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"Die Hamburger Schulreform wird ein Erfolgsmodell"

Interview mit Peter Daschner, Leiter des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung

16.07.2010

(red) Am Sonntag werden die Hamburger Bürger über die geplante Schulreform abstimmen. Dabei geht es um die Frage, ob die Kinder des Stadtstaates zukünftig länger gemeinsam lernen: in einer sechsjährigen Primarschule. Neuesten Umfragen zufolge ist der Ausgang des Volksentscheids ungewiss. bildungsklick.de wollte vom Leiter des Hamburger Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Peter Daschner, wissen, welche Auswirkungen ein Votum für oder gegen die Schulreform haben wird.

Herr Daschner, eine kurze Frage: Wie wird der Volksentscheid am Sonntag ausgehen?

Peter Daschner: Wir gehen fest davon aus, dass die meisten Menschen in Hamburg wissen, was für die Kinder gut ist und dass es ein eindeutiges Votum für die Primarschule geben wird.

Aber bei der Volksbefragung hat es ja nicht so richtig geklappt.

Peter Daschner: Doch, die Initiative hat es geschafft, eine große Gruppe von Erwachsenen davon zu überzeugen, dass man bessere Bildung braucht - so hieß ja ihr Motto: "Wir wollen lernen". Dagegen ist nichts zu sagen. Wir wissen, dass viele Menschen unterschrieben haben, weil sie sagen: Ja genau, die Schulen sollen mehr Geld bekommen, die Klassen sollen kleiner werden und vor allem wollen wir das Elternrecht behalten. Das hat sich die Politik dann zu Herzen genommen und nach Verhandlungen in der Koalition und mit den anderen Parteien das Elternwahlrecht eingeführt, was es bisher ja nach Klasse 6 gar nicht gab. Man kann sich darüber streiten, welche Effekte das hat, aber es ist ein starkes politisches Argument. Und Eltern sind es gewohnt, dass sie ein deutliches Wort mitzureden haben - und das haben sie jetzt. Durch diese Gemengelage aus Wünschen und Forderungen an eine bessere Schule, an ein besseres Schulsystem hat sich auch die Schulreform verändert und deswegen glauben wir, dass wir viele Erwachsene, die damals unterschrieben haben, für die Reform gewinnen können.

Aber es scheint doch so, als seien die Fronten in Hamburg sehr verhärtet und die Wähler würden sie nicht ohne Weiteres wechseln?

Peter Daschner: Das machen die Medien daraus, das Medienecho ist entscheidend - aber was ist denn das vornehmste Recht der Bundesländer? Das ist die Kulturhoheit. Und innerhalb des Kulturbereichs ist es die Schule und innerhalb der Schule sind die Hauptbetroffenen neben den Schülern die Eltern. Wenn diese sich bei einer so wichtigen Frage sagen, das möchten wir jetzt selbst entscheiden und nicht unsere politischen Repräsentanten durch einen politischen Kompromiss bei Koalitionsverhandlungen entscheiden lassen, dann ist das doch ein Zeichen von Mündigkeit und deshalb sind die Hamburger nicht zu bedauern, dass sie jetzt über etwas Wichtiges entscheiden, sondern sie reihen sich ein in eine Front zum Beispiel mit den Schweizern.

Was ist aber, wenn die Wähler, trotz all Ihrer Zuversicht, gegen die Reform stimmen?

Peter Daschner: Darüber denken Politik und Administration nicht nach, weil sie davon ausgehen, dass es ein Votum für die Schulreform geben wird. Wenn Sie dennoch eine Antwort auf Ihre Frage haben wollen, dann möchte ich nur darauf hinweisen, dass die Hamburger Bildungsinitiative nicht nur darin besteht, die Grundschule um zwei Jahre zu verlängern und eine Primarschule einzurichten, sondern dass diese Schulreform viele Facetten hat. Es geht um einen ganzen Fächer von Maßnahmen. Die zwei großen Eckpunkte sind der Einstieg in das verlängerte gemeinsame Lernen und die zwei Wege zum Abitur. Denn mindestens genauso wichtig wie die Primarschule ist es, dass in der Sekundarstufe der Wirrwarr und das Chaos unterschiedlichster Schulformen aufgelöst werden. In Hamburg haben wir sechs Schulformen nebeneinander - die Hauptschule, die integrierte Haupt- und Realschule, die Realschule, die kooperative Gesamtschule, die integrierte Gesamtschule und das Gymnasium – wie sollen Eltern sich da zurechtfinden? Das wird jetzt abgelöst durch das Zweiwegemodell bis zum Abitur, nämlich eine Stadtteilschule, die nach 13 Jahren zum Abitur führt und das Gymnasium, das nach 12 Jahren zum Abitur führt. Das wird von niemandem in der Stadt infrage gestellt, weder von der Wirtschaft noch von den Gewerkschaften und darüber freue ich mich sehr und hoffe, dass es ein Erfolgsmodell werden wird.

Nun hat die deutsche Mathematiker-Vereinigung unlängst Bedenken gegen die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit geäußert, weil sie befürchtet, dass Grundschullehrer nicht ausreichend mathematisch qualifiziert seien und selbst "PISA" Papst Jürgen Baumert hat in einem Spiegel Interview eine Verlängerung der Grundschulzeit kritisiert. Hamburg bleibt aber bei diesem Konzept.

Peter Daschner: Die IGLU-Untersuchung sagt doch eindeutig, dass Deutschland in der Grundschule gar nicht so schlecht dasteht, sie befindet sich nämlich im oberen Drittel. Und das heißt, die Grundschullehrerinnen schaffen es, die Kinder nach vier Jahren wirklich weit zu bringen - und das mit dieser großen Heterogenität in der Schülerschaft. Wir bringen jetzt - das ist der Hamburger Weg im Unterschied zum Berliner Weg - in Klasse 5 und 6 Kollegen aus den Gymnasien in dieses Kollegium der Primarschule. Man weiß ja, dass die fachdidaktische Qualität der Gymnasiallehrer hoch ist und wir gehen davon aus, dass beides zusammen - die erzieherische Potenz der Grundschule und das Fachdidaktische des Gymnasiums - ein sehr gutes Angebot für die Schüler werden wird. Zu Baumert: Eine große Sorge der Eltern ist tatsächlich, die Leistungsstärkeren würden bei sechs Jahren Grundschule vernachlässigt, ihre Potenzen würden nicht gefördert. Das hatte ja die "Element-Studie" des Berliner Erziehungswissenschaftlers Rainer Lehmann nahegelegt. Diese Studie hat Baumert anschließend reanalysiert. Sein Ergebnis war, kurz gesagt: Selbst die Spitzenschüler leiden nicht, während die Schwächeren besser gefördert werden. Deshalb weiß ich nicht, warum er das in diesem Interview nicht gesagt hat.

Noch mal zu den Mathematikern, die haben im Zusammenhang mit der Schulreform auch eine intensive Lehrerfortbildung gefordert. Wie sieht es damit aus?

Peter Daschner: Da kann ich nur sagen: Mir ist es zum ersten Mal passiert, dass mein Institut nicht nur neue Aufgaben bekommen hat, sondern auch zusätzliche Mittel. Und die Nachfrage unter den Kollegen ist groß, denn Lehrer sind fleißige Leute und das freut uns.


Zur Veröffentlichung freigegeben - bildungsklick.de


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