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Bildungschancen

"Neue Wege für Jungs": 5 Fragen – 5 Antworten

"Die Politik sollte vielfältige Männlichkeitsformen berücksichtigen"

Mehr zu: Bildungschancen, Girls' Day, Gleichstellung, Statistik, Berufliche Bildung, Schule, Sonderthemen
24.04.2010 -

(dpa) – Der "Girl's Day – Mädchen-Zukunftstag" ist in diesem Jahr am 22. April zum 10. Mal ausgerichtet worden – der Partnertag zugunsten von Jungen feierte zeitgleich seinen 5. Geburtstag. In den vergangenen Jahren sind die speziellen Probleme von Jungen im deutschen Bildungssystem und in der Gesellschaft stärker ins Blickfeld von Fachleuten und Öffentlichkeit gerückt. In der Gleichstellungsabteilung des Bundesfamilienministeriums wurde inzwischen ein Referat zur Jungen- und Männerpolitik gegründet. Zur Lage der jungen Männer in Deutschland sprach das dpa-Dossier Bildung Forschung mit Miguel Diaz von der Initiative "Neue Wege für Jungs", die vom Bundesfamilienministerium gefördert wird.

Kaum haben die Mädchen in der Schule aufgeholt, wird über eine Benachteiligung von Jungen geklagt. Was ist das Dilemma der Jungen?

Diaz: In der Debatte über die Benachteiligung von Jungen wird meist der "Männermangel" im Erziehungs- und Bildungsbereich als Erklärung angeboten. Wissenschaftlich fundiert ist diese These allerdings nicht, denn die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen sind besonders in Schulformen mit einem relativ hohen Männeranteil wie dem Gymnasium stärker ausgeprägt. Darüber hinaus verweist eine aktuelle Studie des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) darauf, dass weder Jungen noch Mädchen im Unterricht von einer gleichgeschlechtlichen Lehrkraft profitieren. Bildungserfolge und –misserfolge scheinen demnach nicht mit der Geschlechtszugehörigkeit der Lehrkraft zu korrelieren. Weniger Beachtung in der Bildungsdebatte findet hingegen die Frage, inwieweit die Orientierung an tradierten Männlichkeitsmustern vielen Jungen ein Lernen in der Schule erschwert. Ein strebsamer Schüler zu sein, dem Schulnoten und Schulabschluss wichtig sind und dafür auch büffelt, entspricht nicht einem klassischen Jungenbild. Nicht selten müssen solche Schüler mit Abwertungen und Sanktionen ihrer Peer-Group rechnen.

Was muss sich im Bildungsbereich ändern, um die Probleme der Jungen aufzufangen?

Diaz: Ebenso wie die Mädchenförderung seit den 1970er Jahren positive Effekte zeigt, bedarf es auch einer geschlechtsbewussten Förderung von Jungen. Diese müssen darin unterstützt werden, einengende Rollenvorstellungen zu erweitern und neue Wege jenseits tradierter Männlichkeitsvorstellungen zu gehen. Zu überlegen wäre, inwieweit eine fach- oder themenbezogene Trennung von Jungen und Mädchen in bestimmten Lernphasen von Vorteil ist und beiden Geschlechtern zugute kommt. Grundsätzlich bedarf es im Bildungsbereich einer deutlich stärkeren Berücksichtigung und Auseinandersetzung mit dem Thema Geschlecht. Bisher herrscht eher eine ´Geschlechterblindheit`. Dem ist ein geschärfter Blick gerade für die Sozialisation und Lebenslagen von Jungen und Mädchen entgegenzusetzen.

Die Initiative "Neue Wege für Jungs" gibt es seit fünf Jahren. Was haben Sie inzwischen erreicht?

Diaz: Das bundesweit agierende Service-Büro und Vernetzungsprojekt ´Neue Wege für Jungs` hat mittlerweile ein Netzwerk mit knapp 160 Beteiligten (Stand April 2010) aufgebaut. In allen Bundesländern sind verschiedene Hochschulen, Vereine, Behörden und andere Organisationen im Netzwerk aktiv. Sie gestalten gendersensible Jungenangebote, damit sich ihr Berufswahlspektrum erweitert, ihre Rollenvorstellungen flexibler und ihre sozialen Kompetenzen besser werden. Als Service-Büro unterstützen wir die lokalen Akteure mit Materialien, Beratung und informieren über erfolgreiche Beispiele aus der Jungenförderung. Seit zwei Monaten bieten wir zudem die Datenbank ´Jungs willkommen!` an. Sie vermittelt regionale Kontaktdaten zu Anbietern von Praktika, Veranstaltungen und Workshops für Jungen. Auch haben wir schon mehrere Wettbewerbe organisiert.

Worin bestehen die größten Hürden für eine Politik zugunsten von Jungen?

Diaz: Jungen genießen in der Öffentlichkeit nicht selten ein negatives Image und werden als defizitär beschrieben – wie uns auch die aktuelle Bildungsdebatte zeigt. Solche verallgemeinernden Zuschreibungen üben einen bedenklichen Einfluss auf das Selbstbild der Jungen aus und stigmatisieren die Gruppe der Jungen als Verlierer und ihre Lebenslagen als katastrophal. Von diesen dramatisierenden Tönen sollte sich Politik abgrenzen und zu einem sachlichen und unaufgeregten Blick auf die Situation der Jungen beitragen. Die große Binnendifferenz innerhalb der Jungen gilt es dabei wahrzunehmen und geschlechtsstereotypisierende Maßnahmen zu vermeiden. So wird in der Benachteiligungsdebatte die große Streuung bei den Schulleistungen der Jungen nicht beachtet, die kompetenzstarken Schüler werden ausgeblendet. Dies kann aber auch pädagogische Jungenangebote betreffen, die Lust auf Abenteuer wecken und Gewalttätigkeit entgegenwirken wollen. Übersehen wird dabei häufig, dass längst nicht alle Jungen gerne im Wald Stöcke schnitzen oder Fußballspielen und nur eine klare Minderheit von ihnen gewalttätig handelt. Die Politik sollte vielfältige Männlichkeitsformen berücksichtigen.

Was möchten Sie in den nächsten fünf Jahren verwirklicht sehen?

Diaz: Nach wie vor ist die Jungenförderung ein viel thematisiertes aber wenig bearbeitetes Feld, das kaum institutionalisiert ist. Gerade die großen Verbände zeichnen sich häufig in diesem Thema noch durch blinde Flecken aus. Die weitere Verbreitung von gendersensiblen Jungenangeboten, deren zunehmende Professionalisierung und der Ausbau unseres Netzwerks ist deshalb eine Herausforderung, der wir gerne nachkommen, ohne dabei die weiterhin notwendige Mädchenförderung ablösen zu wollen.

Ursula Mommsen-Henneberger (dpa-Dossier Bildung Forschung 17/26.04.2010)


© 2009 dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH.
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1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von kritz, am 24.04.2010, 22:55

"Neue Wege für Jungs" ist eine Farce, und eine Riesen-Frechheit.

Schaut man sich die "Berufe" mal an, die den Jungs dort angedient werden, stößt man genau auf die Berufe, aus denen die MacherInnen des "Girls Day" die Mädchen raus haben möchten. Beispiele: Kosmetika-Hersteller, Friseur, Hilfskraft in der Altenpflege, Erzieher.

Wenn den MacherInnen von "Neue Wege für Jungs" wirklich die Bildungschancen von Jungs am Herzen liegen würden, würden sie den Jungs Berufe andienen, in denen zwar Frauen die Mehrzahl der Beschäftigten stellen, aber trotzdem gut bezahlt sind, z.B. Ärztin, Tierärztin, Mitarbeiter im öffentlichen Dienst.


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