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Interview

"Die hohen Abbrecherquoten in der Schule machen mir Sorgen"

didacta 2011 Themendienst: Interview mit dem KMK-Präsidenten Dr. Bernd Althusmann

Mehr zu: Althusmann, Bildungspaket, Bologna-Prozess, didacta - die Bildungsmesse, Duale Ausbildung, Fachkräftebedarf, Frühe Förderung, Frühkindliche Bildung, Hochschulabschluss, Inklusion, Interviews, Mobilität, Spaenle, Sonderthemen
02.02.2011 -

(red) Mit Beginn des Jahres 2011 hat der niedersächsische Kultusminister Dr. Bernd Althusmann die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz übernommen. Auch in diesem Jahr wird die Bildungspolitik für Diskussionsstoff und Schlagzeilen sorgen – zumindest mit den Dauerthemen Schulstruktur, Bildungschancen, Inklusion und Studienbedingungen. Wir wollten von Dr. Althusmann wissen, welche bildungspolitischen Hürden die KMK in diesem Jahr nehmen will.

Herr Dr. Althusmann, anlässlich ihrer Wahl zum Präsidenten der Kultusministerkonferenz haben Sie erklärt, die KMK stünde vor vielen Herausforderungen, im Schul- wie auch im Hochschulbereich. Wie sieht es mit dem Vorschulbereich aus? Ist hier kein Verbesserungsbedarf?

Dr. Bernd Althusmann: Der Vorschulbereich/ Elementarbereich fällt zwar primär in den Verantwortungsbereich der Jugend- und Familienministerkonferenz, dennoch sehe ich auch dort Bedarf, zum Beispiel einer gezielten Sprachförderung im frühkindlichen Bereich. Die Schnittstellen bei der Zusammenarbeit von Kindertageseinrichtungen und Grundschulen stehen dabei besonders im Blickpunkt. Frühkindliche Bildung gewinnt zu Recht an Bedeutung, und die Bildungsbeteiligung von Kindern im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt ist inzwischen bundesweit zur Regel geworden. Der frühkindlichen Bildung insgesamt, aber auch dem Übergang in die Grundschulen kommt in allen Ländern besondere Bedeutung zu. Die Kultusminister- und die Jugendministerkonferenz arbeiten hier eng zusammen. Auf der Grundlage des "Gemeinsamen Rahmens der Länder für die frühe Bildung in Kindertageseinrichtungen" werden die Länder die Zusammenarbeit in diesem Bereich weiter ausbauen. Ein Schwerpunktthema ist die Unterstützung von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern und von Familien mit Migrationshintergrund. Dies wird durch vielfältige Handlungsempfehlungen in diesen Bereichen unterstrichen. Besondere Bedeutung wird zukünftig vor dem Hintergrund der Ratifizierung der VN-Behindertenrechtskonvention auch auf die gleichberechtigte Bildungsbeteiligung von Kindern mit Behinderung gelegt. Durch die hohe Bedeutung frühkindlicher Bildungsprozesse und um zu vermeiden, dass mangelnde deutsche Sprachkenntnisse beim Übergang in die Schule langfristige Nachteile im weiteren Bildungsverlauf nach sich ziehen, wird der Sprachstand von 4- bis 6-jährigen Kindern landesweit überprüft und die als sprachförderbedürftig eingestuften Kinder zur Teilnahme an zusätzlichen Sprachfördermaßnahmen verpflichtet. Erste Evaluationen zeigen eine deutliche Verbesserung der Sprachfähigkeiten aufgrund der Fördermaßnahmen. Auch hier gilt es dennoch, die Anstrengungen zu intensivieren.

"Keine kostenintensive Förder- und Verwaltungsstrukturen neben dem Schulbetrieb aufbauen"

Die schulpolitische Diskussion wurde in der zweiten Hälfte des Jahres 2010 um ein neues Thema bereichert: das Bildungspaket. Ihr Vorgänger, Dr. Ludwig Spaenle hat sich kritisch dazu geäußert. Wie sieht die Einschätzung des aktuellen KMK-Präsidenten aus?

Dr. Bernd Althusmann: Die Kultusministerkonferenz hat sich im Oktober 2010 mit der Frage des Bildungspaketes befasst. Sie hat grundsätzlich das Anliegen unterstützt, Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern gerade auch im Bildungsbereich Unterstützung zukommen zu lassen. Ich finde den Gesamtansatz vernünftig, Kindern aus sozial schwachen Elternhäusern im Bildungsbereich Unterstützung zukommen zu lassen. Auch die Ausweitung des Pakets auf Kinder von Wohngeldempfängern erscheint mir sinnvoll. Wichtig ist, dass diese Kinder dabei nicht stigmatisiert werden. Wir brauchen eine Lösung, die die Länder finanziell in die Lage versetzt, das Bildungspaket umzusetzen. Was die Kultusministerkonferenz jedoch ablehnt, ist der Aufbau neuer kostenintensiver Förder- und Verwaltungsstrukturen neben dem Schulbetrieb. Bildungsteilhabe kann am wirkungsvollsten durch Verstärkung der individuellen Förderung erfüllt werden. Die Kultusminister fordern deshalb eine ausreichend finanzierte Bildungsinfrastruktur, die allen Kindern gleichermaßen nützt. Individuelle Lernförderung ist aus unserer Sicht in bestehende schulische und schulnahe Strukturen einzugliedern. Sie muss schulartübergreifende Förderung und Durchlässigkeit ermöglichen.

"Die Sicherung des Fachkräftebedarfs erfordert strukturelle Konzepte"

Thema Berufliche Bildung: Die KMK hat sich jüngst für eine Modernisierung der dualen Berufsausbildung ausgesprochen. Welche Komponenten des dualen Ausbildungssystems stehen auf dem Prüfstand?

Dr. Bernd Althusmann: Die stetige Modernisierung der dualen Berufsausbildung ist eine wesentliche Voraussetzung, um die Arbeitsmarktfähigkeit und damit die Beschäftigungsfähigkeit der ausgebildeten Fachkräfte zu sichern. Die sich vollziehenden Entwicklungen auf europäischer Ebene, aber auch die demografisch bedingten Herausforderungen in Bezug auf die Ausbildung und die Sicherung des Fachkräftebedarfs erfordern strukturelle Konzepte, die individuelle und flexible Lernwege unterstützen und die Durchlässigkeit der verschiedenen Teile des gesamten Bildungssystems fördern. Uns ist die Einbeziehung der Interessen und Belange aller im Bereich der dualen Ausbildung beteiligten Akteure wichtig. Dies betrifft insbesondere die Gestaltung und den Ablauf von Neuordnungsverfahren.

"Wer den Masterabschluss als Regelabschluss fordert, verkennt die Grundidee der Bologna-Reform"

Thema Hochschule: Die Bologna-Reform ist weiterhin Diskussionsgegenstand. So bleibt gegenwärtig vielen Studenten der Zugang zum Masterstudium mangels Angeboten verwehrt.Kürzlich hat nun der Deutsche Hochschullehrerverband gefordert, der Master und nicht der Bachelor müsse Regelabschluss sein. Wie steht die KMK dazu?

Dr. Bernd Althusmann: Zunächst stellt sich die Gegenfrage, auf welcher empirischen Grundlage die Annahme beruht, dass es nicht ausreichend Studienplätze im Masterbereich gebe. Von einigen wenigen Ausnahmen in sehr stark nachgefragten Fächern an nachgefragten Orten abgesehen, stehen insgesamt ausreichend Masterstudienplätze zur Verfügung. Dies zeigt allein die Tatsache, dass bundesweit nicht einmal 50% aller Masterstudiengänge mit örtlichen Zulassungsbeschränkungen belegt sind. Wer den Masterabschluss als Regelabschluss fordert, verkennt die Grundidee der Bologna-Reform, nicht alle Studierenden gleichermaßen auf eine wissenschaftliche Karriere vorzubereiten, sondern wissenschaftlich Grundgebildete für alle Berufsfelder auszubilden. Ein Kernelement des Bologna-Prozesses ist die Einführung eines gestuften Graduierungssystems, wobei der Bachelorabschluss - ebenso wie der Masterabschluss - als eigenständig berufsqualifizierender Hochschulabschluss definiert ist. Der Bachelorabschluss ist der erste berufsqualifizierende Hochschulabschluss, der über alle Fächer und Hochschularten hinweg für eine Mehrheit der Studierenden zu einer ersten Berufseinmündung führen kann. Dementsprechend schreiben die ländergemeinsamen Strukturvorgaben der Kultusministerkonferenz den Bachelor als Regelabschluss fest. Es bestehen keine Tendenzen, dies zu ändern.

"Bis Ende 2011 neue Empfehlungen zur Sonderpädagogischen Förderung"

Welche weiteren Aufgaben wird die KMK im kommenden Jahr anpacken müssen?

Dr. Bernd Althusmann: Für mich persönlich ist ein wichtiges Thema – neben vielen anderen – der Übergang von der Schule ins Berufsleben. Hier machen mir sowohl die immer noch zu hohen Abbrecherquoten in der Schule als auch später bei der Ausbildung Sorgen. Es gibt zwar eine Vielzahl von Maßnahmen in Bund und Ländern, etwa die Berufseinstiegsprogramme, aber die Vielzahl der Übergangsprogramme muss besser gebündelt werden. Darüber hinaus wird eine weitere Aufgabe die Institutionalisierung von Large Scale Assessments (große Schulleistungsuntersuchungen d. Red.) sein. Bund und Länder haben im Oktober letzten Jahres das "Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien" (ZIB) mit Sitz in München gegründet, das seine Arbeit nun aufnimmt. Die Durchführung der PISA-Studien sowie die deutsche Forschung zu internationalen Bildungsvergleichsstudien werden nun in einer neuen Institution gebündelt. Mit der Gründung des ZIB ist es uns gelungen, einen entscheidenden Baustein der Gesamtstrategie der Kultusministerkonferenz zum Bildungsmonitoring zu institutionalisieren. Das ZIB München und das IQB (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen) in Berlin werden gemeinsam die Leistungsfähigkeit des Bildungssystems im nationalen wie im internationalen Bereich beobachten und weiterentwickeln. Bund und Länder stellen damit erneut unter Beweis, dass sie ihrer gemeinsamen Verantwortung für die Qualitätsverbesserung von Bildung und Forschung gerecht werden. Auch das Thema Lehrerbildung wird uns 2011 weiter beschäftigen. Es sollen ländergemeinsame Anforderungen bezogen auf die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken für die beruflichen Fachrichtungen in Anlehnung an die schon beschlossenen Anforderungen für die allgemeinbildenden Fächer erarbeitet werden. Wichtig ist auch die Weiterentwicklung der gemeinsamen Bildung von Kindern mit und ohne Behinderung (Inklusion). Wir planen, bis Ende 2011 neue Empfehlungen zur Sonderpädagogischen Förderung vorzulegen – dies geschieht in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen Verbänden.

Kultusministerkonferenz – KMK

Mit vollständigem Namen heißt das Gremium "Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland", es haben sich aber die Begriffe Kultusministerkonferenz oder KMK eingebürgert. Zentrale Aufgabe der Kultusministerkonferenz ist es, für die Lernenden, Studierenden, Lehrenden und wissenschaftlich Tätigen in ganz Deutschland das erreichbare Höchstmaß an Mobilität zu sichern. Dazu gehört, die Übereinstimmung oder Vergleichbarkeit von Zeugnissen und Abschlüssen zu vereinbaren und Qualitätsstandards in Schule, Berufsbildung und Hochschule zu sichern. Dem Plenum der Kultusminister-Konferenz gehören die für Bildung, Wissenschaft und Kultur zuständigen Minister beziehungsweise Senatoren der Bundesländer an. Jedes Land hat nur eine Stimme. Die Beschlüsse müssen einstimmig gefasst werden. Das Plenum wählt aus seiner Mitte für jedes Jahr in einem bestimmten Turnus das Präsidium.

1 Kommentar (es gelten unsere Kommentarregeln)
von Dr. Jochen Klein, am 03.02.2011, 08:55

Um die Qualität der individuellen Förderung erheblich zu steigern, kann inzwischen auf den Beruf des Lerntherapeuten zurückgegriffen werden. An immer mehr Schulen und in KiTas wird Lerncoaching mit großem Erfolg betrieben, mit dem größten Effekt im 5. bis 8. Lebensjahr (Früh fördern statt spoät ...); das Berufsbild Integrative Lernförderung und Lerntherapie steht allerdings noch am Rande des offiziellen Betriebs. Diese Spezialisten für Lerncoaching beherrschen Diagnostik und Förderung für Kinder mit Lernproblemen. Und sie beraten sich gut mit Erzieherinnen, Lehrkräften und Eltern.Wenn wirklich alle Kinder einen besseren Bildungsabschluss erreichen sollen, gehört diese Profession schon in die in KiTas und dann die Schulen. Sicher würden die extremn hohen Folgekosten entscheidend zurückgehen.

Mit freundlichen Grüßen Dr. JOCHEN KLEIN


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