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Hamburg

Der Hamburger Schulkampf und die ungelösten Probleme

Mehr zu: Bildungschancen, Föderalismus, Grundschule, Hamburg, Schulentwicklung, Schulstruktur, Volksbegehren, Volksentscheid, Schule
24.07.2010 -

(dpa) – Mit dem klaren Ausgang des Hamburger Volksentscheids gegen eine sechsjährige gemeinsame Grundschule ist wieder einmal eine Schulschlacht geschlagen. Doch die Probleme im deutschen Schulsystem bleiben weiter ungelöst.

Dabei hat der erst vor vier Wochen vorgelegte neue Bundesländer- Schulleistungsvergleich erneut die hohe Abhängigkeit von sozialer Herkunft und Bildungserfolg in Deutschland belegt. Auch bei gleichen Leistungen in der wichtigen Schlüsselkompetenz Lesen/Textverständnis hat ein Kind aus der Oberschicht gegenüber einem Gleichaltrigen aus einer Facharbeiterfamilie ein 4,5 mal so große Chance, ein Gymnasium zu besuchen. Dabei ist in Bayern und Baden-Württemberg dieses soziale Bildungsgefälle besonders ausgeprägt.

Außer in Deutschland und Österreich werden in keinem anderen Industriestaat der Welt Kinder bereits nach vier gemeinsamen Schuljahren auf die weiterführenden Schulen aufgeteilt. Sechs Jahre sind international Mindeststandard.

Kaum noch aufzuzählen sind inzwischen die zahlreichen Untersuchungen über die Problematik, bei einem zehnjährigen Kind eine treffsichere Prognose für die weitere Schullaufbahn abzugeben, wie unsicher und häufig unwohl sich Grundschullehrer dabei fühlen und wie sehr Elternerwartungen und soziale Stellung dabei Einfluss nehmen.

Doch mit der in Hamburg gescheiterten Ausweitung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre hat die schwarz-grüne Koalition vergeblich am größten Tabuthema der deutschen Schulpolitik gerüttelt. Seit nahezu 100 Jahren wird dazu in der Pädagogik wie in der deutschen Bildungspolitik erbittert gestritten. Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 brachte zwar für ganz Deutschland eine vierjährige gemeinsame Schulzeit für die Kinder aller Bevölkerungsschichten.

Doch alle Bestrebungen, diese Zeit auszuweiten, scheiterten bisher – sieht man von den Ausnahmen in Berlin und Brandenburg ab. Nach dem Hamburger Scheitern zielt der Blick jetzt auf das Saarland, wo das schwarz-grün-gelbe Jamaika-Bündnis unter CDU-Regierungschef Peter Müller sich im Koalitionsvertrag auf eine fünfjährige Grundschulzeit verständigt hat. Nach den jüngsten Hamburger Erfahrungen will Bildungsminister Klaus Kessler (Grüne) nun noch behutsamer vorgehen als bisher geplant. Kessler will nicht nur die Eltern und Lehrer sondern vor allem die Bürgermeister der Gemeinden für das Projekt gewinnen.

Doch bei den einzelnen Schulen vor Ort hat inzwischen längst ein Kampf um jeden Schüler eingesetzt. Im Vergleich zu 1990 gibt es heute infolge des Geburtenknicks bundesweit fast 20 Prozent weniger Schüler. Da geben die Schulen nicht gern eine ganze Jahrgangsstufe komplett ab. Denn dabei geht es an den Gymnasien unter anderem auch um die Zahl der besser dotierten Beförderungsstellen, die sich in der Regel an der Schulgröße orientieren.

Die in den vergangenen Jahren auch im alten Bundesgebiet erfolgte Schulzeitverkürzung bis zum Abitur hat auch den Hamburger Schulkonflikt befeuert. Viele Anhänger des Gymnasiums sehen sich nach wie vor um diese 13. Klasse beraubt. Laut Umfragen würden Eltern dies am liebsten wieder rückgängig machen.

Doch bei einem Abtrennen auch der fünften und sechsten Klasse wäre den Gymnasien nur noch eine sechsjährige Rumpfzeit geblieben – anstatt neun Jahre wie zuvor. Dies erklärt auch, warum mancher Gesamtschulbefürworter von einer verlängerten Grundschulzeit gar nicht so angetan ist und sich die Mobilisierung der Schulreformer gegen den Volksentscheid in Grenzen hielt.

Der jetzt entschiedene Hamburger Kulturkampf um das Gymnasium wird gern mit den Auseinandersetzungen um die 1978 in Nordrhein-Westfalen gescheiterte Einführung der "Kooperativen Schule" verglichen. Damals wollte eine SPD-FDP-Koalition in dem Bundesland flächendeckend eine schulformunabhängige Orientierungsstufe mit den Klassen fünf und sechs etablieren. Auch dieses Vorhaben wurde mit einem Volksbegehren zu Fall gebracht. Die Folgen waren jahrzehntelanger Stillstand bei jeglichen Reformbemühungen in der Schulpolitik.

Karl-Heinz Reith (dpa-Dossier Bildung Forschung 30/10-26.07.2010)


© 2009 dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH.
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6 Kommentare (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Walter Thomann, am 26.07.2010, 18:00

... was soll also jede weitere Diskussion noch bringen? Schulschlachten halfen noch nie, genauso wenig wie andere Schlachten Probleme wirklich lösen konnten. Deshalb: Guter Unterricht und gute Schulen sind unabhängig von einer Schulstruktur. Dafür allein müssen die notwendigen Ressourcen bereitgestellt werden und das ist nicht nur mehr Geld.

von Peter Cardiff, am 27.07.2010, 08:45

Durch ein besseres Gehalt werden auch Lehrer nicht unbedingt besser.

von Ina Sendelmeier, am 27.07.2010, 11:12

An meinen Vorschreiber Herr Thomann: So ein Quatsch! Wie kann man überhaupt auf die absurde Idee kommen, dass die Schulstruktur keinen Einfluss auf die Schulqualität hat? Es ist sehr bedauerlich, dass Eltern wie Lehrkräfte meinen, einige Kinder müssten einen ganz besonders exklusiven Bildungsweg beschreiten und deshalb so früh wie möglich an den Gymnasien von der Mittelklassigkeit und den sozialen Problemen der sogenannten Unterschicht isoliert werden. Die allerschlechtesten Voraussetzungen für jegliche integrativen und inklusiven Bestrebungen und für das soziale Lernen.

Ich persönlich hatte das große Glück, im Niedersachsen der 80er Jahre in der 5. und 6. Klasse eine Orientierungsstufe besuchen zu dürfen und erst anschließend auf's Gymnasium zu müssen. Ich habe die "gesunde" soziale Durchmischung meiner MitschülerInnen später auf dem Gymnasium schon sehr vermisst. Denn vor allem wenn man kein klassisches Bildungs- oder Oberschichtkind ist (so wie ich), kann das elitäre Getue an manchen Gymnasien doch sehr befremdend bis abstoßend sein. Und ob man sich mit seinem Umfeld identifizieren kann oder nicht, ob man in der Schule (aus kindlicher Sicht empfunden) "Gleichartige" trifft oder nicht, ob man in seiner Identität und Herkunft verunsichert oder bestätigt wird - auch dies hat großen Einfluss auf die eigene Bildungsmotivation! Aus meiner Sicht ein weiterer wichtiger Faktor, weshalb Bildungserfolg statistisch so eng an die soziale Herkunft gekoppelt ist.

Und um zum Anfang zurückzukommen: Von daher ist es alles andere als egal, wie die Schulstrukturen angelegt sind.

von Walter Thomann, am 28.07.2010, 09:49

Hallo, Frau Sendelmeier! "So ein Quatsch" macht macht meine Argumentation nicht falsch oder Ihre richtig. Ab "ich persönlich ..." sind wir im selben Boot. Aber Ihr Hinweis auf die "fehlende 'gesunde' soziale Durchmischung" ist doch wieder der direkte Einstieg in den Schulkrieg um die "beste"Schulstruktur, oder? Wir müssen doch akzeptieren, dass gegen das Gymnasium nichts geht. Es bleibt doch die Frage: Wie können wir nach der Gesamtschule "Grundschule" die Lernumgebungen der Kinder so organisieren, dass sie bestmöglich gefördert werden können, trotz Gymnasium? Das Gymnasium hat kein Problem; wenn Eltern Ihr Kind in einem Gymnasium untergebracht haben, dann ist es in der ihrer Meinung nach besten Schule. Und wenn das Kind auch noch das Abitur besteht, dann ist alles gut.

Ich brauche jetzt keine Gegenrede, die mir beteuert, dass es auch andere Eltern gibt; das weiß ich auch. Aber leider nicht genug oder nicht nur solche. Nein, ich habe nicht gegen gute Schulen. Mir ist es nur egal welches Schild dran steht ...

von RS, am 28.07.2010, 13:37

Hallo

Die Schulstruktur hat insofern einen Einfluss, dass 5.Klässler in einer weiterführenden Schule eben eher einem Schulklima und Lernformen unterworfen sind, die an älteren (der Masse)orientiert sind. Der Schock ist enorm für manche. In einer 6 klassigen Grundschule kann man dem Alter der Schüler eher gerecht werden und altersgemäß unterrichten. Ich sehe als einzige Möglichkeit für Deutschland die Vielfalt der Bildungslandschaft und die Gleichberechtigung zu gewährleisten, aus den Modellen gegenseitig zu lernen und endlich mal Neues zu entwickeln. Was gut ist setzt sich dann schon durch. Freiheit im Bildungswesen ist notwendig und eine Pädagogik, die allein vom Wesen der Kinder ausgeht und nicht von Politik und Wirtschaft verbogen wird. Wenn wir weiter so machen und von Land zu Land die Bildungspolitik zum Streitthema machen, was ja das einzige Thema in den Landtagen ist, das man wirklich beeinflussen kann, dann geht die Bildung den Bach runter.

von Hubertus Leo, am 04.08.2010, 19:06

Im Artikel stört der Begriff "Mindeststandard". Er suggeriert etwas Erstrebenswertes. Aber sehen Sie sich nur die Quoten der Jugendarbeitslosigkeit an! Welcher in andere Industriestaaten der Welt steht besser dar?


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