Schüler trainieren Mathe auf der Konsole
Wie in einer bayerischen Ganztagsschule Nintendo-Spiele im Unterricht eingesetzt werden
Mehr zu: E-Learning, Hauptschule, Interviews, Mathematik, Medienkompetenz, spielen, denken, bewegen!, SchuleUlrich Walter Stöger ist Lehrer an der Hauptschule Plattling bei Deggendorf. Er unterrichtet vorwiegend in der 5. und 6. Jahrgangsstufe. Seit 6 Wochen integriert er 12 Nintendo DS Lite in den Unterricht. Einsatzgebiet ist das Mathematiktraining der Grundrechenarten mit Übungsaufgaben. Im Interview berichtet er über seine Erfahrungen.
Herr Stöger, Sie sind Lehrer an der Hauptschule in Plattling und setzen seit ein paar Wochen Nintendo DS-Konsolen im Unterricht ein. Erzählen Sie doch mal.
Ulrich Walter Stöger: Ich habe die erste gebundene Ganztagsklasse in unserer Schule aufgebaut. Dabeihatte ich die Möglichkeit, mir einige neue Methoden einfallen zu lassen – ein bisschen so, wie den Schulauftrag neu zu entwickeln. Ich habe durchaus den Ruf, dass ich mich oft an Neues heranwage. Da probiert man eben auch einmal Nintendo aus.
Wie haben Sie es geschafft, Ihren Rektor zu überzeugen?
Ulrich Walter Stöger: Unser Schulleiter war zunächst etwas skeptisch, weil er befürchtete, dass die Kinder, die zu Hause schon GameBoy spielen, in der Schule jetzt auch noch so etwas in die Hand gedrückt bekommen. Wir haben ihm dann einen Nintendo DS mit verschiedenen Programmen gegeben, und er hat mit seinen eigenen Kindern ein paar davon ausprobiert. Dann war er zwar immer noch skeptisch, aber offen für unser Experiment.
Spielen Sie selber auch Videospiele?
Ulrich Walter Stöger: Also ehrlich gesagt, überhaupt nicht.
Wie kamen Sie denn auf die Idee?
Ulrich Walter Stöger: Der Ansatz war eigentlich, dass ich im Unterricht gewisse Schwierigkeiten mit der Kopfrechenphase festgestellt habe. Ich habe mir dann einmal die Prof.-Kageyama-Rechenmethode angesehen und wollte ausprobieren,ob es den Kindern gefällt.
Welche Klasse unterrichten Sie – und was ist das Besondere?
Ulrich Walter Stöger: Das ist eine 6. Klasse, in dem Falle eine gebundene Ganztagsklasse. Das heißt Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag jeweils von 7.40 Uhr bis 15.15 Uhr und Freitag von 7.40 Uhr bis 13.00 Uhr sind die Kinder bei uns in der Schule durch Lehrkräfte versorgt. Die Schüler haben in der Regel keine schriftlichen Hausaufgaben mehr, sondern alle Übungsaufgaben werden während dieser Zeit erledigt. Das hat zum Beispiel den Vorteil, dass ich in Mathematik etwas einführe und dann auch die Übungsphase komplett betreue.
Was war denn das Echo der Eltern, als Sie vorgeschlagen haben, Videospielkonsolen in den Unterricht zu integrieren?
Ulrich Walter Stöger: Ich habe den Kindern einen Infobrief zur Kenntnisnahme mit nach Hause gegeben und den Eltern so mitgeteilt, dass wir von Nintendo das Angebot haben, das einfach einmal zu erproben.
Und wie reagieren Ihre Kollegen auf dieses Projekt?
Ulrich Walter Stöger: Wir sind eine sehr große Schule mit 390 Schülern und 41 Lehrern. Ich wage zu behaupten, dass ein großer Teil noch gar nicht wirklich etwas davon mitbekommen hat. Eine Kollegin war ganz baff, als ich sagte: Jetzt zum Aufwärmen nach dem Mittagessen machen wir erst einmal Nintendo. Sie hat das dann beobachtet und war nach der ersten Runde auch ganz fasziniert.
Wenn in Ihrem Projekt alles gut funktioniert und alle Beteiligten zufrieden sind, wie werden Sie weiter vorgehen?
Ulrich Walter Stöger: Ich würde alles einmal ausprobieren. Also auch einen Vokabeltrainer, einen Rechtschreibtrainer – was eben fachlich zu meinem Lehrplan passt. Und wenn ich sehe, dass es etwas bringt, würde ich das auch dauerhaft einsetzen. Wobei dauerhaft nicht heißen soll, dass ich einen halben Vormittag Nintendo nutze, aber vielleicht 20 Minuten. In der Frühe erst einmal Kopfrechnen und dann am Nachmittag vielleicht Vokabeltraining. Also als unterstützendes Medium.
Was sagen Ihre Schüler?
Ulrich Walter Stöger: Die sind sehr, sehr begeistert. Letzte Woche gab es eine Diskussion, ob wir nicht auch einmal ein anderes Programm kaufen könnten. Ich habe dann in Aussicht gestellt, dass wir Nintendo DS eventuell im nächsten Schuljahr weiter nutzen können, um etwas Neues auszuprobieren. Dann waren sie total begeistert und wollten unbedingt wieder in meine Klasse.
Welche Ziele haben Sie sich für dieses Projekt gesteckt?
Ulrich Walter Stöger: Meine Grundidee war zunächst, einfach einmal zu testen, was das Gerät kann. Wie verhalten sich die Schüler auf Dauer? Habe ich anschließend Probleme, sie wieder für einen "normalen" Unterricht zu gewinnen? Wie kann ich die ganze Sache einbauen? Das waren so meine Grundfragen. Ich versuche immer, den Schülern möglichst viel Eigenverantwortung zu geben und als Lehrer möglichst im Hintergrund zu bleiben – als Coach oder als Berater. Wenn jemand dann zu mir kommt und fragt: "Herr Stöger, könnten Sie mir das noch einmal erklären – ich rauche einen Tipp zu dieser Aufgabe", dann habe ich eigentlich gewonnen.
Ganz konkret: Wie bauen Sie die Nintendo-Produkte in den Unterricht ein?
Ulrich Walter Stöger: Wir machen morgens direkt eine Runde, bzw. wenn der Klassenleiter-Unterricht losgeht. Da wird es dann so eingebaut, wie es gerade passt.
Sie haben 12 Nintendo DS Lite in der Klasse. Sitzen die Schülerinnen und Schüler dann zu mehreren an einem Gerät? Wie kann man sich das praktisch vorstellen?
Ulrich Walter Stöger: Wir machen das im "Teamswitching", das heißt, wir haben für je zwei Schüler ein Gerät. Dann werden die Geräte per Funk zusammengeschaltet und der Spielleiter, also der Lehrer, bleibt mit drin. Ich wähle dann die Übung aus, zum Beispiel Mathe Division – 100 Aufgaben –schwer. Dann startet dieses Gerät per Funk alle anderen mit. So kann man auch sehen, wer von diesen 12 der Schnellste war. Das ist immer sehr spannend. Insgesamt werden alle miteinander immer schneller und sicherer.
Das ist ja eine sehr interessante Beobachtung. Und Sie führen auch Tests durch, um den Erfolg zu messen?
Ulrich Walter Stöger: Nun, es dürfte schwierig sein, einen eventuellen Lernerfolg eindeutig dem Einsatz von Nintendo DS zuzuschreiben – die Tagesform der Schüler kann auch Schwankungen verursachen, ebenso ist bei intensivierter Übung an sich eine Leistungssteigerung zu erwarten. Schließlich war die Versuchszeit für eine wissenschaftlich fundierte Aussage zu kurz. Jedoch haben wir Folgendes in der Kürze der Zeit beobachtet: Am Anfang haben wir angefangen, für die 24 Aufgaben 15 Minuten zu geben. Mittlerweile sind wir für 24 Aufgaben bei maximal zehn Minuten – wobei der letzte Schüler nach knapp 6 Minuten abgab. Wie man sieht, also schon deutlich schneller. Im ersten Test hatte ich einen Schnitt von 2,79. Und jetzt habe ich den letzten geschrieben, da war der Klassendurchschnitt 1,70.
Das ist beeindruckend.
Ulrich Walter Stöger: Ja, sehr. Es gibt Schüler, die jetzt vom ersten bis zum letzten Test zwei Notenstufen besser geworden sind. Und besser sind sie eigentlich alle geworden.
Was lernen Sie daraus?
Ulrich Walter Stöger: Dass es offensichtlich eine dem heutigen Schüler sehr entgegenkommende Art des Kopfrechnenübens ist – ein sehr erfreuliches Ergebnis. Ich bin ja der Meinung, dass die meisten Hauptschüler hier nicht landen, weil sie wirklich von der Begabung her schlechter oder schwächer sind, sondern weil sie eine etwas ungünstige Arbeitshaltung haben, zum Beispiel Konzentrationsprobleme. Offensichtlich scheint ihnen hier Nintendo DS von der Übungs- und Arbeitsform her sehr entgegenzukommen.
Welche Anwendungsgebiete sind noch denkbar neben dem Kopfrechnen?
Ulrich Walter Stöger: Ich würde mir wünschen, dass man auch Inhalte der höheren Jahrgangsstufen mit einbaut, zum Beispiel Gleichungen. So, dass das Gerät eine Gleichung vorgibt, und die Schüler müssen dann die erste Umformung eingeben. Im Rechtschreiben könnte ich es mir auch vorstellen, um Rechtschreibstrategien zu üben. Dann fiele mir spontan noch ein, Vokabeln oder Grammatik in den Fremdsprachen zu üben, Sätze umzubauen und so weiter.
Sie sind ja auch Musiker. Glauben Sie, so ein System könnte man auch in der musikalischen Bildung einsetzen?
Ulrich Walter Stöger: Zum Notenlesenlernen bestimmt. Oder um Tonhöhen, Notenlängen, Taktarten zu lernen. Das fände ich auch interessant.
Wenn Sie einmal ganz über jeden Rahmen hinausdenken, welche Möglichkeiten sehen Sie generell, in der Pädagogik Videospiele einzusetzen?
Ulrich Walter Stöger: Einmal abgesehen davon, dass ich nicht weiß, was sich alles technisch realisieren lässt,sehe ich die Möglichkeiten in allem, bei dem es um reines Üben geht. Das, denke ich, könnte man zu einem großen Teil bestimmt in diesen Bereich übertragen. Die Kontrollinstanz ist dann der Nintendo DS und nicht unmittelbar der Lehrer – so können Schüler auch mit Misserfolgen besser umgehen. Es tut bei weitem nicht so weh, wenn einem so ein elektronisches Kästchen mitteilt, dass eine Aufgabe falsch ist, als wenn der Lehrer das tun muss. Das Ganze aber dann mit Rückmeldung des Systems an die Lehrkraft, damit man gegensteuern kann, wenn es irgendwo Schwierigkeiten gibt. Als Lehrer habe ich dann auch mehr Zeit, um individuell auf einzelne Schüler einzugehen.
Und welche Probleme sehen Sie im Zusammenhang mit Videospielen und Pädagogik?
Ulrich Walter Stöger: Ganz am Anfang, als das erste Mal Computer im Unterricht eingesetzt wurden,hatte man den Glauben, das sei das allein Seligmachende. Es hat ein bisschen gedauert, dann kam die große Ernüchterung, dass es eben doch nicht so ist. So war es eigentlich mit sämtlichen Medien und Methoden, die man eingesetzt hat – die Methodenvielfalt ist gefragt! Ich glaube, die Gefahr liegt darin, sich zu stark einer dieser Methoden auszuliefern und zu übersehen, dass keine Methode allen Schülern gerecht wird. Schließlich besteht die Kunst des Pädagogen darin, die Lern- und Übungsmethodik den Schülern anzupassen und nicht umgekehrt. Man muss erst langfristig testen, um ein valides Ergebnis zu erhalten. Erst der langfristige Gebrauch in unterschiedlichsten Situationen wird zeigen, ob die Erfolge durch "den Reiz des Neuen" entstanden sind oder es sich hier tatsächlich um ein didaktisch zielführendes Medium handelt.
Welches Zwischenfazit können Sie für Ihre Kollegen in der Pädagogik ziehen?
Ulrich Walter Stöger: Ich würde zunächst jeden Kollegen ermuntern, sich einmal auf ein Nintendo DS-Experiment einzulassen und auszuprobieren, ob es zu seiner Klasse und zu ihm passt. Und das ohne Vorbehalte. Wie gesagt, ich bin auch kein Videospieler, und ich würde es jederzeit wieder unter bestimmten Voraussetzungen und mit enger didaktischer Zielsetzung einsetzen.
Und welche Anregung hätten Sie für die Eltern?
Ulrich Walter Stöger: Denen würde ich in erster Linie empfehlen, dass sie sich durchaus auf Lern- und Übungsprogramme einlassen können, aber sie sollten ihre Kinder dabei begleiten. Probleme entstehen meines Er achtens dann, wenn man Lern- und Übungsprogramme auf Nintendo als billige "Babysitter" benutzt und nicht kontrolliert, was die Kinder da so machen – dazu gehört im Übrigen auch ein klar festgelegter zeitlicher Rahmen.
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