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Kita-Alltag

Der Spagat zwischen Bildungsauftrag und Rahmenbedingungen

Kita-Alltag heute: Hohe Ansprüche an alle Beteiligten

Mehr zu: Bildungspläne, Erzieherinnenausbildung, Frühe Förderung, Frühkindliche Bildung, Perspektive: Bildung, Kindergarten / Vorschule
01.06.2010 -

Die frühkindliche Bildung gehört spätestens seit den ersten PISA-Ergebnissen zu den zentralen Themen in der bildungspolitischen Diskussion. Vor sechs Jahren schon haben Jugendministerkonferenz und Kultusministerkonferenz im "Gemeinsamen Rahmen der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen" Standards festgelegt. Die einzelnen Bundesländer entwickelten Bildungs- oder Orientierungspläne für die Elementarerziehung. Und immer mehr Universitäten und Fachhochschulen bieten mittlerweile spezielle Studiengänge für Erzieherinnen. Doch sind die Veränderungen im Kitaalltag angekommen? Und wie äußern sich die Entwicklungen in der Ausbildung? Antworten dazu hat Perspektive: Bildung bei den Akteuren in Kitas und Ausbildungsstätten gesucht.

Bild: bikl.de

Morgens um sechs beginnt der Alltag in der Berliner Kita Rütlistraße. Dann stehen bereits die ersten Eltern mit ihren Sprösslingen vor der Tür. Und erst abends um halb sechs schließen sich die Pforten der Einrichtung wieder. Für 80 Prozent der Eltern, deren Kinder hier betreut werden, ist Deutsch nicht ihre Muttersprache. In der Kita arbeiten außerdem mehrsprachige Erzieherinnen. Bereits acht Wochen alte Kinder können aufgenommen werden.

Bild: bikl.de

Gegenwärtig ist das Jüngste knapp ein Jahr und die ältesten Kinder sind sechs- im Ausnahmefall auch sieben- Jahre alt. Dazwischen liegen entscheidende Entwicklungsjahre – eine große Verantwortung für die Erzieherinnen, bestätigt Kitaleiterin Roswitha Kulina. "Wir befinden ständig in der Qualifizierung. In diesem Jahr haben wir uns für den Schwerpunkt Forschen und Experimentieren entschieden." Außerdem arbeitet das Team mit einer Trainerin regelmäßig an der Konzeptionsentwicklung, wobei die Themen des Bildungsprogramms im Vordergrund stehen.

"Bildungsdruck"

Erzieherinnen haben eine große Bereitschaft zur Weiterbildung, weiß auch Ulrike Kläfker. Sie leitet die Evangelische Fachschule für Sozialarbeit in Osnabrück. Hier werden derzeit 300 Schüler von rund vierzig Lehrkräften ausgebildet. Die Erzieherausbildung ist nach wie vor eine Breitbandausbildung. Die Absolventen können anschließend sowohl in allen Bereichen der frühkindlichen Bildung wie auch in der Jugendhilfe arbeiten. Die Fachschulen bilden traditionell praxisorientiert aus. "Wir haben bestimmte Stärken, die sich nachher auszahlen. Etwa die Praxisbetreuung mit einer Ein-zu-Eins-Betreuung und der engen Verzahnung von Theorie und Praxis. Alle nehmen sich sehr viel Zeit für Einzelgespräche und Beratungen."

Das können Ruth, Nancy und Lena nur bestätigen. Die Drei stehen kurz vor ihrer Abschlussprüfung. Sie hätten sehr viel Unterstützung von den Lehrern bekommen, betonen sie. Auch für ihre Zukunft haben sie schon Pläne. Lena will zunächst im Kindergarten arbeiten, nach zwei Jahren aber studieren und Nancy hat sich jetzt schon um einen Studienplatz beworben. Auch Ruth wird anschließend im Kindergarten arbeiten, will aber auf jeden Fall eine heilpädagogische Zusatzausbildung machen. Das Interesse an Weiterbildung ist groß, bestätigt auch Friederike Niederdalhoff, die hier unterrichtet. "Ich nehme wahr, dass viele unserer Absolventen so etwas wie einen Bildungsdruck haben. Sie werden von anderen ganz oft gefragt: Du willst doch jetzt nicht mit dieser Ausbildung aufhören, was machst du als Nächstes?" Auch ihrer Kollegin Karin Präger ist die Weiterbildung ihrer Schüler ein großes Anliegen. "Ich sage heute jeder Schülerin: Achte auf deine weitere Bildung - mit 50 ist der Bauteppich nicht mehr interessant und der Bachelor ist einfach das Sprungbrett, um in einen anderen Bereich wechseln zu können."

Bereits die grundständige Erzieherinnenausbildung dauert vergleichsweise lang: in der Regel vier Jahre, wenn die Schüler ihre Ausbildung nach dem Mittleren Abschluss beginnen. "Die Kindertageseinrichtungen des Elementarbereichs werden heute als unentbehrlicher Teil des öffentlichen Bildungswesens verstanden. Unter Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Erkenntnisse sind sie mit ihrem ganzheitlichen Förderauftrag, ihrer lebensweltorientierten Arbeit und ihren guten Beteiligungsmöglichkeiten geeignete Orte für frühkindliche Bildungsprozesse", heißt es bei der Kultusministerkonferenz. Doch diese anspruchsvolle Tätigkeit der Erzieherinnen wird nicht gerade üppig bezahlt. Außerdem, so weiß Karin Präger "gibt es viele befristete Verträge und bei einer Befristung kann man nicht gerade ein gutes Arbeitsgefühl entwickeln."

Das Problem: die Rahmenbedingungen

Die mangelhaften Rahmenbedingungen der Kitas sind gegenwärtig auch das größte Problem für alle Beteiligten. "Durch die Betonung des Bildungsauftrags gibt es eine andere Gewichtung. Der Zeit vor der Schule wird mehr Beachtung geschenkt. Das ist auch sehr gut so, denn wir wissen, dass die Jahre im Kindergarten zur wichtigsten Lernphase zählen. Aber die Bezahlung der Erzieherinnen steht in keinem Verhältnis zu der anspruchsvollen anstrengenden Tätigkeit, da sind wir bei einer Rahmenbedingung, die verändert werden muss, eine zweite: der Erzieher-Kind-Schlüssel. Man geht in der internationalen Forschungsliteratur bei den bis zu Dreijährigen von einem Verhältnis eins zu vier und bei den 3-6jährigen von eins zu acht aus. Und da sind wir in der Bundesrepublik meilenweit entfernt", bestätigt Beate Wellner. Sie ist Lehrerin an der Fachschule für Sozialpädagogik im Katholischen Schulzentrum Edith Stein in Berlin und Autorin verschiedener Lehrbücher.

"Außerdem gehört der Erzieherinnenberuf nicht gerade zu den Berufen, die gesellschaftlich gut angesehen sind. Es gibt immer noch die Auffassung, Erzieherinnen würden nur dasitzen, die Kinder betreuen und Kaffee trinken", kritisiert auch die Osnabrücker Schülerin Nancy Ihre Lehrerin Friederike Niederdalhoff will aber auch die Erzieherinnen – zumindest in einem Punkt – stärker in die Pflicht nehmen: "Viele Erzieherinnen machen sehr gute und qualifizierte Arbeit. Sie haben aber Schwierigkeiten, sich selbst professionell darzustellen und die richtigen Termini zu nutzen. Da hat sich durch die Bildungsdebatte in den vergangenen Jahren sehr viel getan und man geht jetzt auch mit Begriffen ganz anders um als früher. Die Erzieherinnen machen zwar die geforderte Bildungsarbeit, können vieles aber oft nicht richtig benennen. Ich lege sehr viel Wert darauf, dass die Schüler lernen, sich qualifiziert auszudrücken. Auch das schreibt der Orientierungsplan vor."

"Große Herausforderung für die Ausbildungsliteratur"

Unterstützung und Anregung können die angehenden Erziehrinnen in ihren Lehrbüchern finden. Christina Henning, Redaktionsleiterin Frühe Bildung beim Cornelsen Verlag, weiß allerdings, dass die Erzieherinnenausbildung hohe Ansprüche an die Lehrbücher stellt und dass die Entwicklung passender Ausbildungsliteratur eine große Herausforderung ist. Schließlich gibt es neben der traditionellen Fachschulausbildung inzwischen rund 60-70 neue Studiengänge ganz unterschiedlicher Ausprägung. "Wir haben im Februar den mutigen Versuch gestartet, alle Lehrinhalte in einem Buch zu vereinen und haben ein mächtiges Lehrwerk auf den Markt gebracht. Das Buch ist als Grundlagenwerk für die verschiedenen Studiengänge konzipiert", so Henning. "Es kann aber auch kapitelweise für den Unterricht an Fachschulen interessant sein. Darüber hinaus dient es sicherlich immer wieder als Nachschlagewerk."

Bild: bikl.de

Dieses knapp 800 Seiten starke Werk verdeutlicht eindrucksvoll, wie breit die Erziehrinnenausbildung angelegt ist. Da werden neben den wichtigsten Inhalten aus Pädagogik, Psychologie und Soziologie unter anderm auch die Themen Management, Organisation und Recht ausführlich behandelt und im Glossar lassen sich alle Fachbegriffe von Abenteuer bis Zweitspracherwerb nachschlagen. Natürlich wurden auch aktuelle Begriffe aufgenommen, wie etwa "Erziehungspartnerschaft" - und das ist längst mehr als reine Elternarbeit.

Christina Henning: "Für die Aus- und Weiterbildung, und natürlich in der Praxis spielt das Thema Erziehungspartnerschaft eine zentrale Rolle. Dieser Begriff besagt ja, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Das heißt aber nicht, dass jeder die gleichen Kompetenzen hat. Eine Mutter bringt andere Kompetenzen mit als die Erzieherin. Es geht also darum, was die jeweils andere kann und was zum Wohl des Kindes gemeinsam getan werden kann. Da gibt es sicherlich immer noch Berührungsängste und Konfliktpotenziale, aber wenn beide Seiten offen aufeinander zugehen, kann eine Erziehungspartnerschaft gelingen."

Etwa in der sogenannten Eingewöhnungsphase, berichtet Roswitha Kulina. "Das ist ein ganz wichtiger Punkt der Erziehungspartnerschaft. Hier in Berlin arbeiten wir intensiv mit den Eltern zusammen. Sie werden von uns darauf vorbereitet, dass diese Eingewöhnungszeit für ihr Kind bis zu vier Wochen dauern kann. Während dieser Zeit baut das Kind Vertrauen zur Erzieherin auf, es gewinnt an Eigenständigkeit und löst sich langsam von den Eltern. Die Eltern lernen die Erzieherinnen und den Tagesablauf kennen. Ein individuelles Eingewöhnungskonzept berücksichtigt die Bedeutung der Bindung zwischen Kindern und Eltern. Kinder, die hier eine gute Grunderfahrung machen, sind für einen Teil ihres Lebens gewappnet."

Zwischen Waldtag und Sprachwerkstatt

Der Kindergarten Brockhausen in Niedersachsen: Anders als in Berlin haben hier nahezu alle der 50 Kinder einen deutschsprachigen Hintergrund. Doch wer Beschaulichkeit erwartet, liegt verkehrt. "Die Orientierungspläne sind für alle Einrichtungen gleich, egal ob dort 15 oder vier Erzieherinnen arbeiten. Wenn man aber in einer kleinen Einrichtung den Plan umsetzen will, dreht man sich schnell im Kreis", weiß Sandra Plato, die den Kindergarten in der 400-Seelengemeinde mit viel Engagement leitet.

Um den Orientierungsplan umzusetzen hat sie deswegen mit ihren Kolleginnen kurzerhand die bereits anderenorts erprobten Lernwerkstätten individuell in eine eigene Konzeption eingebettet und mit Projekten ergänzt. Am Ende der Morgenrunde entscheiden sich die Kinder, welchen Arbeit- und Lernbereich sie für die weiter 45 Minuten aufsuchen: Theaterwerkstatt, Forscherwerkstatt, Sprachwerkstatt, Kreativwerkstatt. "Jede Kollegin ist für zwei Bereiche zuständig. Das hat unter anderem den Vorteil, dass ich weiß, welche Kollegin ansprechen kann, wenn ich bestimmte Fortbildungsangebote bekomme." Zum Programm der Kita gehört außerdem der wöchentliche Waldtag und der Mittwochvormittag findet im Wechsel im Schwimmbad und der Turnhalle statt.

Bildung als Selbstbildung

"Bildungspläne sind Orientierungshilfen zur Professionalisierung pädagogischer Fachpraxi, aber sie sind sehr unterschiedlich, sowohl in ihrer Quantität als auch in ihrer Qualität", weiß Dr. Beate Wellner. "Allerdings gibt es ein Bildungsverständnis, das allen Bildungsplänen zugrunde liegt, nämlich, dass das Kind selbst Akteur seiner Entwicklung ist, oder mit anderen Worten: Bildung als Selbstbildung."

Das kann dann in der Realität so aussehen, wie Sandra Plato berichtet: In der Forscherwerkstatt erklärte ein Kind, Russland sei größer als Deutschland, aber Deutschland habe mehr Einwohner. Sofort kamen Fragen nach dem kleinsten Land der Welt, der kleinsten Insel, dem größten Meer. "Wir haben dann gemeinsam bei Wikipedia nachgeguckt und als die Fragen erschöpft waren, konnten wir den PC wieder ausschalten. Kinder, die zur Schule wechseln, wissen, was ein Lexikon ist und dass man im Internet nachgucken kann. Diese Kompetenzen haben sie hier erworben und das bekommen wir auch so von den Schulen gespiegelt."

"Kitas sind oft besser als ihr Ruf"

Zwischen 80 und 95 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen besuchen in Deutschland einen Kindergarten oder eine Kindertagesstätte. Einrichtungen, die sich nicht nur in ihrer Größe, sondern auch in ihrem Angebot stark voneinander unterscheiden und deren Selbstverständnis momentan großen Umbrüchen unterliegt. Die Ausbildung der Erzieherinnen steht auf dem Prüfstand, wenn auch noch weitgehend offen ist, wohin sie sich entwickeln wird. Gegenwärtig werden noch mehr als 95 Prozent der Erzieherinnen an Fachschulen ausgebildet und ein wirkliches Berufsbild für die Absolventen von Fachhochschulen oder Universitäten gibt es noch nicht. Mit den Bildungs- und Orientierungsplänen wurden bereits Standards für die pädagogische Qualität der Kitas festgelegt. Wie weit sie umgesetzt werden können, hängt nicht zuletzt von den Rahmenbedingungen ab. "Kitas sind oft besser als ihr Ruf", weiß Dr. Beate Wellner. "Es gibt sehr gute Einrichtungen, die auch unter widrigen Umständen beste Arbeit leisten, in anderen Einrichtungen sind bislang noch keine Veränderungen spürbar. Das mag daran liegen, dass der Bildungsplan ungenutzt im Schrank steht und bislang niemand ernsthaft prüft, ob beziehungsweise inwieweit die wünschenswerten Standards eingehalten werden."

Bücher für Erzieherinnen (eine Auswahl)

Kinder erziehen, bilden und betreuen, Lehrbuch für Ausbildung und Studium, 792 Seiten, Festeinband, 54,95 Euro, ISBN: 978-3-06-450160-7, Cornelsen Scriptor, 2010

Kita - Wie gut sind wir? von Charis Foerster, Daena Schlecht, Beate Wellner, 20,50 Euro, ISBN: 978-3-589-24642-7, 120 Seiten , Kartoniert, Cornelsen Scriptor

Tagespflege - Wie gut sind wir? von Charis Foerster, Daena Schlecht, Beate Wellner, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-589-24650-2, 120 Seiten , Kartoniert Cornelsen Scriptor

Die ersten Tage - Ein Modell zur Eingewöhnung in Krippe und Tagespflege, von Andres, Beate; Hédervári, Éva; Laewen, Hans-Joachim, 112 Seiten, kartoniert 13,95 Euro, ISBN: 978-3-589-25336-4, Cornelsen Scriptor, 4., erweiterte Auflage 2009

Beobachtung und Erziehungspartnerschaft, hrsg. von Susanne Viernickel, 17,95 Euro, ISBN: 978-3-589-24572-7, 224 Seiten, Kartoniert, Cornelsen Scriptor

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Barbara, am 18.07.2010, 16:25

In diesem Artikel habe ich eine Sache vermisst: Es ist richtig, dass die Erzieherinnen unterbezahlt sind und einen wirklich anspruchsvollen Job haben, schlimm ist allerdings vor allem für die Kinder, dass die betriebswirtschaftlichen Vorgaben so streng sind. Unsere Tochter geht in einen Kindergarten in Betriebsträgerschaft in München. Der Betreuungsschlüssel 25 Kinder auf 2 Betreuer (1 Erzieher und 1 pädagogische Hilfskraft) ist dann okay, wenn auch wirklich beide verfügbar sind. In der Realität ist aber durch Krankheit, Urlaub, Mutterschutz, Fortbildung etc etc, dieser Standard keinesfalls gegeben. Jeder der halbwegs realistisch ist, weiß, dass eine Person 25 Kindern im Alter von 33 Monaten bis 6 Jahren kein vernünftiges Programm bieten kann. Bei 12 Sprachen in einer Gruppe ist zudem die Verständigung mit den Eltern eine zusätzliche Herausforderung für die Erzieher.

Erziehermangel an allen Ecken und Enden hat zumindest in unserem Kindergarten die Situation noch verschärft. Die Folge wird meiner Meinung nach sein, dass diejenigen, die es sich leisten können, Ihre Kinder in private Einrichtungen geben, denn dort werden Erzieher besser bezahlt, die Gruppen sind kleiner und der Dialog mit Eltern verläuft in der Regel besser. Am Ende steht leider wieder die Zweiklassengesellschaft.


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