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Das Wichtigste ist die Leidenschaft

"Rhythm is it!" - Interview mit dem Choreographen Royston Maldoom

Mehr zu: Gewalt in der Schule, Integration, Interviews, Künstlerische Fächer, Sport, Stipendien, Sonderthemen
17.12.2004 -

(kt) Mitte September kam der Dokumentarfilm "Rhythm is it!" in die Kinos. Er hält die Probenarbeit von 240 in Berlin lebenden Jugendlichen aus 25 Nationen fest, die mit Sir Simon Rattle, dem Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker, und dem Choreographen Royston Maldoom in sechs Wochen das Ballett "Le Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky einstudierten und aufführten. Christina Heinisch und Hannelore Ohle-Nieschmidt sprachen mit Maldoom über Disziplin, Lernen und Tanzprojekte mit Straßenkindern.

Wie schaffen Sie es, den jungen Menschen, mit denen Sie arbeiten, klar zu machen, wie wichtig Disziplin ist?

Royston Maldoom: Ich kann nicht behaupten, dass es leicht ist, Disziplin zu vermitteln. Entscheidend ist, ob die Jugendlichen verstehen, weshalb sie so wichtig ist. Die Disziplin dient einem Zweck; es geht nicht darum, lediglich ruhig zu sein. Ich kann eigentlich nur zu den Jugendlichen sagen: Seid still, sonst lernt ihr nichts. Die Jugendlichen müssen einem vertrauen oder einen faszinierend oder interessant finden - auch wenn sie einen vielleicht nicht mögen. Das Wichtigste aber ist Leidenschaft! Es ist ungemein wichtig, Leidenschaft zu empfinden für das, was man tut.

Denken Sie, dass es eine gute Idee wäre, Tanz in den Unterricht unserer Schulen, die ja Masseneinrichtungen sind, zu integrieren?

Royston Maldoom: Ich glaube, dass es nicht nur eine gute Idee wäre, ich denke, dass dies wirklich, wirklich wichtig ist. Aber meine Erfahrung zeigt, dass Tanz - oder die Künste - nur akzeptiert werden, wenn sie interdisziplinär unterrichtet werden. Mit anderen Worten: Ja, Sie können Tanzen als Teil von Geographie oder Geschichte oder Englisch unterrichten. Mein Argument ist: Die Künste - und speziell der Tanz - können präcurricular junge Menschen auf das Lernen vorbereiten. Sie erfahren, wie es ist, sich einer Sache gewachsen zu fühlen und Herausforderungen annehmen zu können. Wenn wir nicht daran glauben, Herausforderungen meistern zu können, wenn unsere Fertigkeiten nicht ausreichen, werden wir deprimiert und demotiviert. Deshalb ist es sehr wichtig für mich, dass Tanz und Kunst verfügbar sind, bevor die Menschen mit anderen Themen des Lehr- und Lernprozesses konfrontiert sind, sodass sie Vertrauen in sich gewinnen und sich vorstellen können, viel mehr zu erreichen, als sie sich je zugetraut haben.

Welche Erwartungen haben Sie, wenn Sie mit Jugendlichen ein neues Projekt beginnen?

Royston Maldoom: Ich denke nie, die Kids seien unfähig, undiszipliniert oder dass sie schwierige soziale Hintergründe haben. Solche Vorurteile wirken sich negativ auf die eigenen Erwartungen aus. Ich ignoriere diese Dinge völlig. Diese jungen Menschen haben vor, eine Form von Kunst mit mir zu schaffen. Das ist alles. Ich habe darüber hinaus überhaupt keine Vorvorstellung.

Was brachte Sie auf die Idee, mit Jugendlichen und Kindern, die auf der Straße leben, zu arbeiten?

Royston Maldoom: Als im Jahr 1980 alles begann - ich war damals ein wenig unglücklich darüber, Choreograph zu sein -, arbeitete ich mit Theatertruppen. Ich mochte das, aber irgendwann wusste ich nicht mehr genau, warum ich das machte. Außerdem war ich wieder an Dingen wie Sozialgeschichte, Politik, Bildung und vielem anderen interessiert. Und so beschloss ich, für eine Weile aufzuhören, um in Schottland auf dem Land zu leben. Die Leute dort fanden heraus, dass ich Choreograph war. Und plötzlich sprachen mich Erwachsene, junge Leute, Jungen, Mädchen in den Dörfern an und sagten: "Ich will tanzen, aber dort, wo ich lebe, in meinem Dorf, versteht das niemand." So begann ich mit ein paar Klassen.

Den lokalen Behörden von Fife, wo ich lebte, gefiel, was ich für die Region tat. Sie gaben mir einen dreijährigen Vertrag und ernannten mich zum "Dance artist in Resdence" mit der Auflage, auf irgendeine Weise der Gemeinschaft zu nützen. So begann alles, und ich entdeckte sehr schnell, dass dies genau das war, was ich tun wollte und was ich tun sollte. Inzwischen habe ich den Ruf, an sozialen Rändern zu arbeiten. Und wenn heute jemand beschließt, mit Straßenkindern zu arbeiten, heißt es: "Frag besser Royston."

War Ihre Arbeit mit den Jugendlichen in Berlin anders als die mit den äthiopischen Straßenkindern?

Royston Maldoom: Die Arbeit nicht unbedingt. Der Unterschied bestand darin, dass wir nicht dieselbe Sprache sprachen und zeitgenössischer Tanz in Äthiopien völlig unbekannt war. Obwohl auch die jungen Leute in Berlin damit nicht gerade vertraut waren, konnten sie doch das Konzept bis zu einem gewissen Grad erfassen. Die Musik war für sie wie aus einer anderen Welt. Aber es gab keinen wesentlichen Unterschied, und ich glaube, das kam daher, dass ich mich nie mit Unterschieden beschäftigen wollte. Ich wollte immer mit Gemeinsamkeiten arbeiten. Was wir gemein haben, ist die Art zu lachen, zu weinen, zu hoffen. Wir machen uns viel zu viele Gedanken über die Unterschiede und wie man sie beseitigen kann, statt den Blick zuerst auf unsere Gemeinsamkeiten zu richten. Wenn wir auf dieser Ebene zusammenkommen können, haben wir keine Angst mehr vor unseren kulturellen Unterschieden.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern?

Royston Maldoom: Als ich in Birmingham lebte, arbeitete Simon Rattle mit dem Birmingham Orchestra und ich hörte, wie er "Le Sacre du Printemps" dirigierte. Da überlegte ich: "Wäre es nicht schön, dieses Stück mit einem Orchester zu tanzen, und wäre es nicht schön, das mit Simon Rattle zu tun." Aber ich habe ihn nie persönlich getroffen. Ich arbeitete viele Jahre lang mit Richard McNicol, der verantwortlich war für die Bildungsarbeit des Scottish Chamber Orchestra und des London Symphony Orchestra. Mit ihm führte ich unterschiedliche Projekte in Skandinavien und in Großbritannien durch. Simon bat Richard, nach Berlin zu kommen, um die musikalische Leitung in seinem Bildungsprogramm zu übernehmen. Und Simon sagte, wäre es nicht wunderbar, "Le Sacre" mit 200 bis 300 Kindern zu machen? Darauf antwortete Richard "Ja!", und so kam ich mit Simon in Kontakt.

Verfolgen Sie das Leben der Kinder, mit denen Sie gearbeitet haben, weiter?

Royston Maldoom: In Äthiopien ja, natürlich. In Peru ebenfalls, aber in vielen anderen Fällen auch nicht. In Berlin sah ich einige der Jugendlichen im nächsten Jahr wieder, als ich zurückkam. Ihre Veränderung war bemerkenswert. Wir können den Kindern helfen, die Veränderung zu gestalten, aber wenn es nichts gibt, was diese Veränderung aufrecht erhält, birgt das eine Gefahr. Dies ist ein großes Problem, auch in Berlin. Wir machen all diese jungen Leute mit dieser Form des Tanzes vertraut, aber es gibt keinen Ort, an dem sie weitermachen können. Ich würde wirklich sehr gern helfen, dieses Problem zu lösen, und habe schon begonnen, mit einigen Tänzern und Choreographen in Berlin zu reden. Alle Leute sind mit dem Projekt sehr zufrieden, weshalb ich dann frage: "Warum tun Sie nichts, um es aufrechtzuerhalten?"

Zur Person

Royston Maldoom - eine Kurzbiografie Royston Maldoom wurde 1943 in London geboren. Seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Maldoom lebte danach zunächst in einem Kinderheim, dann bei seinem Vater und dessen zweiter Frau. Nach der Schulzeit widmete er sich zunächst der Landwirtschaft. Im Alter von 22 Jahren begeisterte ihn ein Film über das Royal Ballet so sehr, dass er sich zwei Tage später in einer Ballettschule anmeldete. Stipendien ermöglichten ihm eine optimale Ausbildung, die ihn sogar nach New York führte. Heute choreographiert Maldoom, der inzwischen wieder in London lebt, überall auf der Welt. 1996 studierte er in Äthiopien mit Straßenkindern "Carmina Burana" ein. Es folgten weitere Projekte u. a. in Peru und Südafrika. Im Februar 2004 wurde in Berlin das Ballett "Le Sacre du Printemps" von Igor Strawinsky aufgeführt, das Maldoom mit 240 jungen Berlinern einstudiert hatte.

Ansprechpartner

Royston Maldoom
Choreograph
Telefon: 0044-(0)20 75 38 31 89
royston_maldoom@hotmail.de
www.rhythmisit.de

Erstveröffentlichung Klett Themendienst

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