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Migration

Front gegen türkische Gymnasien in Deutschland

Merkel weist Ansinnen des türkischen Ministerpräsidenten zurück

Mehr zu: Gymnasium, Hauptschule, Integration, Internationaler Austausch, Migration, Muttersprache, Spaenle, Schule
29.03.2010 -

(dpa) – Die Forderung Ankaras nach türkischen Gymnasien in Deutschland stößt bundesweit auf breite Ablehnung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wies das Ansinnen des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zurück. "Das führt aus meiner Sicht nicht weiter, denn grundsätzlich sollten türkischstämmige Kinder und Jugendliche bei uns in deutsche Schulen gehen", sagte sie der "Passauer Neuen Presse" vom 26. März. Merkel besucht am 29. März Ankara. Auch bei Türken in Deutschland erntete Erdogan Widerspruch.

Erdogan hatte in einem Interview der Wochenzeitung "Die Zeit" seine Forderung nach Einführung türkischsprachiger Schulen in Deutschland wiederholt. "In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien – warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben?" Er begründete seinen Vorschlag mit den Sprachproblemen vieler der 2,7 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln. Erdogan hatte bereits im Februar 2008 in Köln die Einführung türkischsprachiger Schulen in Deutschland verlangt.

Die Kritiker verweisen vor allem auf die Notwendigkeit, die deutsche Sprache zu können, um hier Erfolg zu haben. Auch seien die Schulen Orte des Zusammenlebens und der Integration. Zugleich wurde aber auch mehr Türkisch als weitere Fremdsprache an den Schulen gefordert. Türkische Gymnasien würden die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eher konterkarieren als fördern, erklärte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Ludwig Spaenle (CSU/Bayern), am 26. März in Berlin. "Es ist gemeinsames Ziel aller Kultusminister in den Ländern, die jungen Menschen aus Zuwandererfamilien auf dem ambitionierten Weg der Integration in Deutschland intensiv zu begleiten und sie aktiv zu unterstützen", betonte er. Dabei stehe die Förderung beim Erwerb der deutschen Sprache im Mittelpunkt. Spaenle plädierte zugleich für mehr Türkisch als Fremdsprachenangebot an den Schulen.

"Von der Vorstellung, dass alle türkischen Schüler hier auf ein türkisches Gymnasium gehen sollen, halte ich nichts", sagte Merkel. Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), sieht keine Notwendigkeit für weitere türkische Gymnasien hierzulande. "Spezielle Bildungsangebote für türkischstämmige Kinder und Jugendliche fördern (...) nicht die Integration", erklärte die Staatsministerin am 25. März in Berlin. Erdogan ignoriere die Schullandschaft in Deutschland. Es gebe hier bereits türkische Gymnasien, sagte Böhmer. Sie appellierte an Migranten: "Lernt Deutsch, um in unserem Land Erfolg zu haben."

"Wenn Erdogan damit sagen will, dass der Unterricht in solchen Gymnasien komplett auf Türkisch stattfinden soll, halten wir das für einen großen Fehler", sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, der Zeitung "Die Welt" vom 26. März. Zudem seien Erdogans Äußerungen, wonach Türken zunächst ihre Muttersprache beherrschen müssten, bevor sie Deutsch lernen könnten, schlicht falsch.

"Ich glaube nicht, dass es die Integration fördern würde, wenn wir türkische Gymnasien einrichten, in denen der Unterricht in türkischer Sprache abgehalten wird", sagte der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach (CDU) dem "Kölner Stadt-Anzeiger". So etwas fördere nicht die Integration, sondern die Bildung von Parallelgesellschaften. Der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, sagte, nur wer die deutsche Sprache gut beherrsche, könne in der Schule und im Berufsleben erfolgreich sein und am gesellschaftlichen Leben in Deutschland teilhaben.

Die Integrationsbeauftragte der SPD-Fraktion, Aydan Özoguz, warf Erdogan ein Spiel mit Emotionen vor. Sie sagte am 25. März im ZDF- "Morgenmagazin", der Premier steche in eine "offene Wunde". "Leute mit Migrationshintergrund werden oft nicht fair behandelt an deutschen Schulen."Dennoch entbehre der Vorschlag jeder Grundlage. "Natürlich muss man Deutsch können, um erfolgreich zu sein."

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Serkan Tören bezweifelt, dass Erdogan den Auslandstürken in Deutschland einen Dienst erweist: "Vielmehr müssen wir Kinder aus Familien, in denen Türkisch gesprochen wird, viel früher an die deutsche Sprache heranführen", sagte er der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" vom 26. März.

Von einem falschen Signal sprach der hessische Integrationsminister Jörg- Uwe Hahn (FDP). Ziel müsse es sein, türkischstämmige Migranten rasch in die deutsche Gesellschaft einzugliedern. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte der Münchner Zeitung "tz" (Freitag), mit seinem Vorschlag habe Erdogan der Integration türkischer Bürger einen "Bärendienst" erwiesen. "Er demonstriert immer mehr einen neuen türkischen Imperialismus und Nationalismus, der für uns Deutsche unerträglich ist."

Ähnlich äußerte sich der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele. "Mir gefällt der nationale Ton überhaupt nicht", sagte er der "Saarbrücker Zeitung" vom 26. März. Besser seien deutsch-türkische Schulen, an denen beide Sprachen gleichwertig nebeneinander gelehrt würden. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) würde ein größeres Angebot für Türkischunterricht als zusätzliche Fremdsprache begrüßen. Auch nach Ansicht der Türkischen Gemeinde in Deutschland muss die deutsche Sprache im Unterricht Priorität haben. Kolat trat für die erweiterte Einführung von Türkisch als Abiturfach ein, wie es in Berlin schon zu finden ist. "In Berlin kann man sein Abitur auch in Türkisch machen, ich weiß nicht, ob Herr Erdogan das weiß."

Auch nach Auffassung des Deutschen Philologen-Verbandes sollte Türkisch als Fremdsprachenangebot an Gymnasien ausgebaut werden, nicht aber Hauptunterrichtssprache sein. "Die Antwort auf die fehlenden Deutschkenntnisse vieler türkischer Kinder kann nicht die Etablierung eines schulischen Parallelsystems sein", erklärte der Verband. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, hatte in der "Rheinischen Post" vom 26. März ebenfalls nichts dagegen einzuwenden, dass Türkisch als zweite oder dritte Fremdsprache an deutschen Gymnasien gefördert wird, um die Sprachkompetenz der jungen Türken zu stärken.

Türkische Schüler auf deutschen Gymnasien

Hamburg – In deutschen Schulen gibt es kaum eine Klasse ohne Jungen und Mädchen aus der Türkei. Ihr Anteil variiert zwischen den einzelnen Schultypen allerdings deutlich. Im Schuljahr 2006/2007 (neuere Zahlen liegen nicht vor) kamen laut Statistischem Bundesamt von insgesamt 9 355 857 Jungen und Mädchen an allgemeinbildenden Schulen 381 459 aus der Türkei. Das entspricht einem Anteil von 4,1 Prozent aller und 42,5 Prozent der ausländischen Schüler.

Die meisten jungen Türken gingen auf eine Hauptschule. 2006/2007 waren es 44,3 Prozent der Jungen und 38,8 Prozent der Mädchen. Im Vergleich dazu lagen die Anteile bei deutschen Schülern bei 16,7 und 12,6 Prozent. Gymnasien besuchten dagegen nur 12,2 Prozent der türkischen Jungen und 14,8 Prozent der türkischen Mädchen. Die Anteile an dieser Schulform bei deutschen Schülern betrugen 41,7 beziehungsweise 47,4 Prozent. Der Gymnasiasten-Anteil unter jungen Türken hat sich vom Schuljahr 2000/2001 bis 2006/2007 bei Jungen um 1,9 und bei Mädchen um 2,5 Prozent erhöht. Bei Deutschen betrug der Anstieg 6,4 beziehungsweise 5,8 Prozent.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes betreffen nur Jungen und Mädchen mit türkischem Pass. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge betont, dass eingebürgerte Schüler mit einem Migrationshintergrund nicht gezählt wurden. In der amtlichen Statistik werde demzufolge mehr als die Hälfte der Schüler aus Zuwandererfamilien nicht erfasst. Nach einer Umfrage des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen aus dem Jahr 2008 machten 15,3 Prozent der türkischstämmigen Migranten in der Bundesrepublik ihr Abitur und erreichten die Allgemeine Hochschulreife. Weitere 5,1 Prozent schafften ein Fachabitur. Dagegen beendeten 40,8 Prozent die Hauptschule und 1,2 Prozent blieben ohne Schulabschluss.

(dpa-Dossier Bildung Forschung 13/29.03.2010)


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2 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Stefferl, am 29.03.2010, 14:27

Wahnsinn! Wo kämen wir denn hin, wenn wir das machen?! Die Türken, die in Dtl. leben und arbeiten wollen, sollen deutsch lernen und sich integrieren! Mit türkischen Schulen, wo dann alles auf türkisch ist, klappt das nicht, da funktioniert Integration gleich Null. Und vom türkischen Ministerpräsidenten ist der Satz "Woher der Hass auf die Türkei kommt" echt ein schwacher Spruch! Ich denke nicht, dass Türken, die sich in Dtl. einigermaßen anpassen, diskriminiert werden und nur, weil die Ausländer auf deutsche Schulen gehen sollen - was ihnen ja selbst zu gute kommt - darf man bestimmt nicht von Ausländerhass sprechen! Das is ja schon fast Volksverhetzung, was der betreibt...

von RS, am 01.04.2010, 09:45

In den Niederlanden und jetzt auch in Deutschland gibt es bereits freie, nicht staatliche, türkische oder islamische Schulen. Die Unterichtsprache ist aber auch in den Niederlanden immer niederländisch und sollte auch hier deutsch sein. Wird ja wohl auch von den Türken so gesehen. Untericht in Türkisch oder Arabisch ist bei Bedarf von mir aus legitim an Schulen mit vielen Migranten.


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