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Schulstruktur

Bundesweit Debatten über Schulpolitik

Mehr zu: Gymnasium, Hamburg, Hauptschule, Primarschule, Realschule, Schulentwicklung, Schulgesetz, Schulstruktur, Stadtteilschule, Volksbegehren, Schule
18.07.2010 -

(dpa) - Die deutsche Schule ist in Bewegung. Der gewaltige Geburtenrückgang, immer höhere Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt und steigende Ansprüche einer selbstbewussteren Elternschaft an die Schulbildung ihrer Kinder haben in fast allen Bundesländern erstarrte Schulstrukturen aufbrechen lassen. Der Trend zum Abitur ist ungebrochen. Das klassische dreigliedrige System aus Hauptschule, Realschule und Gymnasium gibt es in dieser klaren Trennung nur noch in Baden-Württemberg und Bayern. Und auch dort wird Reformbedarf nicht bestritten.

Mit der in Hamburg geplanten Ausweitung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre rüttelt die schwarz-grüne Koalition in dem Stadtstaat allerdings am größten Tabuthema der deutschen Schulpolitik – dem längeren gemeinsamen Lernen aller Kinder. Eine 6-jährige Grundschule gibt es bislang nur in Berlin und Brandenburg. Die schwarz-grün-gelbe Koalition im Saarland plant die Ausweitung auf fünf Jahre. Einen Sonderfall bildet Mecklenburg- Vorpommern, wo alle Kinder in der fünften und sechsten Klasse gemeinsam schulformunabhängige Orientierungsstufen besuchen – und das Gymnasium laut Gesetz erst mit der siebten Klasse beginnt.

Außer in Deutschland und Österreich werden in keinem anderen vergleichbaren Industriestaat der Welt Kinder in der Regel im Alter von zehn Jahren auf die weiterführenden Schulen aufgeteilt. In kaum einer anderen Nation ist zugleich die Abhängigkeit von Bildungserfolg und sozialer Herkunft so groß wie in Deutschland.

Dabei ist der Streit darum wahrlich nicht neu. Schon 1809 wandte sich Wilhelm von Humboldt im "Litauischen Schulplan" dagegen, Kindern und Jugendlichen je nach sozialer Herkunft und Stand unterschiedliche Bildungsperspektiven zuzuteilen. Doch mit dem Erliegen der preußischen Reformen setzten sich überall schnell die Standesschulen durch – die "Bauern-, Bürger- und Gelehrtenschulen".

Erst die Weimarer Reichsverfassung von 1919 brachte für ganz Deutschland eine vierjährige gemeinsame Schulzeit für die Kinder aller Schichten des Volkes. Die Idee einer sechsjährigen Grundschulzeit scheiterte hingegen nach erbitterten Kämpfen in der Reichsschulkonferenz von 1920 an den konservativen Mehrheiten.

Vieles, was heute im Streit um eine verlängerte gemeinsame Grundschulzeit von Gegnern wie Befürwortern angeführt wird, erinnert an diese Redeschlachten und lässt sich in den alten Protokollen nachlesen. Doch die geplante Ausweitung der gemeinsamen Grundschulzeit um zwei Jahre trifft die Gymnasialbefürworter aktuell um so härter, da sie sich ohnehin durch die unlängst auch in Hamburg erfolgte Schulzeitverkürzung bis zum Abitur um die 13. Gymnasialklasse beraubt sehen. Statt neun Jahre Gymnasium wie zuvor künftig nur noch sechs – das ruft bundesweit den Widerstand der Philologen auf den Plan.

Doch ein Scheitern der schwarz-grünen Pläne in Hamburg – so fürchten nicht wenige Schulreformer – könnte erneut wieder jenen bildungspolitischen Stillstand bewirken, den das Schulsystem 1978 nach dem erfolgreichen Volksbegehren gegen die "Kooperative Schule" in Nordrhein-Westfalen bundesweit erfasst hatte. Damals hatte eine SPD/FDP-Koalition in dem Land das vierjährige gemeinsame Lernen in der Grundschule durch eine zweijährige schulformunabhängige Orientierungsstufe ausweiten wollen.

Kaum noch aufzuhalten scheint dagegen der bundesweite Trend zur Zweigliedrigkeit: Ähnlich wie in Hamburg angestrebt will auch Berlin künftig neben dem Gymnasien als zweite Schulform nur noch Stadtteilschulen anbieten. Sie sollen die bisherigen Bildungsgänge von Haupt- und Realschulen vereinen – und mit einer eigenständigen Oberstufe auch bis zum Abitur führen. Rheinland-Pfalz will ab 2013/2014 die Hauptschulen auflösen und in eine "Realschule plus" integrieren, die ebenfalls den Weg bis zum Abitur öffnen soll.

19 Prozent aller Achtklässler wurden 2008 noch in einem eigenständigen Hauptschulbildungsgang unterrichtet. In den neuen Bundesländern war die Hauptschule als selbstständiger Schultyp erst gar nicht eingeführt worden. Prägend für die zweigliedrige Struktur im gesamten Osten und für die Einführung der neuen "Mittel-" oder "Sekundarschulen" war damals das Schulgesetz der sächsischen CDU-Alleinregierung. Aber auch in Schleswig- Holstein lässt man sich heute bei der Einführung der "Gemeinschaftsschule" auch von dem Gedanken leiten, dass angesichts des Geburtenrückganges ein dreigliedriges System kaum noch zu organisieren und zu finanzieren ist. Dies gilt besonders dann, wenn man ortsnah weiterführende und höhere Schulabschlüsse anbieten will.

Karl-Heinz Reith (dpa-Dossier Bildung Forschung 29/10-19.07.2010)


© 2009 dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH.
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