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Bologna-Prozess

Diagnose: scheintot – Vom Versagen deutscher Hochschulen

Mehr zu: Bologna-Prozess, Fachhochschule, Habilitation, Interviews, Klausuren, Hochschule
06.05.2010 -

(nis). Der Bologna-Prozess sollte ein einheitliches europäisches Hochschulwesen schaffen, das die Absolventen fit macht für den globalen Arbeitsmarkt. In Deutschland allerdings scheint die Reform gescheitert. Statt kreativer Köpfe produziere die deutsche Universität Betonköpfe. So lautet der Vorwurf von Sozialwissenschaftler Wolf Wagner.

In Ihrem neuen Buch "Tatort Universität" sprechen Sie vom Versagen deutscher Hochschulen. Warum?

Wolf Wagner: Gegenwärtig klagen alle Beteiligten, also auch die Hochschulen, die Professoren, selbst die Hochschulleitung, was aus der gestuften Hochschulreform geworden ist. Wenn man aber genauer hinsieht, sind die, die am lautesten klagen, diejenigen, die das Ganze verursacht haben: Die extreme Verschulung, die vielen Klausuren, die Unbeweglichkeit, dass man Leistungen, die im Ausland erbracht werden, nicht richtig anerkennt – das sind Dinge, die alle lautstark beklagt werden, aber verantwortlich dafür sind die Professoren. Unter dem Namen Bologna haben sie Etikettenschwindel betrieben und genauso weitergemacht wie bisher. Sie haben in ein sechssemestriges Studium, das bisher acht oder zehn Semester dauerte, alles an Fachwissen reingepackt – und wundern sich dann, dass die Studierenden klagen.

Wie lautet Ihr Vorschlag zur Rettung der Hochschulen?

Wolf Wagner: Ich fordere ein zusätzliches Kreativitätsjahr. Das soll über das ganze Studium verteilt und für Lehrveranstaltungen reserviert sein, in denen fehlerfreundliches, assoziatives Denken erlaubt ist – wo also die Voraussetzungen für Kreativität geschaffen werden. Denn Kreativität besteht aus zwei Denkweisen: dem verrückten Denken, aus dem Neues entsteht, und dem exakten Denken, welches das Neue überprüft. Im exakten Denken sind wir wunderbar, aber das verrückte Denken fehlt.

Wie sieht Ihr Konzept praktisch aus?

Wolf Wagner: Im ersten Semester sollen die Studierenden nur zu einem Viertel der Zeit in ihrem Fach studieren. Dreiviertel der Zeit sollen sie ausschwärmen und in die regulären Lehrveranstaltungen möglichst vieler Fächer gehen. Sie sollen herausfinden, wie andere Fächer "ticken". Das ist wie interkulturelles Lernen. So wie die Ethnologen in einem fremden Stamm dessen Kultur erforschen, so gehen die Studierenden in fremde Fachkulturen. Sie sollen so möglichst viele unterschiedliche methodische Zugänge kennen lernen und zugleich ihre eigene Fachwahl überprüfen.

Ab dem zweiten Semester soll mit wachsendem Anteil Forschung im eigenen Fach simuliert werden. Ein Beispiel aus dem Bauingenieurwesen: Den Studenten wird gesagt: "Wir haben hier diese Brücke, da sind uns leider die Pläne verloren gegangen. Ihr müsst diese nachkonstruieren." Das Fachwissen muss nun in kreativer Weise angewandt werden. Aber man kann auch Fehler machen, weil die Brücke ja nicht in Wirklichkeit gebaut wird und daher nicht einstürzen kann. Fehlerfreundliches Lernen und neue Zugänge zu Problemlösungen können so ausprobiert werden. Vielleicht entwirft dabei jemand neue Planformen, die sogar besser sind als die alten. Das muss honoriert werden. Denn an dieser Innovationsfähigkeit hängt die ganze Gesellschaft. All die riesigen Probleme der Zukunft können wir nur mit kreativen Ideen lösen.

Ab dem vierten Semester sollen 20 Prozent der Zeit für eigene Projekte vorbehalten bleiben. Aus denen entstehen dann die Abschlussarbeit, später dann die Masterarbeit oder gar die Doktorarbeit.

Sind die Voraussetzungen dafür geschaffen?

Wolf Wagner: Die Politik hat alles Nötige zur Verfügung gestellt. Das ist ja das Verrückte. Der Bologna-Prozess ist eigentlich darauf angelegt, dass die Studenten Handlungs- und Problemlösungsfähigkeit erlernen, und ist gar nicht auf diesen Wissensbegriff festgelegt.

Die Professoren sind das Hauptproblem. Die haben überall die Blockademehrheit. Es ist eine reine Ständeherrschaft. Der Stand der Professoren hat sozusagen die Macht und die nutzt er konsequent, um alle Veränderungen in Richtung mehr Kreativität zu verhindern. Es ist also nötig, das System zu ändern. Man muss den Professoren die Möglichkeit nehmen, die Reform zu blockieren. Die Hochschule muss unter parlamentarische Kontrolle gestellt und von oben muss gesagt werden: "Jetzt wird kreatives, aktivierendes, auf den Erwerb von Kompetenzen ausgerichtetes Lernen durchgesetzt." Ich würde vorschlagen, dass externe Expertengremien die Studienordnung entwickeln. Denn wenn man Leute die Studienordnung entwickeln lässt, die später auch lehren, haben Sie immer die Problematik, dass jeder von seinem Fach so viel Fachwissen wie möglich unterbringen will.

Wann ist der Zeitpunkt zur "Entmachtung" gekommen?

Wolf Wagner: Das wird schwierig, weil sich die Professoren sperren werden mit allem, was sie haben. Sie werden brüllen: "Humboldt, Humboldt" und "Die Gesellschaft geht zugrunde, unsere Bildung geht verloren." Denn die Professoren kriegen ihr Geld nach dem Forschungserfolg und kümmern sich darum nur reduziert um die Lehre. Die Hochschule muss eine Verschiebung in Richtung Lehre leisten. Sie muss dafür sorgen, dass gute Lehre honoriert wird – etwa mit deutlichen Gehaltssteigerungen, zusätzlichem Personal, Gastprofessuren an anderen Hochschulen und so weiter. Und: Man muss im Gesetz definieren, dass es die Aufgabe der Hochschulen ist, Berufsausbildung zu leisten. Da weigern sich die Universitäten ja bisher – außer in traditionellen Fächern wie Medizin, wo das immer schon so war. Aber in den meisten Fächern sagen sie: Wir liefern Bildung – aber keine Ausbildung. Tatsächlich liefern sie aber weder das eine noch das andere.

Zur Person

Wolf Wagner wurde 1944 in Tübingen geboren. Studium in Tübingen, Bonn und Berlin. An der Freien Universität Berlin 1976 Promotion zum Dr. rer. pol. und 1979 Habilitation. 1982 bis 1985 Forschungsreisen durch Amerika und Asien. Bis 1992 Freier Therapeut in Tübingen und Berlin. Bis 2009 Professor für Sozialwissenschaften und Politische Systeme am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Erfurt, dort Prorektor und Rektor bis 2005. Danach ein Jahr Forschungsreise. Seit September 2009 im Ruhestand in Berlin.

Tatort Universität. Vom Versagen deutscher, Hochschulen und ihrer Rettung Stuttgart (ISBN 978-3-608-94614-7, Preis: 16,90 €)

Erstveröffentlichung Klett Themendienst

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