Früherer Salem-Leiter Bueb verteidigt Internate
Nähe zu Kindern ist grundsätzlich ein Gewinn für die Pädagogik
Mehr zu: Gewalt in der Schule, Sexueller Missbrauch, Schule(red/NOZ) Angesichts der öffentlich bekannt gewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch hat der langjährige Leiter des Internats Schloss Salem Bernhard Bueb in einem Gespräch mit der Neuen Osnabrücker Zeitung die Internate in Schutz genommen. Die Internate würden derzeit in einem Maße schuldig gesprochen wie sie es nicht verdienten, so Bueb.
In den Schulheimen werde eine schärfere soziale Kontrolle ausgeübt als in der Familie, wo bekanntermaßen die meisten Fälle von Missbrauch vorkämen. Pädophile fühlten sich zwar von Einrichtungen angezogen, in denen sie mit Kindern umgehen könnten. Das sei aber nicht kirchenspezifisch. Missbrauch werde auch nicht durch irgendein pädagogisches System oder einen bestimmten Erziehungsstil hervorgerufen, betonte der Pädagoge und Bestsellerautor. Vielmehr sei es Ausdruck eines pervertierten, krankhaften Verhaltens, wenn sich Erwachsene an Kindern sexuell vergreifen würden.
Bisher sei wenig über sexuelle Übergriffe in Sportvereinen bekannt, obwohl dort die körperliche Nähe stärker gegeben sei als in anderen Einrichtungen. "Die Täter gehen in Schulen, in Internate, in Jugendclubs, zu den Pfadfindern und in Sportvereine", merkte Bueb an.
In einem gut geführten Internat sei es schwierig, sich an Kindern zu vergreifen, hob Bueb hervor. Er war selbst Schüler am Jesuiteninternat St. Blasien, leitete 31 Jahre das Internat Schloss Salem und unterrichtete zuvor an der Odenwaldschule.
Bueb bezeichnete die große Nähe der Lehrenden zu Kindern grundsätzlich als Gewinn in der Pädagogik, weil sie der verbreiteten Schulangst von Kindern entgegenwirke. Falsch sei allerdings die Annahme, dass eine große Nähe zu Kindern automatisch zu sexuellen Übergriffen verleite. Jedoch müsse viel aufmerksamer mit Lehrern umgegangen werden, die durch eine übermäßig große Nähe zu Kindern auffielen.
Statistisch gesehen seien Missbrauchsfälle in Schulheimen relativ gering. Auch in der reformpädagogischen Odenwaldschule sei es nur unter dem Schulleiter Gerold Becker zu Vorfällen gekommen, "weil der Kontrolleur selbst der Haupttäter war". Nichts bekannt sei aus den anderen 85 Jahren der Odenwaldschule.
Sehr geehrter Herr Bueb,
Ihren Ausführungen brauche ich nicht zu widersprechen. Ich finde auch eine Diskussion, in welchem sozialen Kontext Mißbrauch gehäuft auftritt in der momentanten Situation unsinnig. In der momentanen Situation finde ich es angebrachter, dafür einzutreten und die Stimme zu erheben, dass schmerzlich Betroffene aufgefangen werden und Gehör finden. Dazu gehören Täter und Opfer. Zumindest wenn die Opfer einsichtig sind. Eine Verteidigung der Institution "Internat" ist ein Nebenkriegsschauplatz, der leider vom wirklichen und wirkenden Geschehen massiv ablenkt. Das ist doch sicherlich nicht Ihr Wunsch!Es sei denn, Sie verteidigen Ihre Wirkungszeit. Ich selbst bin auch Internatsschülerin (1965-72), habe Übergriffe erlebt, aber auch erlebt, dass die betroffenen "Respektpersonen" sich entschuldigt haben. Es gibt halt solche und solche, wie immer und überall. Aber es gibt keinen Grund, das Geschehene zu relativieren.
In den 90ér Jahren wurde mir von einer damaligen Schülerin des Internats Schloss Salem berichtet, dass neue Mitschüler von den Älteren zunächst erst mal erniedrigt und gequält wurden. Ich kann mir vorstellen, dass es für die Opfer schwierig war um Hilfe zu bitten, in einem Schulklima in dem unseren zukünftigen Führungspersönlichkeiten geformt werden sollten und in der es darum ging keine Schwächen zu zeigen. Da war es sicherlich einfacher selber zum Täter zu werden. Wenn es sich auch nicht um sexuelle Übergriffe gehandelt hat, so wäre eine Aufarbeitung dieser Geschenisse wünschenswert.
Stimme Ursula Neuß voll zu. Ich kenne auch jemanden, der in der Odenwaldschule missbraucht wurde. Ich weiss, es gibt da auch noch viele Promi-Opfer, die sich nicht äußern, weil ihre momentane gesellschaftliche Stellung das scheinbar nicht zuläßt. Mancher steckt das vielleicht irgendwie weg, aber meinen Bekannten hat dieser Missbrauch zu einem gebrochenen Menschen gemacht, der mit Alkohol und Depressionen kämpft. Sowas darf durch nichts verharmlost werden und muss auch intern Folgen für die Internate haben.
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