"Bili" auf dem Vormarsch
Nicht mehr nur ein Phänomen des Gymnasiums
Mehr zu: Bilinguales Lernen, Fremdsprachen, Muttersprache, Unterrichtsgestaltung, Schule(sl). Rein zahlenmäßig kann nicht von einem Erfolgsmodell gesprochen werden. Doch Schüler, die bilingualen Unterricht, wie er an 860 weiterführenden Schulen in Deutschland angeboten wird, genießen durften, sind überzeugt: "Bili" hat sie bereichert. "Ich fühle mich einfach sicherer im Englischen, traue mich im Urlaub in England, mit Einheimischen auch über die Historie zu diskutieren", versichert Volker Mattern.
Der Familienvater kam vor knapp 30 Jahren in den Genuss bilingualen Unterrichts. Er zerstreut heute zugleich die Sorge, geschichtliches Wissen könne weniger angehäuft werden, wenn das Fach nicht in der Muttersprache, sondern in Englisch unterrichtet werde. "Das Gegenteil war zumindest bei mir der Fall. Ich musste mich noch vielstärker auf das zu Lesende und das Gehörte konzentrieren. Da blieb mehr haften."
Grundsätzlich besser in Fremdsprachen
Ähnlich sieht es Hans-Ludwig Krechel. Seit Jahren beschäftigt sich der Fach- und Hauptseminarleiter am Studienseminar Bonn mit bilingualem Unterricht. An der Uni Wuppertal hat er gemeinsam mit Professor Dieter Wolf den ersten Ausbildungsgang für Lehrer kreiert. Er weiß um die Vorbehalte vieler Eltern. Jenen, der da lautet, die fremde Sprache könne das fachliche Lernen negativ beeinflussen, hält er für unbegründet: "Sprachliche Defizite dürfen sich auf die Fachnote nicht auswirken." Und: "Wer etwas nicht versteht, darf selbstverständlich auf Deutsch nachfragen und erhält auch auf Deutsch eine Antwort."
Gemeinsam mit seinem Wuppertaler Kollegen hat er im Auftrag des Europarates Menschen über ihre Erfahrungen mit dem zweisprachigen Unterricht befragt - 20 Jahre, nachdem diese die Schule verlassen haben. Das Ergebnis fiel positiv aus. "Sprachlich fitter, mehr Wissen über den und besser studierfähig im englischsprachigen Raum, grundsätzlich besserer Umgang mit Fremdsprachen", lauteten die wesentlichen Aussagen.
Damit kamen sie zu gleichen Ergebnissen wie Studien der Universität Wales und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Eine Untersuchung über zweisprachigen deutsch-französischen Unterricht im schweizerischen Kanton Wallis ergab, dass Kinder, die von früh an an zweisprachigem Unterricht teilnahmen, nicht nur die Zweitsprache schneller erlernten, sondern auch ihre allgemeinen sprachlichen Kompetenzen verbesserten.
Ein Schluss, zu dem auch die Studie "Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International" (DESI) kommt, in der 38 Klassen, die ab der siebten Jahrgangsstufe zumindest in einem Sachfach Englisch als Unterrichtssprache verwendet hatten, unter die Lupe genommen wurden. "Ein Erfolgsmodell für die Förderung sprachlicher Kompetenzen sind bilinguale Angebote. Solche zusätzlichen Lerngelegenheiten wirken sich auf die Englischleistungen der Schülerinnen und Schüler, insbesondere auf deren kommunikative Kompetenz, besonders positiv aus: Sie erreichen im Hörverständnis bis zum Ende der Jahrgangsstufe neun gegenüber Schülerinnen und Schülern mit vergleichbaren Ausgangsbedingungen einen Vorsprung von etwa zwei Schuljahren", verraten die Wissenschaftler.
Reine Elitenförderung?
Auch sie kennen die Kritikpunkte an "Bili". Einer lautet, diese Form des Unterrichts stelle eine reine Eliteförderung dar. Endgültig entkräften kann das Argument niemand, zumal eben nur an einem Bruchteil der allgemein bildenden (31 153) und berufsbildenden Schulen (5 065) in Deutschland entsprechende Angebote existieren. Die Lichtenbergschule in Darmstadt formuliert es auf ihrer Internetseite so: "Da das Interesse am bilingualen Schulzweig die Kapazität der Schule übersteigt, entscheiden die Klassenlehrer zusammen mit den zuständigen Koordinatoren über die Aufnahme der Schüler in den bilingualen Schulzweig. Dies ist besonders im Hinblick auf die stärkere Arbeitsbelastung durch erhöhte Stundentafel für bilinguale Schüler und die damit verbundene Gefahr der Überforderung notwendig."
Hans-Ludwig Krechel aber erinnert daran, dass bilingualer Unterricht längst nicht mehr nur ein Phänomen des Gymnasiums ist. Die Zahl der "Bili"-Zweige und -Module an den übrigen Schulformen steige kontinuierlich. Nur logisch, dass er ein sprunghaft steigendes Interesse der Pädagoginnen und Pädagogen an Fortbildungen registriert. Immer mehr wollen sich fit machen, um bilingual unterrichten zu können. Viele werden auch von der wissenschaftlich fundierten Erkenntnis ermuntert, dass die Sorge unbegründet ist, der bilinguale Unterricht könne die Förderung des Deutschen zusätzlich gefährden.
"Bili" für alle Kinder
Nicht zuletzt nach der Einführung von Englisch in der Grundschule steigt die Tendenz zum bilingualen Unterricht in den ersten Schuljahren. Erst jüngst kündigte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen den Ausbau entsprechender Angebote an.
Traditionell werden die Kinder aber nach wie vor in der fünften und sechsten Klasse auf den Einstieg in den "Bili"-Zug vorbereitet. Zwei bis drei Stunden in der Fremdsprache stehen für sie zusätzlich auf dem Stundenplan. Ab Klasse sieben wird dann ein Sachfach - oft Geschichte, Gesellschaftslehre, Biologie oder Geografie - in einer Fremdsprache unterrichtet.
Grundsätzlich ist "Bili" für alle Kinder geeignet, versichern Didaktikexperten. Dennoch nennen sie Voraussetzungen. Grundschulkinder sollten einen angemessenen Entwicklungsstand in der Muttersprache haben. Für Migrantenkinder bedeutet das: Sie müssen entweder gut Deutsch oder ihre Muttersprache beherrschen. Generell gelte: Kinder, die gerne kommunizieren und sich gut konzentrieren können, falle der zweisprachige Unterricht besonders leicht. Einen Tipp halten die Fachleute auch für Pädagogen bereit: Erklären sie möglichst viel über Bilder und Objekte, können auch Kinder mit weniger ausgeprägten Sprachkenntnissen dem Unterricht folgen.
Kompakt
Seinen Ursprung hat "Bili" in deutsch-französischen Schulzweigen, die die deutsch-französische Freundschaft stärkensollten. Durchgesetzt hat sich jedoch das populäre Deutsch-Englisch. Eher sporadisch existieren Angebote in Russisch, Spanisch, Türkisch sowie in Minderheitssprachen wie Obersorbisch, Niedersorbisch oder Nordfriesisch.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst
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