(dpa) – Die geplanten Schulrechtsänderungen der nordrheinwestfälischen Landesregierung haben in der Fachwelt ein geteiltes Echo ausgelöst. "Kopfnoten" für Arbeits- und Sozialverhalten bleiben ebenso umstritten wie verbindliche Grundschulgutachten für die weiterführenden Schulen. Bei einer Expertenanhörung im Düsseldorfer Landtag zeigte sich am 3. November weder in den Reihen der Eltern- noch der Lehrerverbände ein einheitliches Meinungsbild.
Die rot-grüne Minderheitsregierung will am 16. Dezember im Landtag eine kleine Schulrechtsnovelle verabschieden. Sowohl die Koalitionsfraktionen als auch die Linke haben dazu Gesetzentwürfe vorgelegt, die sich nur in Details unterscheiden. Ziel ist es, Reformen der schwarz-gelben Vorgängerregierung wieder zu kippen. Die Einführung von Gemeinschaftsschulen steht nicht in den Entwürfen. Sie sollen zunächst ohne Gesetzesänderung erprobt werden.
Mit der kleinen Novelle sollen unter anderem Kopfnoten wieder abgeschafft werden. Außerdem wollen SPD, Grüne und Linke den Elternwillen bei der Wahl der weiterführenden Schule sowie die Mitbestimmung der Schüler stärken. Die Schulträger sollen die Möglichkeit erhalten, wieder verbindliche Einzugsbereiche einzuführen.
Die schwarz-gelbe Vorgängerregierung hatte die Wahl der Grundschule weitgehend freigegeben. Auch danach seien aber die befürchteten ungeregelten Ströme zu bestimmten Schulen und damit verbundene soziale Abgrenzung ausgeblieben, berichteten Vertreter der Städte und Gemeinden. "In den allermeisten Fällen entscheiden sich die Eltern für die wohnortnächste Grundschule." Nur fünf bis zehn Prozent der Kommunen wollten wieder Schulbezirke einführen, sagte Matthias Menzel für die kommunalen Spitzenverbände.
Bei den Kopfnoten will die Landesregierung die bisherigen vier Ziffernoten zwischen "sehr gut" und "unbefriedigend" für die drei Bereiche Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Sorgfalt sowie Sozialverhalten abschaffen. Die Versetzungskonferenz an den Schulen soll aber entscheiden können, ob Aussagen zum Arbeits- und Sozialverhalten in die Zeugnisse aufgenommen werden. Die Linke will auf Zeugnissen nur Angaben zum Leistungsstand der Schüler. Ob Kopfnoten schon zum nächsten Halbjahr oder erst im Sommer abgeschafft werden, ist noch offen.
Die Entscheidungsfreiheit der Schulen mache Zeugnisse in diesem Punkt unvergleichbar, warnte der vor allem Gymnasiallehrer organisierende Philologenverband. Zudem sei es ein bedenkliches Signal, wenn die Reichweite umfangreicher Schulreformen jeweils nur noch eine Wahlperiodehalte, kritisierte der Landesvorsitzende Peter Silbernagel. Fehlzeiten sollen nach dem Willen der Landesregierung künftig nicht mehr auf Abschlusszeugnissen erscheinen. Der Verband der Lehrer an Berufskollegs hält dies für falsch. Die Angabe der Fehlzeiten habe einen regelmäßigen Schulbesuch gefördert und in manchen Fällen Bildungsabbrüche vermieden, argumentierte der Verband.
Während die Vielzahl der unterschiedlichen Eltern- und Lehrerverbände ganz verschiedene Positionen zu Kopfnoten und Grundschulgutachten vortrugen, waren sich die Schüler einig. Ihre Landesvertretung unterstützte uneingeschränkt die geplanten Änderungen. Aus ihrer Sicht verbessern Kopfnoten nicht das Arbeits- und Sozialverhalten, sondern fördern Duckmäusertum und Anpassung.
Bettina Grönewald (dpa-Dossier Bildung Forschung 45/08.11.2010)