(dpa) – Zankapfel Schulpolitik: In Hamburg pfeifen die Bürger per Volksentscheid die reformwillige Politik zurück. In anderen Ländern wie Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen streiten die politischen Lager lauthals über das Bildungswohl der Kinder. Doch es geht auch anders: Das kleine Land Bremen setzt seinen neuen Weg schrittweise, aber beharrlich um. Mit dem am 5. August begonnenen neuen Schuljahr lernen behinderte und nichtbehinderte Kinder erstmals gemeinsam im Klassenzimmer. So will es jetzt das Gesetz.
Die Bremer haben mit den Stimmen der rot-grünen Regierung und der größten Oppositionspartei CDU bereits im Juni 2009 eine neue Schulordnung verabschiedet. Seit Beginn des vergangenen Schuljahres wird an der Umsetzung gearbeitet. 2011 muss diese abgeschlossen sein. Das neue System soll im Kern in den kommenden Jahren nicht angetastet werden. Im soeben begonnenen Schuljahr geht Bremen einen weiteren Schritt. Als erstes Bundesland schrieb sich der Zwei-Städte-Staat auch die sogenannte Inklusion, das Recht auf ein gemeinsames Lernen behinderter und nichtbehinderter Kinder, ins Gesetzbuch.
"Bremische Schulen haben den Auftrag, sich zu inklusiven Schulen zu entwickeln", heißt es dort. "Sie sollen im Rahmen ihres Erziehungs- und Bildungsauftrages die Inklusion aller Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft, ihrer Staatsbürgerschaft, Religion oder einer Beeinträchtigung in das gesellschaftliche Leben und die schulische Gemeinschaft befördern und Ausgrenzungen einzelner vermeiden." Damit setzt Bremen als erstes Bundesland die UN-Konvention für die Rechte behinderter Menschen rechtlich fest.
Seit dem 5. August beteiligen sich sechs Oberschulen, an denen alle Abschlüsse gemacht werden können, an dem Pilotprojekt. "Die Eltern haben kräftig von ihren Wahlrecht Gebrauch gemacht", beschreibt Schulsenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) die Resonanz gleich zum Start. In Inklusionsklassen von insgesamt maximal 22 Schülern sollen jeweils bis zu fünf mit besonderem Förderbedarf sein. Dafür steht eine Sonderpädagogin den Lehrern zur Seite.
Wenn die gesamte Schulreform in Bremen vollständig umgesetzt ist, wird es nach vier Jahren Grundschule die Möglichkeit geben, aufs Gymnasium oder die Oberschule zu gehen. An den künftig 24 Oberschulen werden alle Abschlüsse bis zum Abitur nach 13 Jahren angeboten. An den Gymnasien dauert der Weg zum Abitur nur 12 Jahre. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt die Reform im Grundsatz, sieht jedoch auch Kritisches. Viel zu flott gehen ihr die Umwälzungen. Zudem hätten die Gymnasien abgeschafft und in da s System integriert werden sollen. Harry Eisenach von der GEW blickt zudem mit Sorge auf die Bürgerschaftswahl im Mai 2011: "Entscheidend wird sein, was kommt nach den Bürgerschaftswahlen."
Oliver Pietschmann (dpa-Dossier Bildung Forschung 32/09.08.2010)