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Duale Ausbildung

Warum werden Ausbildungsverträge gelöst?

Studie zu Ausbildungslösungen im IHK-Bezirk Osnabrück-Emsland

Mehr zu: Ausbildungspakt, Ausbildungsreife, Duale Ausbildung, Berufliche Bildung
11.03.2010 -

(red/pm) Selbst in Zeiten, in denen die Ausbildungsplätze knapp sind und ein großer Teil der Schulabgänger erst nach Umwegen eine Lehre beginnt, bricht im Bundesdurchschnitt fast jeder fünfte seine Ausbildung ab. Das beunruhigt seit Jahren all diejenigen, die für die Steuerung der dualen Berufsausbildung verantwortlich sind.

Dabei ist es nur ein schwacher Trost, dass durchschnittlich die Rate der Studienabbrecher an den Hochschulen noch höher liegt. Denn: Vertragslösungen schaden in der Regel beiden Vertragspartnern. Bei den Betrieben entstehen Kosten durch verlorene Ausbildungsleistungen, möglicherweise ist die Personalplanung zu revidieren. Durch sie gehen auch Ausbildungsplätze verloren, wenn keine Nachbesetzung erfolgt. Die Jugendlichen verlieren wertvolle Ausbildungszeit, müssen sich umorientieren und der Eintritt in eine Erwerbstätigkeit verschiebt sich nach hinten. Außerdem riskieren sie Brüche in ihrer Berufsbiografie, die ihre künftigen Erwerbsmöglichkeiten beeinträchtigen.

Die Lösungsquote in der Region Osnabrück-Emsland liegt mit rund 17 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt von knapp 20 Prozent. Das belegt jetzt eine Studie der Berufsbildungsforschung (i:BB) der Universität Bremen, die unter der Leitung von Prof. Rauner durchgeführt wurde. Dass insbesondere Berufe des Gastronomiegewerbes Spitzenwerte von über 30 Prozent erreichen, ist wiederum ein bundesweites Faktum seit Jahren, ohne dass es bisher gelungen ist, wirksam gegenzusteuern.

Geht man davon aus, dass das Lösungsrisiko in Kleinst- und Kleinbetrieben um das Achtfache größer ist als in Großbetrieben und betrachtet vor diesem Hintergrund die regional klein- und mittelständische Wirtschaftsstruktur im IHK-Bezirk, dann scheint es der regionalen Steuerung und der Berufsbildungspraxis etwas besser zu gelingen, Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. Gleichwohl ist bezüglich der Frage vorzeitiger Lösungen die regionale Situation alles andere als zufrieden stellend wie im Übrigen auch landes- und bundesweit.

Die an die Forschungsgruppe IBB in Auftrag gegebene Studie verfolgte daher die Absicht, die für die Region wichtigsten Hintergründe und Zusammenhänge aufzuzeigen, die für Ausbildungsabbrüchen ausschlaggebend sind und um darauf basierend die entsprechenden Schlüsse zur künftigen Vermeidung von vorzeitigen Vertragslösungen zu ziehen.

Zunächst positiv zu sehen sei, so die Wissenschaftler, dass rund zwei Drittel der Jugendlichen nach der Lösung des Vertrages die Ausbildung in einem anderen Betrieb (ca. 50 Prozent) oder eine berufsfachschulische Alternative wählen (14,5 Prozent). Schließe man die Entscheidung für den Wehrdienst mit ein, stiegen trotz des Abbruchs 70 Prozent der Auszubildenden nicht aus einer Berufsausbildung aus, sondern hielten weiterhin an einer Ausbildung im dualen System fest. Gleichwohl sei jede vierte Lösung ein "echter Abbruch", d.h. hier sei mittelfristig eher keine Rückkehr der Jugendlichen in das Berufsbildungssystem zu erwarten.

Bemerkenswert aus Sicht der Wissenschaftler ist, dass bei mehr als der Hälfte der Lösungen die Initiative von den Auszubildenden ausgeht – fast jede fünfte im gegenseitigen Einvernehmen von Auszubildenden und Betrieb.

Die Auszubildenden geben am häufigsten betriebliche Gründe für den Abbruch an. Es sind Konflikte mit Vorgesetzten und Ausbildern sowie die mangelnde Vermittlung von Ausbildungsinhalten. Auch unbezahlte Überstunden und ausbildungsfremde Tätigkeiten beeinflussen die Entscheidung für die Lösung des Vertrags.

Aus Sicht der Betriebe sind private Gründe der Auszubildenden die häufigste Ursache für den Ausbildungsabbruch. Aber auch falsche Vorstellungen, fehlende Motivation und fehlende Identifikation mit dem Betrieb sowie die fehlende Eignung für den Ausbildungsberuf werden als entscheidende Abbruchgründe genannt.

Der relativ hohe Anteil der Auszubildenden (62 Prozent), die ihre Ausbildung im ersten Ausbildungsjahr und vor allem bereits während der Probezeit abbrechen, ist nach dieser Analyse darauf zurückzuführen, dass die Jugendlichen auf ihre Ausbildung unzureichend vorbereitet waren. Wenn zwei Drittel der befragten Auszubildenden Konsequenzen aus der Lösung in Form eines gesteigerten Interesses und die Einsicht in die Wichtigkeit der Berufsorientierung und Berufsvorbereitung, dann wird deutlich, dass ihre Vorstellungen über den gewählten Beruf und die Ausbildungsmöglichkeiten weit auseinander gehen. Zudem ist die Distanz zwischen den betrieblichen und schulischen Sozialisationsmilieus offenbar für viele Schulabgänger so groß, dass der Anpassungsdruck sie überfordert. Schule und Arbeitswelt werden als zwei getrennte Welten erlebt. Diesem Auseinanderdriften der zwei Milieus kann nur mit einer neuen Lernkultur begegnet werden, die eine möglichst frühzeitige - quasi im Kindergarten beginnende - Berufsorientierung zu ihrem Ausgangspunkt nimmt und eine betriebliche Berufsausbildung als einen Teil von weiteren Karrierenwegen begreift.

Denn: 15-jährige Schüler haben in Deutschland in der Regel nur ihren allernächsten Schritt ihrer (Aus)bildungskarriere im Blick. Je nach sozialer Herkunft ist dies die Berufsausbildung oder das Abitur. Das lebenslange Lernen, das Ziel einer unternehmerischen Karriere z. B. über eine Meisterprüfung oder eine andere über die Sekundarstufe II hinausreichende Bildungs- oder Berufskarrierevorstellung ist für deutsche 15-Jährige zunächst kein Karriereziel. Dies ist im internationalen Vergleich ein außerordentlich niedriger Wert. In anderen Ländern erleben die 15-Jährigen ihre berufliche Zukunft als weitgehend offen und als nicht durch ihren sozialen Status determiniert. Dieser Befund verweist auf eine Tradition der Reproduktion des Bestehenden, die angesichts des hohen Bedarfs an Innovationen in Wirtschaft und Gesellschaft unter den Bedingungen des internationalen Qualitätswettbewerbs erhebliche ökonomische und gesellschaftliche Risiken birgt

Ebenso deutlich wurde, dass die Hälfte der Auszubildenden den Ausbildungsabbruch für vermeidbar hält. Die Etablierung eines Konfliktmanagements zur Unterstützung der Betriebe und Auszubildenden legt den Einsatz von externen Ausbildungsmediatoren nahe. Dies beinhaltet die realistische Chance, bereits dadurch die Abbrecherquote zu halbieren.

Auszubildende, die ihre Ausbildung abbrechen, entweder auf eigenen Wunsch oder aufgrund einer Entscheidung des Unternehmens, befinden sich in einer Konfliktsituation. Dies gilt ebenso für die im Betrieb beteiligten Personen. In der Regel sind darin die Ausbilder involviert. Eine Konfliktsituation bildet sich schrittweise heraus und basiert in der Regel auf einem Bündel mehr oder weniger klar zu Tage tretender Konfliktursachen. Für eine professionelle Mediation fehlen in der Regel die Ressourcen im Unterstützungssystem der beruflichen Bildung. Die Qualifizierung von Ausbildungsberatern und Berufsschullehrern zur Ausbildungsmediation ist eine nahe liegende Schlussfolgerung dieser Studie, da nur etwa die Hälfte der Auszubildenden der Position zustimmt, dass der Ausbildungsabbruch unvermeidbar war. Vor allem eine Analyse der umfangreichen Kommentare der Auszubildenden zeigt, dass unterschieden werden muss zwischen den nach Berufsbildungsgesetz und den Ordnungsmitteln verbrieften Qualitätsstandards für die Ausbildung sowie die Festlegung damit verbundener Rahmenbedingungen für Ausbildungszeiten, Ausbildungsvergütungen und die Organisation der Ausbildung. Hier ist die Kammer in ihrer Funktion als zuständige Stelle gefordert, über die Einhaltung der Ausbildungsstandards zu wachen. Dies ist in Zeiten knapper Ausbildungsplätze nicht ganz einfach, da von den Kammern erwartet wird, auf der Grundlage von Ausbildungsbündnissen auf Bundes- und Länderebene definierte Ausbildungsquoten zu realisieren. Im Zweifelsfall – so die implizite berufsbildungspolitische Vorgabe – ist ein schlechter Ausbildungsplatz besser als keiner. Hier empfiehlt es sich, konsequent auf Qualität und Innovation zu setzen und einen entsprechenden Perspektivwechsel vorzunehmen und die duale Berufsausbildung als ein für den Qualitätswettbewerb bedeutendes Innovationsprojekt zu gestalten.

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