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Konjunkturboom verschärft Fachkräftemangel

27.08.2010

(dpa) – Besser in Deutschland das Qualifikationsniveau anheben oder einfach Fachkräfte im Ausland anwerben? Der Wirtschaftsboom schafft für immer mehr Unternehmen Probleme, Fachkräfte zu finden. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) fordert, Zuwanderer stärker willkommen zu heißen – lehnt aber eine Änderung des Zuwanderungsrechtes ab. Die Grünen wollen eine Million hier im Lande lebende Menschen zusätzlich weiterbilden. Und auch die SPD setzt zunächst auf eine bessere Ausbildung im Inland – vor allem für Migrantenkinder.

Fast drei Viertel der deutschen Unternehmen können nach Aussage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) offene Stellen mit Fachkräften nicht oder nur schwer besetzen. 70 Prozent der Firmen hätten dabei Probleme, berichtete DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann am 24. August in Berlin. Angesichts des Aufschwungs werde sich das Problem verschärfen, warnte Driftmann.

Nun sollen aus Sicht des DIHK verstärkt Zuwanderer helfen. Driftmann verwies darauf, dass zwölf Prozent der Unternehmen mehr ausländische – vor allem gut ausgebildete – Fachkräfte anwerben wollen. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sagte: "Zuwanderung aus dem Ausland kann den Fachkräftemangel dämpfen, aber nicht beheben."

Forderungen auch aus der Koalition nach einem neuen Zuwanderungsrecht erteilte de Maizière eine Absage. Es sei hinreichend flexibel, wirtschaftsfreundlich und ermögliche bei Bedarf Korrekturen. "Die These, das Zuwanderungsrecht sei zuwanderungsfeindlich, setze eine zu hohe Hürde (..) und sei das eigentliche Hemmnis bei der Beseitigung des Fachkräftemangels, diese These halte ich für falsch", sagte de Maizière. Es fehle aber eine "Willkommenskultur".

Forderungen nach einem Punktesystem für Hochqualifizierte nach kanadischem Vorbild und Korrekturen bei den Gehaltsgrenzen wies de Maizière zurück. Ein Punktesystem sei zu bürokratisch.

Dagegen bekräftigte FDP-Generalsekretär Christian Lindner seine Forderung nach einem Punktesystem. "In den nächsten Jahren werden Geringqualifizierte mehr Probleme haben, Arbeit zu finden. Zugleich werden Stellen unbesetzt bleiben, weil die Fachkräfte fehlen." Es gehe darum, Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren und das Wachstum nicht durch Fachkräftemangel zu gefährden. "Darum brauchen wir eine Bildungsoffensive und gesteuerte Zuwanderung über ein Punktesystem."

In der Kritik steht häufig auch die Vorrangprüfung. Danach muss zunächst geprüft werden, ob eine offene Stelle mit einem deutschen Arbeitnehmer oder einem EU-Bürger besetzt werden kann. Es gebe aber bereits viele Ausnahmen, sagte de Maizière.

Nach von der Leyens Worten muss primär denjenigen Menschen ein besserer Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt werden, die in Deutschland leben. Mit Blick auf die im Mai 2011 anstehende Lockerung der Zuwanderung aus anderen EU-Ländern mit voller Freizügigkeit für Arbeitnehmer warnte die Ministerin vor zu hohen Erwartungen. Der Engpass sei auch eine Chance für Jugendliche, Frauen mit Kindern und Ältere.

Nach Aussage von Driftmann war der Fachkräftemangel seit Jahren absehbar. Es müssten nun rasch die Weichen gestellt werden: "Denn die Unternehmen befürchten in den kommenden fünf Jahren eine weitere deutliche Verschärfung der Fachkräftesituation." Für die Unternehmen komme es künftig darauf an, auch weniger Qualifizierte einzustellen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf müsse verbessert werden. Die Wirtschaft wolle auch stärker auf Ältere setzen.

Grüne: Massiver Ausbau der Weiterbildung nötig

Die Grünen legten ein Konzept für den massiven Ausbau der Weiterbildung vor, um den Fachkräftemangel bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit anzugehen. "Von der Leyen hat kein Konzept, dieses Horrorszenario zu beheben", kritisierte die Arbeitsmarktpolitikerin Brigitte Pothmer. Binnen drei Jahren soll nach den Vorstellungen der Grünen eine Million Menschen zusätzlich weitergebildet werden – Kostenpunkte: 800 Million Euro. "Von Gering- bis Hochqualifizierten wollen wir alle erreichen", erläuterte Bildungsexpertin Priska Hinz. Dafür sollen Arbeitslose und Geringqualifizierte verstärkt in Mangelberufen wie Altenpflege oder Kindererziehung umgeschult werden. Per Erwachsenen-BAföG sollen Zuschüsse und Darlehen gezahlt werden.

Gabriel: Deutschland muss selbst besser ausbilden

Mainz – SPD-Chef Sigmar Gabriel hat zwei Milliarden Euro vom Bund für den Einsatz von Schulsozialarbeitern gefordert. Es sei ein untragbarer Zustand, dass über 40 Prozent der Migranten-Kinder keinen Berufsabschluss erreichten, die Unternehmen aber gleichzeitig über fehlende Lehrstellenbewerber und über Fachkräftemangel klagten, sagte Gabriel am 25. August bei einer Bildungsdiskussion auf seiner Sommerreise in Mainz. Die Probleme dieser jungen Menschen fingen meistens schon in der Schule an.

Gabriel: "Hinter uns liegen drei Jahrzehnte mit hoher Arbeitslosigkeit. Vor uns liegen wegen des Geburtenrückganges drei Jahrzehnte mit Arbeitskräftemangel – trotz weiterer Arbeitslosigkeit." Ursache sei die mangelnde Qualifikation vieler junger Menschen. Gabriel verwies auf die Daten des jüngsten Bildungsberichtes von Bund und Ländern, wonach in Deutschland insgesamt 17 Prozent der 20 bis 30-Jährigen keinen Berufsabschluss und sind auch nicht mehr in Weiterbildung. Unter jungen Menschen mit Migrationshintergrund beträgt dieser Anteil fast 40 Prozent.

Bereits heute fehlten Ingenieure, Lehrer, Ärzte und Kaufleute. Diesen Fachkräftemangel könne man nicht einfach mit Einwanderung lösen, ohne gleichzeitig das Qualifikationsniveau der hier im Lande lebenden Menschen anzuheben, sagte Gabriel. Der Bildungsforscher Klaus Klemm forderte mehr Hilfen für Migrantenkinder und Schüler aus bildungsarmen Familien. Die Zahl der sogenannten Risikoschüler, die Probleme bei der Lehrstellensuche oder in der Berufsausbildung hätten, sei einfach zu hoch.

Gabriel sagte, es werde die vorrangige Aufgabe einer SPD-geführten Bundesregierung sein, Ländern und Kommunen mehr Geld zu beschaffen, damit sie ihren politischen Gestaltungsspielraum wieder zurück erhalten und auch das Bildungssystem insgesamt besser ausstatten können. Dies sei auch für die Sozialdemokraten eine unverzichtbare Zukunftsaufgabe, um wieder in mehr Landtagen und Kommunalparlamenten die politischen Mehrheiten zurück zu gewinnen.

IW: Ingenieur-Mangel gefährdet Aufschwung

Köln – Weil den Unternehmen derzeizt zu Tausenden die Ingenieure fehlen, sieht das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) den Aufschwung gefährdet. In deutschen Hochtechnologiefirmen gebe es immer mehr unbesetzte Stellen. Im Juli 2010 fehlten 36 800 Ingenieure, berichtete das arbeitgebernahe IW am 25. August. "Seit Monaten wachsen die Lücken kontinuierlich, und der Ingenieur-Mangel wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen", sagte IW-Expertin Vera Erdmann.

Hauptgrund ist der fehlende Nachwuchs. Die Konkurrenz in Frankreich, Belgien oder Tschechien habe da weniger Schwierigkeiten. Die Hochtechnologiefirmen – etwa im Maschinen- und Fahrzeugbau oder in der Chemischen Industrie – sind ein wichtiger Konjunkturmotor, wie das Institut betonte. Ein Drittel der Beschäftigten sind dort Ingenieure und Wissenschaftler. In den kommenden Jahren werde die Zahl der altersbedingt aussteigenden Ingenieure deutlich steigen, sagte Erdmann. Damit verschärfe sich das Problem.

Die Politik müsse es ausländischen Ingenieuren leichter machen, hier zu arbeiten, und zudem für einen besseren Technikschulunterricht sorgen, forderte das IW.

Chemie will mehr forschen – Arbeitsmarktchancen steigen

Frankfurt/Main – Die deutsche Chemieindustrie will ihre Forschung und Entwicklung weiter intensivieren. Damit steigen die Einstellungschancen vor allem für Akademiker beträchtlich, wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) am 26. August berichtete.

Nachdem die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auch im Krisenjahr 2009 bei konstant 8,3 Milliarden Euro gehalten worden seien, planten die Unternehmen für das laufende Jahr rund 4 Prozent mehr ein. "Wer in Krisenzeiten seine Forschung zurückfährt, verpasst im Aufschwung den Anschluss", sagte der VCI-Forschungsexperte und BASF-Vorstand Andreas Kreimeyer in einer Mitteilung.

Die Unternehmen wollten 2010 rund 500 Naturwissenschaftler und Ingenieure einstellen, berichtete Kreimeyer. Wenn auch das Niveau von 2008 mit 720 Einstellungen damit noch nicht erreicht werde, stimme die Richtung bei einem Zuwachs von 42 Prozent im Vergleich zu 2009. Besonders gefragt seien wieder promovierte Chemiker.

Unternehmer wollen Pakt für Fachkräftesicherung

Schwerin – Der dramatische Rückgang bei den Schulabgänger-Zahlen erfordert nach Ansicht der Unternehmerschaft in Mecklenburg-Vorpommern eine Neuausrichtung im Bündnis für Arbeit. "Der Ausbildungspakt, mit dem wir trotz deutlich geringeren Bedarfes in den Betrieben jedem Jugendlichen eine Ausbildung ermöglichten, hat sich überlebt. Wir haben nicht mehr zu viele, wir haben heute viel zu wenige Bewerber", erklärte Lothar Wilken vom Unternehmerdachverband VUMV im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa.

Nach Angaben Wilkens haben die Betriebe im Nordosten jahrelang bis zu 50 Prozent mehr junge Leute ausgebildet, als sie für den Ersatz älterer Kollegen oder Betriebserweiterungen benötigten. "Doch auch das hat nicht gereicht für jeden, viele junge Leute mussten mit über- und außerbetrieblichen Ausbildungsplätzen vorlieb nehmen. Die Unternehmer konnten auswählen. Jetzt suchen sie zum Teil händeringend nach Berufsnachwuchs", sagte Wilken. Das bringe neue Herausforderungen mit sich: "Wir brauchen einen Pakt zur Fachkräftesicherung. Es sieht aus, als würden Gewerkschaften und Landesregierung mitmachen."

Diese Vereinbarung gehe allerdinmgs weit über die Bereitstellung von Lehrstellen hinaus. "So geht es zum Beispiel um Qualifizierung, betriebliche Gesundheitsvorsorge, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um begrenzte Zuwanderung und um Pendler und Abgewanderte, die wir ins Land zurückholen wollen", erläuterte der VUMV-Hauptgeschäftsführer. Das schließe auch die Frage der Entlohnung ein. "Wir haben Branchen, in denen schon gut verdient wird. In anderen erkennen Firmenchefs, dass sie etwas tun müssen, wollen sie am Markt Fachkräfte gewinnen."

Landtags-CSU kämpft für den "Dipl.-Ing."

München – Die CSU-Landtagsfraktion kämpft für den Erhalt des Titels "Diplom- Ingenieur". Ihr Hochschulpolitiker Bernd Sibler, sprach sich am 24. August dafür aus, dass alle Hochschulen in Bayern den Titel künftig im Abschlusszeugnis nennen dürfen – neben dem Master, der im Zuge der sogenannten Bolognareform eingeführt wurde. Der "Dipl.-Ing." sei ein Qualitätsbegriff für deutsche Ingenieurskunst und international äußerst anerkannt, betonte Sibler in München. Daher müsse der Titel erhalten bleiben.

Sibler erklärte, die CSU wolle nicht hinter die Bolognareform zurückfallen. "Es kann hier kein Zurück zum Vorher geben – das ist ganz klar." Man wolle aber beide Anliegen unter einen Hut bekommen – zum Master stehen und den Diplom-Ingenieur erhalten. "Es wird dem Bolognaprozess guttun, wenn man ihn nicht zu dogmatisch auslegt."

Die TU München verweist in ihren Masterzeugnissen bereits jetzt darauf, dass der Abschluss dem eines Diplom-Ingenieurs entspreche. Dieses Beispiel sollte nach Ansicht der CSU Schule machen. Landes-Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) nannte diese Praxis eine "gute Lösung", die er ausdrücklich gebilligt habe. Dies bedeute aber nicht, dass Absolventen eines Masterstudiums den Titel "Dipl.-Ing." zusätzlich oder im Wechsel mit dem Mastergrad führen dürften. Eine Rückkehr zum "Dipl.- Ing." sei ein irreführendes Signal für die Akzeptanz der Bolognareform.

(dpa-Dossier Bildung Forschung 35/30.08.2010)


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