EU-Parlament will unbezahlte Praktika abschaffen
Mehr zu: Berufsbildungsgesetz, Europa, Praktikum, Vergütung, Sonderthemen(dpa) – Angesichts der wachsenden Zahl von Praktikanten will das Europaparlament der Ausbeutung von Jugendlichen durch kostenlose Praktika einen Riegel vorschieben. In einer Resolution forderten die Parlamentarier die EU-Kommission und den Ministerrat dazu auf, eine Europäische Qualitätscharta mit Mindestanforderungen für Praktika zu schaffen – darunter ein Grundgehalt zur Abdeckung der Lebenshaltungskosten des Praktikanten und eine zeitliche Begrenzung.
Die Kommission prüfe derzeit das Ansinnen, das bereits im Juli gestellt worden sei, sagte ein Sprecher am 11. August in Brüssel. Die Gestaltung der Arbeits- und Sozialpolitik behalten sich die EU-Mitgliedsstaaten weitgehend vor. Die EU hat somit in der Regel keine direkte Kompetenz, sondern kann nur Anstöße geben. Der Antrag des Parlaments verpflichtet die Kommission nicht zum Handeln.
"Ziel ist es, Bildungswert zu sichern und Ausbeutung zu vermeiden", heißt es in der Resolution des Europaparlaments. In der Krise ersetzten viele Arbeitgeber reale Arbeitsplätze durch Praktika. Nach einer Studie des Bundesarbeitsministeriums arbeitet rund die Hälfte aller Praktikanten in Deutschland unentgeltlich.
Die deutsche Wirtschaft lehnt neue Regeln ab. "Ein zwingendes Salär zu fordern, würde die Kosten unangemessen erhöhen und das Angebot an Praktikumsstellen reduzieren", teilte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) auf Anfrage mit. Einzelfälle, in denen Praktikanten nicht fair behandelt würden, dürften "kein Anlass sein, das sinnvolle Instrument Praktika so überzuregulieren, dass die Unternehmen keine Praktika mehr anbieten". Zudem schreibe das Berufsbildungsgesetz eine Vergütung für bestimmte Personen vor, die eingestellt würden, um berufliche Fertigkeiten zu erwerben.
Auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) ist skeptisch."Praktika sind in erster Linie Lernverhältnisse. Eine generelle Vergütungspflicht würde dazu führen, dass Unternehmen viele sinnvolle Praktika nicht mehr anbieten würden", sagte DIHK-Bildungsexperte Kevin Heidenreich auf Anfrage. Richtig sei, den Missbrauch von Praktika zu unterbinden. Lob kam von den Grünen im Bundestag. Mit der Initiative gehe das Europaparlament mit gutem Beispiel voran, erklärte ihr jugendpolitischer Sprecher Kai Gehring. "Die Bundesregierung muss die EU-Initiative zügig in nationale Politik gießen anstatt Jugendarbeitslosigkeit und Ausbeutung in Praktika weiter zu ignorieren."
Innerhalb des Europaparlaments ist der Vorstoß ebenfalls umstritten. Die Resolution geht auf einen Entwurf der dänischen Abgeordneten Emilie Turunen (Grüne) – mit 26 Jahren die jüngste EU-Parlamentarierin – zurück. Die FDP reagierte bereits ablehnend. "Unbezahlte Praktika ganz zu verbieten, ist eine völlig überzogene Schlussfolgerung", schreibt Nadja Hirsch, sozialpolitische Sprecherin der FDP im Europaparlament, auf ihrer Internet-Seite.
(dpa-Dossier Bildung Forschung 33/16.08.2010)
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Der EU-Anstoß für bezahlte Praktika zeigt die Relevanz des Themas Praktikum, die durch die Resonanz in europäischen Medien unterstrichen wird. Die Argumentation, Unternehmen würden Praktika zurückfahren, wenn sie ihren 40 Std. arbeitenden Praktikanten eine Aufwandsentschädigung zahlen würden, ist schwachsinnig. Angesichts der Tatsache, dass im Regelfall allein Fahrtkosten und Miete an fremden Plätzen gezahlt werden müssen. Was sind nebenbei gesagt schon 400 Euro (Minijob-Basis, ohne Steuerpflicht seitens des Unternehmens) für eine Vollzeitbeschäftigung?
Dafür kann gerade so eine Miete bezahlt werden (von anfallenden Versicherungskosten ganz zu schweigen).
Im übrigen können diese Kosten mit unter Lohnkosten abgerechnet werden und mindern so den Steuerbetrag, der gezahlt wird.
Ich bin froh, dass sich gerade junge Start-ups dafür einsetzen, dass diese bezahlt werden. Hier spreche ich nicht von 1-2 monatigen Praktika, denn fraglos bedeutet ein Praktikant auch einen zeitlichen Aufwand, der sich letzten endes rentiert, auch wenn von wirtschaftsliberaler Seite gerne anders argumentiert wird.
MfG
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