"Die meisten Kinder nutzen die neuen Medien sehr kompetent"
Interview mit Arne Busse von der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema Medienkompetenz
Mehr zu: Buchmessen, E-Learning, Killerspiele, Medienkompetenz, Schulstress, spielen, denken, bewegen!, Sucht, SonderthemenFür Kinder und Jugendlichen gehören Computer und Internet zum Alltag. Eltern aber fällt es nicht immer leicht, die Aktionen ihrer Kinder zu überschauen und sie beim Surfen, Spielen oder Kommunizieren zu unterstützen oder gar Regeln festzulegen. Wie können sich Eltern fit machen für diese Herausforderungen und wie ist es um die Medienkompetenz der Kinder tatsächlich bestellt? Das wollten wir von Arne Busse wissen. Der Referent in der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb betreut unter anderem spielbar.de, die interaktive Plattform der Bundeszentrale zum Thema Computerspiele.
Herr Busse, früher brachten Eltern für die Freizeitbeschäftigungen ihrer Kinder keine zusätzlichen Kompetenzen, weder für Brettspiele noch für "Räuber und Gendarm". Warum brauchen sie jetzt unbedingt Medienkompetenz?
Arne Busse: Ganz einfach: Neue digitale elektronische Medien sind sehr viel interaktiver und sehr viel kommunikativer. Wenn Sie ein Brettspiel spielen, kommunizieren Sie mit den anwesenden Spielern. Wenn Sie interaktive, soziale Medien - sei es ein Onlinespiel oder ein soziales Netzwerk - nutzen, können sie mit der ganzen Welt kommunizieren. Das heißt, der Komplexitätsgrad ist sehr viel höher. Wir sind aber als analoge Wesen zunächst einmal nicht auf diese Art der Kommunikation vorbereitet. Unsere klassische Kommunikationssituation ist eigentlich "face to face" - also mit einem direkten Gegenüber - oder "one to many" - einer spricht zu vielen - und jetzt sind wir plötzlich mit Kommunikationsformen konfrontiert, bei denen auch "many to many" und "many to one" in einer Komplexität möglich wird, auf die wir nicht vorbereitet sind.
- Terminhinweis: Arne Busse wird am Freitag, 08.10.2010, 11:45 – 12:45 Uhr im Forum Bildung, Halle 4.2 auf der Frankfurter Buchmesse die Podiumsdiskussion: Eltern sind Medienerzieher – Was ist zu tun? moderieren.
Das klingt nach Stress. Gerade haben sich Eltern fit gemacht in Computerspielen oder mit der Informationsbeschaffung im Netz auseinandergesetzt und jetzt stehen sie vor solch komplexen Angeboten wie Facebook, Twitter oder Youtube. Fühlen sie sich da nicht ganz schnell von den Entwicklungen überrollt?
Arne Busse: Tatsächlich ist die Entwicklungsgeschwindigkeit bei Neuen Medien sehr viel rasanter als bei traditionellen Medien. Der Buchdruck wurde im 15. Jahrhundert erfunden und hat dann im Grunde genommen bis Anfang des 20. Jahrhunderts keine Konkurrenz gehabt. Dann haben sich innerhalb des 20. Jahrhunderts andere Medien sehr schnell entwickelt. Wenn man sich klar macht, dass Mark Zuckerberg sich den Vorläufer von Facebook 2004 ausgedacht hat, 2005 das Ganze als amerikaweites College-Netzwerk gestartet ist, 2007 für die gesamte Welt geöffnet wurde und mittlerweile eine halbe Milliarde Nutzer hat, dann wird klar, dass die Entwicklungsgeschwindigkeiten ganz andere sind und das fordert natürlich die Menschen.
Überfordert es sie nicht auch?
Arne Busse: Es ist eine Herausforderung, aber man kann zumindest Kompetenzen erwerben, mit denen man in der Lage ist, neue Entwicklungen einzuordnen und zu begreifen.
Und die wären?
Arne Busse: Die erste Kompetenz, die man als Eltern haben sollte, ist eine Dialogbereitschaft, eine Bereitschaft zuzuhören und sich einzulassen - im Grund genommen eine Lernbereitschaft, eine Neugier. Ich glaube, dass diese Bereitschaft durchaus gewinnbringend für Erwachsene sein kann. Die heute 40jährigen, die Kinder zwischen 6 und 14 Jahren haben, sind mit Medien aufgewachsen, wenn auch nicht mit dem Internet. Aber ich denke, dass da Anschlussmöglichkeiten sind, indem man sich einfach an seine eigene Kindheit erinnert und sich zum Beispiel überlegt: Wie haben denn meine Eltern reagiert, als ich zum ersten Mal mit dem Gameboy auftauchte?
Selbst die eigene Kino- und Fernsehsozialisation bietet da mögliche Anschlusspunkte. Was man aber sagen muss: Die Lage ist gar nicht so dramatisch. Denn gut dreiviertel der Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen gelingt. Das heißt, sie nutzen Medien sehr selbstverständlich und auch sehr kompetent und sie legen keine problematischen Nutzungsweisen an den Tag.
Bleibt das problematische Viertel …
Arne Busse: Wir stellen fest, dass gerade sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sich schwerer tun, wenn es darum geht, Neue Medien kompetent zu nutzen. Sie verhalten sich eher konsumtiv als produktiv und wenig risikobewusst. Hier sind Eltern in der Verantwortung. Und die müssen fit gemacht werden, damit sich den Kindern noch andere Horizonte in der Mediennutzung öffnen. Das wiederum ist eine gesellschaftliche Aufgabe.
Wird diese Aufgabe denn angegangen?
Arne Busse: Wenn man sich umguckt, entdeckt man viele erfolgreiche Ansätze. Ein entscheidender Aspekt ist: Eltern hören auf andere Eltern. Es gibt Projekte in allen Bundesländern - Elterntalk, Elternstammtisch, Elternlotsen oder Eltern-Medientrainer - die genau das beherzigen. Ebenso ist der Ansatz Kindertagesstätten zu Familienbildungszentren umzubauen, sehr sinnvoll. Der dritte Aspekt ist ein gesellschaftspolitischer. Es muss möglich sein, eine Atmosphäre des Zutrauens und der Ermutigung zu schaffen, in der Eltern nicht immer nur das Gefühl haben, sie seien allein die Verantwortlichen und die Schuldigen. Denn alle Eltern, die Kinder großgezogen haben, wissen, dass dies eine große Leistung ist. Dies wird noch nicht hinreichend gewürdigt. Dazu kommt, dass Eltern unter einem ungeheuren Druck stehen, weil sie durch die jahrelange Bildungsdiskussion verinnerlicht haben, dass sie sich doppelt und dreifach anstrengen müssen, damit ihr Kind in dieser Gesellschaft, in dieser Welt bestehen kann.
Sie veranstalten auch sogenannte Eltern LAN in den Eltern Spiele wie Counter Strike selbst erproben können. Welche Erfahrungen machen Eltern bei diesen Veranstaltungen?
Arne Busse: Viele Teilnehmer erklären anschließend: Ja ich weiß jetzt, was mein Kind dort macht und ich verstehe auch, was daran faszinierend ist. Selbst wenn ich nicht unbedingt einen anderen Eindruck von diesem PC-Spiel gewonnen habe, kann ich jetzt sehr viel fundierter argumentieren. Ich fühle mich für eine kritische Auseinandersetzung mit meinen Kindern gewappnet. Die Hemmschwelle für den Dialog wird abgebaut.
Das heißt, solche medienkompetente Eltern können auch ihren 14-, 15jährigen Sohn getrost mit Counter Strike spielen lassen?
Arne Busse: Das kann man nicht pauschal sagen. Man muss die individuelle Situation des Kindes berücksichtigen: Hat es schon viel Spielerfahrung, wie sieht es im sozialen Umfeld aus? Spielen alle Schulfreunde dieses Spiel und wie hoch, ist die Gefahr, dass mein Kind dann hinter meinem Rücken spielt? Ich würde zunächst immer empfehlen, sich nach Alternativen umzugucken, nach Spielen, die auch herausfordernd und attraktiv aber weniger gewalttätig sind. Letztendlich helfen nur Dialog und Auseinandersetzung. Man hat als Eltern schon die Freiheit, von der USK-Alterskennzeichnung abzuweichen und zu sagen, mein Fünfzehnjähriger ist vielleicht schon weiter und ich vereinbare mit ihm: Du darfst spielen, aber zunächst nur eine Stunde in der Woche und ich möchte gern dabei sein. Dann gewinnt man entweder Vertrauen zu Spiel und Spieler oder man sagt, ´tut mir leid ich bin zu der Ansicht gelangt, dass du einfach noch ein bisschen wartest. Lass uns gucken, ob wir nicht etwas anders spielen.` Oder man erkennt, dem Kind geht´s gar nicht um das Spiel, sondern um elterliche Aufmerksamkeit und dann findet man vielleicht auch andere Wege, diese Aufmerksamkeit zu zeigen.
Wenn ich Sie richtig verstehe, ist es insgesamt um die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen gar nicht so schlecht bestellt?
Arne Busse: Ja, ich finde es ungerechtfertigt zu sagen, es sei schlecht bestellt. Es gibt Extreme und es gibt spiel- und internetsüchtige Jugendliche, aber alle Studien belegen, dass die meisten Kinder und Jugendlichen ihre Medienzeit sinnvoll verbringen und insbesondere, dass bei allen Studien auf die Frage nach der liebsten Freizeitbeschäftigung noch immer "Freunde treffen" - und zwar das reale Treffen - ganz oben steht, und das hat sich in den letzten hundert Jahren nicht verändert.
Herr Busse sollte mal in einen unserer städtischen Kindergärten hier in Düsseldorf schauen. Da gibt es jetzt zwar Laptops, aber kein Facebook und kein Internet. Eigentlich sollten die Kinder in der Lage sein, Oma und Opa und das Internet zu erklären und nicht anders herum. Erst wenn wir den Kindern klar machen, das der Computer und das Netz ein "Werkzeug" ist, haben wir den ersten richtigen Schritt gemacht.
Hallo Herr Küpper,
was machen die Kinder denn mit den Laptops? Es gibt ja auch noch andere Anwendugnen als Internet auf dem PC, werden die denn genutzt?
Beste Grüße
Arne Busse
Schule
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