damit Lehrer diese adaptive Expertise nutzen und ausbauen können. Und das heißt zum Beispiel, ihnen keine Vorschriften beim Input zu machen, sondern zu sagen: Verantwortlich bist du nur dafür, was rauskommt. Gute Lehrer sind wie gute Köche, die nutzen Rezepte als Anregung, halten sich aber nicht an die Mengenangaben. Durch Abschmecken und Überprüfung der Konsistenz während der Zubereitung erkennen sie, was und wie viel sie noch brauchen, damit ein gutes Gericht entsteht.
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