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Lehrerfortbildung

Lehrer lernen mit dem Globe-Theatre

Shakespeare-Fortbildung auf der Theaterbühne

Mehr zu: Deutsch, Künstlerische Fächer, Lehrerbildung, Perspektive: Bildung, Unterrichtsgestaltung, Weiterbildung
26.07.2010 -

Es herrscht WM- und Urlaubsstimmung an diesem Wochenende in Deutschland. Das Hochsommerwetter lässt die Menschen in Schwimmbäder und Biergärten flüchten und am späten Samstagnachmittag werden die Fußballfans über den 4:0-Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Argentinien triumphieren. In etlichen Bundesländern sind Schüler und Lehrer bereits in die wohlverdienten großen Ferien entlassen. Aber hier im Hamburger monsun theater beschäftigen sich 19 Lehrer - genauer: 18 Lehrerinnen und ein Lehrer - ein Wochenende lang mit Shakespeare. Und können kaum genug davon bekommen.

Das monsun theater in Hamburg
Das monsun theater in Hamburg - Bild: bikl.de

"Germany goes Shakespeare – featuring "The Globe Theatre" heißt das dreitägige Fortbildungsseminar mit Jolanda Vasquez. Sie hat in Filmen wie Notting Hill, Die Schwester der Königin oder in der britischen Krimiserie Inspector Barnaby mitgespielt, gehört seit Jahren zum Ensemble des Globe Theatre in London und zum Dozentenstamm des "Globe Education". Jetzt steht die zierliche dunkelgelockte Frau im Probenraum des monsun theaters und lässt die Teilnehmer in die Rollen von Macbeth, Romeo und Julia oder Hamlet und Ophelia schlüpfen.

Die Archetypen
Die Archetypen - Bild: bikl.de

Vieles, was die Teilnehmer in diesem Workshop lernen und tun, ist dem Theater abgeguckt, denn Vasquez will die Theatertechniken in die Klassenzimmer bringen. "Wir fangen zum Beispiel damit an, die Charaktere der Shakespeareschen Stücke zu entdecken. Es geht um das Beschreiben der Archetypen wie Herrscher, Krieger oder Schwindler. "Und das ist genau das, was ich auch als Schauspielerin ganz am Anfang mache, um in die Rolle einzusteigen."

Lehrer als Schüler

Traditionelle Weiterbildungsszenarien vermisst man in diesem Kurs: Ständig sind die Teilnehmer in Bewegung, agieren mal zu zweit, mal in größeren Gruppen. Oder sie bewegen sich einzeln durch den Raum, Shakespeare rezitierend, so als bereiteten sie sich auf ihren eigenen Auftritt vor. Sie tauchen Schritt für Schritt in die Welt der Shakespeareschen Stücke ein, begegnen sich als Macbeth und Banquo, als Hamlet und Ophelia oder als Ariel und Prospero. Sie klatschen oder stampfen im Rhythmus und lernen, die Figuren mit ihrer Körpersprache zum Leben zu erwecken. In kleinen Gruppen entwickeln sie eigene Szenen und präsentieren sie anschließend. Den spezifischen Sprachrhythmus lernen sie intensiv kennen, nicht durch theoretisches Analysieren, sondern durch eigenes Handeln. Sogar mit dem zehnsilbigen Iambic Pentameter können sie bald virtuos umgehen und formulieren eigene, mitunter witzige, Verse, wie etwa "The room is full of teachers and they smell."

"Im Prinzip schlüpfen die Lehrer hier in die Rolle der Schüler, weil sie selbst agieren, Sie spüren dabei die Haken und Stolpersteine, die eigenen Hemmungen und bekommen ein Gespür für die Situation der Schüler," erklärt Regina Bertram. Die Leiterin der Cornelsen Akademie hat das Globe Theatre nach Hamburg geholt und sie beobachtet jetzt mit sichtlichem Stolz den Fortgang des Kurses.

"Diese eigenen Erfahrungen sind von unschätzbarem Wert", bestätigt Birgit Sawatzki, die in Husum die Klassen sechs bis 13 unterrichtet. "Außerdem brauchen diese einfachen Übungen wenig vorbereitenden Aufwand und ich entlaste mich damit von dem stundenlangen Arbeitsbögenbasteln. Ich denke, dass ich fast jede Übung tatsächlich auch mit in den Unterricht nehmen werde - besonders für das Thema Shakespeare – aber auch in anderen Zusammenhängen."

"Viele Fortbildungskurse sind traditionell", weiß Uta Richter, die aus dem hessischen Offenbach angereist ist, um sich im Norden der Republik mit Shakespeare auseinanderzusetzen. "Vorn steht der Dozent und erzählt etwas, dazu bekommt man drei Arbeitsblätter und das war`s. Meist geht es um Dinge, die wir alle in der Ausbildung schon einmal gelernt haben und für die es auch Bücher gibt. Dafür brauche ich mich nicht in eine Fortbildung zu setzen. Aber so etwas wie dieses Seminar, bei dem jemand mit seinem Know-how von außen kommt und uns daran teilhaben lässt, gibt es viel zu selten."

"Fortbildung soll auch Spaß machen"

"Wir sind immer auf der Suche nach etwas Handfestem, das man auch mit in den Unterricht nehmen kann", erklärt Regina Bertram das Konzept der Cornelsen Akademie. "Fortbildung soll auch Spaß machen", sagt sie, "das ist unser Credo."

Jolanda Vasquez begutachtet die Szene ihrer Schülerinnen
Jolanda Vasquez begutachtet die Szene ihrer Schülerinnen - Bild: bikl.de

Und Spaß haben die Teilnehmer tatsächlich. Holger Nissen ist zunächst mit gemischten Gefühlen gekommen. Er fühlt sich nicht gerade als der geborene Schauspieler. Aber seine Zweifel sind schnell verflogen und in einer kleinen Szene als Macbeth wirkt er, als ob er schon oft als Laienschauspieler auf der Bühne gestanden hätte. Der Hamburger Gymnasiallehrer wird bereits in wenigen Jahren pensioniert, das bedeutet für ihn aber nicht, auf Fortbildung zu verzichten. "Ich möchte in den letzten drei Jahren noch Freude in meinem Beruf haben", so sein Argument. Auch er hat viel Erfahrung mit Weiterbildungsveranstaltungen gesammelt: "Eine der ersten Fragen ist immer: Wie kann ich das für meinen Unterricht nutzen? Diese Frage wurde hier nicht gestellt, weil man ganz schnell gemerkt hat: Ich kann diese Auseinandersetzung mit Sprache, mit Rhythmus und mit dem eigenen Körpergefühl im Unterricht nutzen. Auch Oberstufenschüler möchten sich im Unterricht bewegen, möchten agieren, natürlich anders als in Klasse 5. Sie wollen diesen "Kinderkram" nicht mehr machen. Aber wenn man solche Situation schafft, wie wir sie hier erleben, bei denen sie animiert werden und selbst agieren können, dann werden sie einen anderen Zugang zu Shakespeare bekommen. Wenn man ihnen aber sagt: ´So jetzt schlagt mal dieses Drama auf`, dann kommt garantiert ´Oh Gott was für eine fürchterliche Sprache`."

"Mutiger an Shakespeare rangehen"

"Das ist wahrscheinlich das große Problem, dass man immer gleich mit dem Großen und Ganzen kommt", bestätigt Tanja Sager, "dass wir uns nicht trauen, einfach zu kürzen und zu schauen: Wie können wir klein anfangen und dann aufbauen, so wie Jolanda das macht. Ich glaube, wir können jetzt mutiger und ein bisschen weniger hochachtungsvoll an Shakespeare rangehen." Die junge Lehrerin aus Lemgo hat bereits als Studentin einen Kurs am Globe Theatre mitgemacht und war damals schon begeistert. Mit dem Rüstzeug aus dem Hamburger Kurs ist sie überzeugt, in Zukunft auch jüngere Schüler für Shakespeare begeistern zu können.

Denn das ist ein entscheidendes Rezept von Jolanda Vasquez: Sie will Shakespeare von seinem Podest holen, schließlich sei er doch nichts anderes als "ein Storyteller" sagt sie. Die Aufgaben und Übungen präsentiert sie in kleinen Häppchen. Die Texte der ausgewählten Szenen passen meist auf eine DINA4 Seite und selten dauern die Übungen länger als zehn Minuten. Trotzdem arbeiten die Teilnehmer intensiv und konzentriert. Auf das Pausenklingeln wartet hier niemand.

Unterrichtsbeispiele

Doch trotz aller Kürzungen: An Shakespeares Sprache wird nicht gerüttelt. "Es ist ein sehr interessanter Ansatz, bei der Originalsprache zu bleiben und nicht irgendwelche Varianten, übersetzte Formen und Ähnliches zu nutzen. Den Schülern wird der Zugang über die Reduktion eröffnet, dennoch bekommen sie diesen fantastischen Sprachrhythmus mit." Gerade noch hat Iris Blaschzok-Lange ganz begeistert als Macbeth agiert und schon weiß die Gymnasiallehrerin aus Münster, wie sie diese Methode im Unterricht einsetzen kann. "Wir haben in dieser Szene verstanden, welche Rolle Macbeth spielt und welche Rolle Banquo spielt - wir haben die Vielschichtigkeit der Charaktere verstanden. Wenn ich Schüler nach einer solchen Aktivität auffordern würde: ´Jetzt schreibt mal eine Rollenbiografie`, dann würden sie diese Erkenntnis, die sie über das szenische Spiel gewonnen haben, in die Rollenbiografie einfließen lassen. Oder wenn ich sie auffordere aufzuschreiben, wie sich Banquo eigentlich fühlt, dann würden sie schreiben können´ ´das ist ein ganz loyaler Warrior, der alles für seinen Sovereign tun würde, aber er fühlt sich selbst hineingezogen und versteht, dass mit ihm ein Spiel gespielt wird. ` Wenn der Schüler jedoch mit der gleichen Aufgabenstellung zuhause sitzt und nur den Text vor sich hat, dann klappt er das Buch nach kurzer Zeit zu und sagt: ´Ich verstehe hier gar nichts und diese Sprache kenne ich nicht`."

Arbeiten mit den Texten
Arbeiten mit den Texten - Bild: bikl.de

"Außerdem kann ich den Unterricht entkrampfen, ich kann Druck rausnehmen", hofft Birgit Sawatzki. "Vielleicht ist es dann irgendwann so, dass die Schüler nicht mehr in erster Linie etwas für ihre Note tun, sondern sie sagen: ´Das hier ist interessant und ich möchte wirklich mehr wissen.` Das ist ein hohes Ziel, garantiert nicht immer zu erreichen, aber es ist ein Mosaiksteinchen, das man für sich mitnehmen und sagen kann: Ich probier´s einfach mal aus und vielleicht klappt `s."

Am Sonntagnachmittag finden die Lehrer aber dann doch noch einmal in ihre gewohnte Rolle zurück: Sie verteilen Noten. Für Jolanda wird es eine glatte Eins. "Und das ist noch besser, als das, was wir von anderen Kursen schon gewohnt sind", freut sich Regina Bertram. "Diese einhellige Bewertung von Lehrerinnen und Lehrern, die ja Bewertungsprofis sind, ist schon außergewöhnlich."

"Man bekommt richtig Lust, sofort diesen neuartigen, handlungsorientierten Zugang zu Shakespeares Stücken auszuprobieren", sagt Iris Blaschzok-Lange zum Abschied. Aber jetzt sind ja erst mal Ferien …

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