"Lernschwierigkeiten gibt es bei allen Menschen"
Interview mit dem Sonderpädagogen Professor Dr. Ulrich Heimlich
Mehr zu: Bildungschancen, Bildungsgerechtigkeit, Förderschule, Handikap, Inklusion, Interviews, Hochschule, SchuleProfessor Dr. Ulrich Heimlich hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München den Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik inne. Integration und Inklusion gehören zum zentralen Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit, nebenher engagiert er sich auch für die gemeinsame Erziehung von Behinderten und Nichtbehinderten. Vor Kurzem erschien sein Buch mit dem Titel "Lernschwierigkeiten". bildungsklick.de wollte von Ulrich Heimlich wissen, was Lehrer Allgemeiner Schulen von der Sonderpädagogik lernen können und wie es um die Integration und Inklusion in Deutschland bestellt ist.
Herr Professor Heimlich, Sie plädieren in Ihrem aktuellen Buch für ein neues Verständnis von Lernschwierigkeiten, nicht mehr nur der Schüler selbst soll für seine Probleme verantwortlich gemacht werden. Was heißt das konkret und mit welchen Folgen?
Ulrich Heimlich: Wenn Kinder Lernprobleme haben, wird meist erklärt, sie hätten keine Lust zum Lernen und würden sich deswegen verweigern. Wenn man es mal ganz salopp formuliert: Nach meiner Auffassung wird viel zu häufig den Kindern die Schuld für ihre Lernprobleme in die Schuhe geschoben. Ich gehe von einem anderen Verständnis von Lernschwierigkeiten aus. Denn die Kinder haben in der Regel gute Gründe, Lernprobleme zu entwickeln. Wenn man sich ihre Vorgeschichte, ihre Lebenssituation anguckt, dann ist ihr Verhalten in der Regel ganz gut nachvollziehbar. Deswegen sage ich: Wenn man Kindern mit Lernproblemen helfen will, dann muss man ihre Lebenssituation miteinbeziehen, erst dann kann man auch die Lernprobleme angehen.
Können Lehrer das denn nicht ohnehin?
Ulrich Heimlich: Ich glaube, dass es vielfach gar nicht so einfach ist, Ursachen für Lernprobleme zu finden. Ich sage den Studierenden immer: Die Kinder stellen uns im Grunde vor Rätsel, die wir nicht so ohne Weiteres durchschauen. Selbst die Experten nicht. Wir sind auch als Sonderpädagogen häufig überfordert - zumindest, wenn es darum geht, die Probleme auf Anhieb zu durchschauen. Das heißt, man braucht schon sehr viele Kenntnisse und viel Geduld.
Ich bin ja selbst zehn Jahre Sonderschullehrer gewesen. Ein Beispiel: Ein Junge in meiner Klasse war absolut nicht bereit, irgendetwas zu tun. Er hat sich komplett verweigert, er hat keine Hausaufgaben gemacht und auch im Unterricht nicht mitgearbeitet. Ich musste also erst einmal verstehen, was dahintersteckt. Ich habe versucht, häufig mit ihm zu sprechen und ich habe seine Familiensituation kennengelernt. Denn man muss etwas tun, was in unserem Schulsystem nicht allzu sehr verbreitet ist: Man muss aufmerksam sein für jedes einzelne Kind. Als dieser Prozess so einigermaßen in Gang gekommen war, konnte ich ihn langsam zur Mitarbeit bewegen. Es gab eine Schlüsselsituation für mich – da habe ich gesagt "Jetzt ist Schluss bei mir, wenn du deine Aufgaben nicht erledigst, dann setze ich mich an deinen Platz und mache deine Aufgaben für dich." Die ganze Klasse hat natürlich geschaut, ob ich das tatsächlich tue. Da fühlte er sich in seiner Ehre angegriffen. Er hat mich weggeschubst und hat sich an seine Aufgaben gesetzt. Also manchmal ist es schon ungewöhnlich, was man sich einfallen lassen muss.
Alltagskompetenzen im Studium entwickeln
Und solche ungewöhnlichen Herangehensweisen lernen Ihre Studenten?
Ulrich Heimlich: Wir haben hier in München die Möglichkeit, sehr intensiv mit den Studenten zu arbeiten, ich glaube, das ist bundesweit tatsächlich einmalig. Unsere Studenten begleiten zum Beispiel im Studium ein Jahr lang ein Kind, diagnostizieren dessen Lernprobleme genau, entwicklen einen Förderplan, setzen die Förderung auch mit den Kindern um und überprüfen schließlich die Ergebnisse. Immerhin bei 370 Studierenden in meinem Lehrstuhl. Wir wollen, dass die Studenten mit ganz klaren Alltagskompetenzen in die Schule gehen. Denn sie müssen hinterher vor der Klasse stehen, müssen Kinder diagnostizieren und fördern können. Wir versuchen, diese Kompetenzen im Studium so weit wie möglich zu entwickeln.
Ist ihr Buch also speziell für Studierende der Sonderpädagogik geschrieben oder richtet es sich an alle Lehramtsstudenten und Referendare?
Ulrich Heimlich: Ich habe zehn Jahre in Schulen für Lernbehinderte unterrichtet und bin jetzt seit fünfzehn Jahren an der Universität - das Buch ist also auch ein bisschen Bilanz. Wir haben allerdings inzwischen angefangen, sehr viel weiter zu denken, auch in die Allgemeine Schule hinein. Und das ist der Wunsch, den ich damit verbinde: Ich versuche mit dem Buch sonderpädagogisches Know-how so aufzubereiten, dass es auch für andere Kollegen der Allgemeinen Schulen von Interesse ist und sie unter Umständen davon profitieren. Insofern kann ich nur betonen: Ich richte mich an alle Lehrerinnen und Lehrer und möglicherweise auch darüber hinaus, denn Lernschwierigkeiten - und das ist meine zentrale Behauptung in dem Buch - gibt es bei allen Menschen, sie finden auch in allen Lebensphasen statt und es gibt offensichtlich auch in allen Lebensphasen Menschen, die Hilfe benötigen.
Lernbehinderung ist eine politische Kategorie
Wahrscheinlich müssen sich die Lehrer ohnehin auf Veränderungen einstellen, denn nachdem Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention im vergangenen Jahr ratifiziert hat, haben behinderte Kinder das Recht, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern eine allgemeine Schule zu besuchen. Wie viel Hoffnung haben Sie, dass dieser Rechtsanspruch tatsächlich rasch umgesetzt wird?
Ulrich Heimlich: Wir sind jetzt seit fast 40 Jahren dabei, für mehr Integration im Bildungssystem zu kämpfen. Dabei habe ich gelernt, dass in Deutschland der Satz von Günther Grass gilt: Der Fortschritt ist eine Schnecke. Es ist unglaublich, wie viele Gefechte es gibt. Meine Erfahrung ist, dass wir uns an den Strukturen festhalten, die wir geschaffen haben. In unserem Bereich ist das ganz besonders deutlich, weil wir in der Bundesrepublik nach 1949 ein differenziertes Förderschulsystem geschaffen haben, das international einmalig ist. Und das lehren die Erfahrungen: Sobald solche Institutionen existieren, gibt es auch die Schüler dafür. Das bedeutet gleichzeitig, man hat ein Problem, wenn man diese Institutionen umgestalten will. Das ist einfach eine politische Frage.
Mecklenburg-Vorpommern hat 10,6 Prozent Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, in Rheinland-Pfalz hingegen sind es 4,4 Prozent. Wie ist das möglich? Meine Schlussfolgerung ist: Lernbehinderung ist eine politische Kategorie. Wenn es politisch gewollt ist, dann sind eben 10 Prozent lernbehindert. Und wenn wir es aus der Sicht der Eltern sehen, dann ist das Risiko, für das Kind die Diagnose "sonderpädagogischer Förderbedarf" zu bekommen, in Mecklenburg-Vorpommern doppelt so hoch wie in Rheinland-Pfalz. Eine Konsequenz: Eltern sollten genau überlegen, in welches Bundesland sie ziehen.
Ein Satz ist mir in Ihrem Buch besonders aufgefallen. Sie schreiben: "Menschen mit Behinderungen sind nicht schwach." Was meinen Sie damit?
Ulrich Heimlich: Man geht ja davon aus, dass ein Mensch, der hilfebedürftig ist und Unterstützung benötigt, schwach ist. Wer selbst einmal in einer solchen Situation war, beispielsweise im Krankenhaus, der weiß, dass er sich tatsächlich auch schwach gefühlt hat. Ich erlebe aber, dass Menschen mit Behinderungen, dadurch, dass sie immer wieder in solche Situationen kommen, auch eine sehr große Stärke entwickeln. Und wir haben gelernt, nicht nur auf die Schwächen, Leiden und Fehler der Kinder und Jugendlichen zu gucken, sondern auch auf ihre Stärken. In jedem Menschen, in jedem Kind steckt irgendetwas an Fähigkeiten und für den pädagogischen Umgang ist es entscheidend, dass wir das herausfinden. Das ist die Botschaft: Nicht nur die Erwachsenen können den Kindern etwas vermitteln und sie unterstützen, es kommt auch immer etwas zurück.
Ulrich Heimlich, Lernschwierigkeiten. Bad Heilbrunn 2009. 256 Seiten, ISBN 978-3-8252-3192-7, 18,90 EUR
hallo,
kann man bei prof.dr. ulrich heimlich auch als mensch mit lernprobleme (behinderung)studieren, wenn man die hochschulzugangsberechtigung hat?
mfg
anonym
Schule
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