(red) Von der Exzellenzinitiative bis zum G8 spannte sich der Bogen auf den diesjährigen Reckahner Bildungsgesprächen. Zum fünften Mal trafen sich im barocken Reckahner Schloss Wissenschaftler, Politiker und Journalisten um "an einem Brennpunktthema die Schwierigkeiten und Lösungsansätze der Reform des deutschen Bildungswesens zu diskutieren." Während in Berlin die ernüchternden Ergebnisse des nationalen Bildungsberichts vorgestellt wurden, fand man sich in Reckahn zum Thema "Talent, Begabung, Elite – Welche Exzellenzförderung braucht Bildung?" zusammen.
Ein schwieriges Thema wie Prof. Dr. Heinz-Elmar Tenorth von der Humboldt-Universität eingangs bemerkte. Schließlich sind Begriffe wie Begabung und Elite nicht unbedingt konsensfähig, nicht einmal über ihre Definition besteht Einigkeit, wie der Eliteforscher Prof. Dr. Michael Hartmann von der TU Darmstadt in seinem Eröffnungsvortrag erläuterte.
So werde Elite gern mit Spitze und Spitzenleistungen gleich gesetzt. Zwar leiste die Elite tatsächlich meist viel, aber dies sei für das Erreichen ihrer Position nicht ausreichend, ganz entscheidend sei nämlich die Herkunft: Eliten stammten überwiegend aus einem ganz schmalen Spektrum der Gesellschaft.
Außerdem falle auf, so Hartmann, dass der Begriff Exzellenz mittlerweile in aller Munde sei und man dabei grundsätzlich an Universitäten denke - eine erstaunlich schnelle Begriffsbelegung. Zur Exzellenzinitiative selbst fand er kritische Worte: Sie wirke nicht nur leistungsverstärkend, sondern auch leistungsreduzierend, weil der Blick zu sehr auf die Sieger gerichtet sei. Die Verlierer würden nicht wahrgenommen. Und der Verlust bei den vielen Verlierern werde nicht durch den Gewinn bei den wenigen Siegern aufgefangen. Hartmann nannte ein Beispiel: Ein Exzellenzcluster der Mathematik der Universität Leipzig, an dem 22 Professoren beteiligt waren und das ganz knapp scheiterte. Als entscheidend beschrieb er die Folgen: Von den 22 Professoren waren binnen Kurzem zehn von den Siegern abgeworben worden. "Das heißt, die Universität Leipzig muss sich in den nächsten Jahrzehnten keine Gedanken mehr über einen weiteren Antrag machen." Er habe Zweifel, ob dies tatsächlich Förderung der Wissenschaft sei.
Beim Thema Begabung und Elite kommt man an einem nicht vorbei: dem medienwirksamen Thema Hochbegabung.
Prof. Dr. Detlef H. Rost, Hochbegabtenforscher an der Universität Marburg, räumte in Reckahn mit einigen Vorurteilen auf. So sei der Mythos der Andersartigkeit längst widerlegt. "Sie sind in der Regel gut sozialisiert, haben nicht mehr Anpassungsprobleme und unterscheiden sich in ihren Interessen und Persönlichkeitsmerkmalen nicht von den normal Begabten. Hochbegabung ist kein Risikofaktor."
Auch bräuchte man keine Sonderklassen und Spezialschulen - die beste Hochbegabtenförderung sei ein guter, interessanter, flexibler und differenzierter Unterricht, eine gute Kooperation zwischen Schule und Elternhaus sowie ein engagiertes Lehrerteam mit einer engagierten Schulleitung. "Guter Unterricht hat noch keinem geschadet", so Rost wörtlich. "Er nützt den weniger Begabten, er nützt den durchschnittlich Begabten, er nützt den überdurchschnittlich Begabten und er nützt auch den Hochbegabten." Rost forderte außerdem mehr empirische Forschung und Hochbegabtenstudien, die den üblichen forschungsmethodischen Standards der Psychologie genügen müssten. Denn, so der Psychologe mit Blick auf eine andere Disziplin, "das ist die Ausnahme und nicht die Regel und deswegen ein Problem, weil viele Pädagogen nicht die empirische Vorbildung haben, um die Qualität der Studien zu erkennen." An die Bildungsverwaltung gab er den Rat, nicht auf Schaumschläger oder Fernsehexperten zu vertrauen.
Prof. Dr. Klaus Jürgen Tillmann, Bildungsforscher und ehemaliger Leiter der Bielefelder Laborschule, fand Definitionen für die unterschiedlichen Begriffe: Man müsse Begabung und Hochbegabung deutlich vom Begriff der Elite unterscheiden. Während Begabung das Fähigkeitspotenzial eines Menschen bezeichne, beschreibe der Begriff Elite eine hervorgehobene Personengruppe in der Gesellschaft, die sich durch Macht, Einfluss - offensichtlich aber auch durch besondere Leistungen - von der Mehrheit der Bevölkerung abhebe. Allerdings, so Tilmann, sei "Begabtenförderung nicht Vorbereitung auf einen wie immer gearteten Elitestatus".
Sein Fazit: Im Bildungssystem sollten alle Begabungen - also auch Hoch- und Spezialbegabung - bestmöglich gefördert werden. Frühe Zusammenfassung möglichst leistungsstarker Schüler mit günstigem sozialen Hintergrund und damit die Trennung von den anderen Kindern allein seien allerdings noch keine wirksamen Fördermaßnahmen. "Wir brauchen intelligentere Konzepte." Tillmann warnte vor den gegenwärtigen Exklusionstendenzen im Bildungswesen, die sich unter anderem an der vermehrten Gründung von Elitekindergärten und privaten Grundschulen zeige. "Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass die neue Debatte über Elite und Exzellenz vor allem darauf ausgerichtet ist, soziale Separierung im Bildungssystem weiter zu befördern. Einer solchen Argumentation, die Begabtenförderung sagt, aber soziale Spreizung meint, sollten wir nicht auf den Leim gehen."
"Salem ist keine Eliteschule", konterte Dr. Bernhard Bueb, ehemaliger Leiter der Internatsschule Schloss Salem. Der Anspruch, der dort in den letzten 30, 40 Jahren erhoben wurde, sei gewesen, Kinder und Jugendliche zu einer Verantwortungselite zu erziehen. "Wir wollen nicht, dass sie eine maßgebliche Stellung in der Gesellschaft bekommen, sondern dass sie dort, wo sie eines Tages leben und arbeiten werden, bereit sind, dem Gemeinwohl einen hohen Rang einzuräumen." Dieser Argumentation konnte sich Peter Daschner, Direktor des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung nicht anschließen. "Wenn man für Verantwortung erziehen will, warum macht man das sozusagen kaserniert in Abgrenzung zu denen, mit denen man Verantwortung teilen oder für die man Verantwortung übernehmen will?" so seine Frage. Im allgemeinen Schulwesen, so der Schulexperte, würden große Anstrengungen gemacht, Begabungen und besondere Begabungen zu erkennen und das ´richtige Futter` für alle Kinder zu bieten.
Einen kleinen Einwand zugunsten von Spezialschulen hatte schließlich Klaus Jürgen Tillmann noch parat: Dass bei Spezialbegabungen auch Formen der gesonderten Beschulung viel bewirken könnten, werde man hoffentlich am Mittag erleben, mit Manuel Neuer und Mesut Özil. Beide sind Absolventen der Gelsenkirchener Gesamtschule Bergerfeld, einer offiziellen Eliteschule des deutschen Fußballs. Das war dann schon kurz vor dem Anpfiff des WM-Spiels Deutschland gegen Serbien. Der Ausgang ist bekannt.
Jährlich im Frühsommer treffen sich im barocken Schloss des Bildungsreformers und preußischen Aufklärers Friedrich Eberhard von Rochow Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft, den Medien, der Lehrerbildung und der Bildungsverwaltung, um über Grenzen der Bundesländer hinweg interessante Ansätze und Konzeptionen vorzustellen und von allen Seiten her perspektivisch zu bewerten. Dabei geht es auch darum, auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, die einer erfolgreichen Reform im Wege stehen könnten. Veranstaltet werden die Bildungsgespräche vom Verband der Schulbuchverlage (VdS Bildungsmedien e.V.) und dem Rochow-Museum und Akademie für bildungsgeschichtliche Forschung e.V. an der Universität Potsdam. Konzipiert und moderiert werden die Gespräche von einem Trägerkreis, in dem Erziehungswissenschaftler, Verleger sowie Bildungsexperten mitwirken.