(dpa) – Handwerk und Handel werben angesichts sinkender Schulabgängerzahlen intensiv um Lehrlinge. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres melden die Arbeitsagenturen noch 108 500 freie Stellen. Zugleich sind noch 152 600 Bewerber unversorgt. Vertreter von Gewerkschaften, Bundestagsopposition sowie vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) warnen vor Euphorie.
Nach Jahren des Rückgangs gibt es im Handwerk erstmals bundesweit wieder mehr Lehrstellen. Aber auch Industrie, Handel, Banken und Versicherungen melden im Westen ein leichtes Plus bei den Neuverträgen – im Osten dagegen ein Minus. Die Botschaft der Kammern an die Jugendlichen: In fast allen Branchen und Berufen gibt es noch freie Angebote. Das neue Ausbildungsjahr beginnt je nach Bundesland und Berufsbereich zwischen dem 1. August und dem 1. September.
Handwerkspräsident Otto Kentzler sprach am 4. August in der "Bild"-Zeitung von 15 000 freien Stellen, die über die Lehrstellenbörsen der Kammern jetzt vermittelt würden. Kentzler: "Junge Leute haben die großeAuswahl." Das Handwerk hat nach eigenen Angaben bis Ende Juli 82 427 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – 1,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) meldete 227 760 Neuverträge. Das bedeutet im Westen ein Plus von 0,6 Prozent, im Osten ein Minus von 3,7 Prozent. Rund 85 Prozent aller Lehrverträge werden im Handwerk und im DIHK-Bereich abgeschlossen. Im Frühjahr war wegen der Wirtschaftskrise ein Rückgang bei den Neuverträgen um rund 20 000 vorausgesagt worden.
Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren bundesweit Ende Juli noch 108 500 Lehrstellen unbesetzt. Das sind 9500 oder 10 Prozent mehr als im Vorjahr. 152 600 Bewerber sind noch unversorgt – 13 600 oder acht Prozent weniger als im Vorjahr. Von den Unversorgten haben nach Angaben der Arbeitsagentur fast 60 000 einen Realschulabschluss und über 20 000 die Fachhochschulreife oder Abitur. Nur rund 4000 sind ohne Hauptschulabschluss, 56 000 haben ihn.
Ein Sprecher des BIBB in Bonn sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Die Vermittlungschancen sind deutlich besser als befürchtet. Aber noch sind die Strukturprobleme nicht gelöst. Für Euphorie gibt es keinen Anlass." DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann klagte erneut über eine mangelnde Ausbildungsreife vieler Bewerber. 20 Prozent der 15-Jährigen könnten nur unzureichend lesen, schreiben und rechnen. Mehr als die Hälfte der ausbildenden Unternehmen organisiere Nachhilfe für diese Jugendlichen. Driftmann berief sich dabei auf die PISA-Schulstudien.
Der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Ernst Dieter Rossmann, warnte vor "Schönfärberei". Noch immer gebe es deutlich mehr unversorgte Bewerber als freie Ausbildungsplätze. Der Zuwachs von 1,8 Prozentbei den Neuverträgen im Handwerk sei "erfreulich, aber mitnichten ein "Boom"". Im vergangenen Jahr habe es dort einen Rückgang von 5,1 Prozent gegeben.
Für die Linken-Bundestagsfraktion sagte Agnes Alpers, man dürfe angesichts der neuen Zahlen nicht verschweigen, dass auch noch über 320 000 Altbewerber nach einem Ausbildungsplatz suchten. Auch gebe es nach wie vor 1,5 Millionen junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren, die keinen Berufsabschluss hätten. "Die 15 000 offenen Stellen im Handwerk sind da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein".
Nach dem Juli-Bericht der Bundesagentur gibt es vor allem im Baugewerbe, aber auch bei der Textilherstellung deutlich mehr freie Lehrstellen als Bewerber. Gute Chancen gibt es auch im Gastgewerbe und bei den Reinigungsberufen. Regional gibt es im Osten wegen des starken Schülerrückganges in mehreren Arbeitsamtsbezirken mehr freie Stellen als Bewerber. Relativ gut sieht die Situation auch in Großstädten wie Hamburg, Düsseldorf, Köln und München aus.
Den Arbeitsagenturen wurden bis Ende Juli 424 200 freie Ausbildungsstellen gemeldet – 10 200 oder zwei Prozent mehr als im Vorjahr. Gemessen am Vergleichszeitraum des Boomjahres 2007/2008 waren dies allerdings fünf Prozent weniger Stellen. Bis Ende Juli bewarben sich 511 200 junge Menschen. Das sind 3800 oder ein Prozent weniger als im Vorjahr. "Diese Situation fügt sich nahtlos in die dramatische Entwicklung der letzten Jahre und stellt der Wirtschaft und der Bundesregierung ein schlechtes Zeugnis aus", erklärte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Trotz Ausbildungspakt bleibe das Angebot an Ausbildungsplätzen laut Nationalem Bildungsbericht in fast allen Berufen hinter der Nachfrage zurück, kritisierte DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf. "Nach wie vor beteiligen sich weniger als ein Viertel aller Unternehmen in Deutschland aktiv an Ausbildung."
Die IG Metall warnte ebenfalls davor, die Lage auf dem Lehrstellenmarkt schön zu reden. "Es fehlen nach wie vor Lehrstellen und nicht junge Menschen, die eine Ausbildung machen wollen", sagte IG-Metall-Vorstandsmitglied Regina Görner der Nachrichtenagentur dpa am 3. August.
Görner wies Klagen der Kammern zurück, nach denen in den nächsten Wochen bis zu 50 000 Ausbildungsplätze mangels geeigneter Bewerber nicht zu besetzen seien. Unter den jetzt noch über 150 000 unversorgten Lehrstellenbewerbern seien nicht nur leistungsschwache Schulabgänger. Görner: "Viele davon sind ausbildungsreif und haben dies auch von der Arbeitsverwaltung bescheinigt bekommen. "Es gibt durchaus Mängel bei einigen Bewerbern. Das wegdiskutieren zu wollen ist falsch", sagte Görner weiter. Unstrittig sei auch, dass viele Schulen besser werden müssten. Die Gewerkschafterin: "Das Potenzial zur Lösung des Fachkräftebedarfs in Deutschland ist aber vorhanden, dazu brauchen wir keine Green-Card."
"Seit sieben Jahren verkünden Arbeitgeber und Bundesregierung, die Lage auf dem Ausbildungsmarkt sei entspannt. Zugleich steigt aber die Zahl der jungen Menschen ohne abgeschlossene Ausbildung", betonte Görner. Sie verwies auf den jüngsten Bildungsbericht von Bund und Ländern. Danach haben mehr als 1,5 Millionen Menschen im Alter von 20 bis 29 Jahren keinen Berufsabschluss und befinden sich auch nicht mehr in Bildungskursen. Das sind 17 Prozent dieser Altersgruppe. 2000 lag der Anteil der Ungelernten noch bei 14,4 Prozent.
Zugleich müssten aber auch die Unternehmen umdenken. Görner: "Viele Betriebe wollen bei der Einstellung von neuen Auszubildenden keine Kompromisse machen." So lehnten nach eigener Aussage vier von zehn Industrie-Unternehmen es ab, Jugendliche mit besonderen Förderbedarf auszubilden. Noch kompromissloser zeigten sich Banken und Versicherungen. Sechs von zehn Unternehmen gäben Jugendlichen mit Förderbedarf keine Chance. Görner: "Der Weg zu einer neuen, veränderten Einstellpraxis ist offenbar noch weit." SPD-Chef Sigmar Gabriel sagte der dpa: "Bevor wir weitere Arbeitskräfte aus dem Ausland mit einem albernen Begrüßungsgeld anlocken, müssen wir die jungen Menschen, die schon in unserem Land leben, besser ausbilden." Auch für die Weiterbildung von Arbeitslosen müsse mehr getan werden. Er verwies darauf, dass laut dem jüngsten Bildungsbericht rund 40 Prozent der in Deutschland lebenden jungen Migranten keinen Berufsabschluss haben. "Nach Ende der Schulpflicht haben diese jungen Menschen keine Bildungsperspektive mehr." Statt weitere junge Menschen aus dem Ausland nach Deutschland zu holen, wäre es nötig, die jungen Menschen, die schon hier sind, qualifiziert auszubilden.
Karl-Heinz Reith (dpa-Dossier Bildung Forschung 32/09.08.2010)