(dpa) – Die Bologna-Reform mit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge trieb im vergangenen Jahr die Studenten in vielen Ländern Europas auf die Straße. Besonders heftig waren die Proteste in Österreich und Deutschland. Die Erziehungs- und Wissenschaftsminister von 46 Staaten gelobten auf den Jubiläumsfeiern "Zehn Jahre Bologna-Erklärung" am 11./12. März in Budapest und Wien Besserung. Die kritischen Stimmen von Studierenden und Lehrpersonal sollen künftig bei der Weiterentwicklung des europäischen Hochschulraumes stärker Gehör finden.
"Der Bologna-Prozess missinterpretiert und von den Regierungen als Sparmodell missbraucht" – so lautet vielfach das Fazit der Studentenproteste heute. Doch 1999, als sich die EU-Wissenschaftsminister in der italienischen Hochschulstadt Bologna über die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraumes verständigten, stand ein Traum am Anfang. Es war die Vision von einem Studium ohne Grenzen für rund 20 Millionen Studenten an über 5000 Hochschulen Europas und angrenzender Staaten – ohne lästigen Anerkennungsstreit von Leistungsnachweisen und Zwischenprüfungen und ohne Visa-Probleme.
An den grundsätzlichen Zielen von einst wollen weder Studenten und Rektoren noch die Politiker rütteln. Doch offen räumen die Minister in ihrer Wiener Jubiläumserklärung Nachbesserungsbedarf ein: Lernende wie Lehrende sollen künftig an der Reform stärker beteiligt werden. Die Lehre müsse besser werden, die Betreuung intensiviert und bei einem Hochschulwechsel ins Ausland sollen Studienleistungen leichter anerkannt werden.
Die deutschen Kultusminister hatten dazu bereits im Dezember vergangenen Jahres ihre Hausaufgaben gemacht und eine große Liste mit Kurskorrekturen vorgelegt – die jetzt allerdings noch auf Umsetzung warten. Auch die Hochschulrektoren räumen ein, dass in Sachen Leistungsanerkennung der in Bologna und in Lissabon von der Politik beschworene Geist der Internationalität "noch nicht wirklich mit Leben erfüllt" ist. Aber auch innerhalb Deutschlands ist durch die Ausdifferenzierung des Bachelor- Studienangebots ein Hochschulwechsel häufig nicht leichter, sondern eher schwerer geworden.
Dabei hat sich auch so mancher deutscher Sonderweg bei der Einführung der aufeinander aufbauenden Bachelor- und Masterstudiengänge als Irrweg und Problemfall erwiesen. Da ist zum Beispiel der Umstand, dass der überwiegende Teil der Bachelor-Studiengänge bis zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss an deutschen Universitäten nur auf sechs Semester angelegt ist – anders als etwa in Großbritannien und vielen anderen Bologna-Unterzeichner-Staaten. Die Folgen dieses Studienkomprimats auf sechs Semester sind Stofffülle, Prüfungsdichte und Verschulung.
"Wie Hamster im Laufrad" – so beschrieb der Bachelor-Kritiker und Hochschulverbands-Präsident Bernhard Kempen die Studien- und Lebenssituation der Studenten heute. Die Soziologin Jutta Allmendiger fürchtet gar angesichts von achtjährigem Turbo-Gymnasium und verschultem Bachelor-Studium "einen Verlust an Kreativität" bei den jungen Menschen. Besonders umstritten ist der Wunsch der deutschen Universitäten, nach dem Bachelor die Studenten für den wissenschaftlich weiterführenden Master nach eigenen Kriterien aussuchen zu können. Ein Rechtsanspruch auf die Master-Zulassung soll es anders als beim Bachelor nicht geben – gleich wie gut die Noten sind.
Der Bachelor für die Masse – der Master nur noch für eine ausgewählte Klasse? Der "Miterfinder" dieser Konstruktion, der frühere Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Winfried Schulze, muss sich deswegen immer noch vielfältiger Kritik erwehren – vor allem von Kollegen. Nicht nur konservative Professoren werfen dem Wissenschaftsrat hinsichtlich seiner bereits im Jahr 2000 vorgelegten Bachelor- und Masterempfehlungen die Preisgabe des klassischen deutschen Universitätsideals vor: Bildung durch Wissenschaft, und zwar von Anfang an durch Teilhabe auch an der Forschung. Schulze kontert und hält seinen Kritikern ein "Humboldt-Syndrom" vor. Bereits seit Professionalisierung vieler Berufe ab dem späten 19. Jahrhundert und vollends seit Entstehung der Massenuniversität Ende der 1960er Jahre sei die Realität an der Universität eine andere, als sie in den humboldtschen Idealen zum Ausdruck komme.
Doch vor allem in den Studiengängen, wo es noch keine klaren Aussagen über die berufliche Verwertbarkeit des Bachelors gibt, grassiert häufig vom ersten Semester an die Angst, später nicht zum Master zugelassen zu werden. "Das führt zu einem unproduktiven Leistungsdruck", konstatierte unlängst der Hochschulforscher Tino Bargel.
Die neun Technischen Universitäten in Deutschland pochen darauf, dass für ihre Studiengänge im Ingenieurwesen und in Naturwissenschaften der Master der "Regelabschluss" bleibt. Nur Juristen und Mediziner haben sich bisher des Bachelors-Stresses erwehren können und pochen weiter auf das bisherige Staatsexamen. Massiv unterstützt werden sie dabei von der mächtigen Lobby ihrer Berufsverbände. Und auch die Justizministerkonferenz will von einer Änderung der juristischen Ausbildung vorerst gar nichts wissen.
Karl-Heinz Reith (dpa-Dossier Bildung Forschung 11/15.03.2010)