Die Rolle des Lehrers wird grundlegend verkannt
didacta 2011 Themendienst - Interview mit Prof. Dr. Gerhard Roth
Mehr zu: didacta - die Bildungsmesse, Hirnforschung, Individuelle Förderung, Interviews, Lehrerbildung, Unterrichtsgestaltung, Schule(red) Wie lernen wir eigentlich? Eine Frage, der sich insbesondere Psychologen und Hirnforscher seit einiger Zeit intensiv widmen. In mehreren Veranstaltungen auf der didacta wollen Experten dazu Antworten aus ihren Disziplinen geben. Zu ihnen zählt Dr. Gerhard Roth, renommierter Gehirnforscher und bekannter Buchautor. Der Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie an der Universität Bremen erklärt im Interview den Zusammenhang von Lehrerpersönlichkeit und Lernerfolg der Schüler.
Herr Professor Roth, der Untertitel Ihres neuen Buches lautet "Wie Lernen gelingt". Es gibt aber eine große Gruppe von Schülern, bei denen das Lernen nicht gelingt: Seit Beginn der PISA-Erhebung 2000 liegt die Zahl der sogenannten Risikoschüler konstant bei rund 20 Prozent eines Altersjahrgangs. Woran liegt das?
Prof. Dr. Gerhard Roth: Da läuft etwas prinzipiell schief. Zunächst einmal: Die Rolle des Lehrers wird grundlegend verkannt. Die Lehrer sind völlig verunsichert. Denn in den letzten Jahren hat sich die Auffassung durchgesetzt, der Lehrer müsste sich vollkommen zurücknehmen und das Lernen müsste selbstorganisiert und selbstreguliert vonstattengehen. Das ist grundfalsch. Alle einschlägigen Untersuchungen zeigen, dass ein wesentlicher Teil des Lernerfolgs der Schüler davon abhängt, wie der Lehrer aufgestellt ist, ob er eine Vertrauensperson ist und ob er sich in die Psyche und die intellektuellen Fähigkeiten des Schülers hineinversetzen kann. Kurzum, ob er Fähigkeiten hat, die unabdingbar für den Unterricht und für die Wissensvermittlung sind.
Und was ist mit den Schülern?
Prof. Dr. Gerhard Roth: Dazu muss man kritisch sagen, dass sich fast niemand in der Schule und in den Behörden um die Frage der konkreten Lernbedingungen und Lernschwierigkeiten Gedanken macht. Das kommt auch in der Ausbildung so gut wie nicht vor. Die Lehrer sagen mir, sie hätten von dem, was ich in meinen Vorträgen erzähle, noch nie etwas gehört. Es ist aber unabdingbar, zu wissen, welche schweren Lerndefizite es gibt: Zehn Prozent der Schüler haben im klinischen Sinne Aufmerksamkeits- oder andere Defizite. Manchmal werden auch sensorische Behinderungen - meist beim Hören oder Sehen - nicht erkannt. Hinzu kommen psychische Defizite, die zum Teil schwerwiegend sind wie Depression oder Angststörungen und schließlich die emotional-psychischen Probleme von Kindern mit Migrationshintergrund. Aber selbst wenn Schüler gut aufgestellt sind, kommt es immer noch darauf an, zu verstehen, wie Lernbereitschaft und Lernmotivation erzeugt werden können. Jeder Schüler lernt ein bisschen anders und manche lernen ganz anders. Der Lehrer muss imstande sein, die Persönlichkeit jedes einzelnen Schülers hinreichend zu erfassen, die des Lernschwachen wie die des Hochbegabten.
Aber ist dies nicht primäre Aufgabe der Lehrerausbildung?
Prof. Dr. Gerhard Roth: Ja. Und es ist nicht die Schuld der Lehrer, weil diese es ja irgendwo gelernt haben müssten. Aber wenn ihnen dieses Wissen nicht während der Ausbildung vermittelt wird und wenn dazu auch keine Fortbildungskurse angeboten werden, dann kann man diese Kompetenzen nicht von ihnen fordern.
Lernen scheint ja nicht immer zu misslingen. Beinahe jeder kann sich an Lehrer erinnern, die ihn besonders für ein Thema motiviert, ihn gefördert haben, mit denen das Lernen also gelungen ist. Greift hier das Schlagwort vom 'guten Lehrer', der über besondere pädagogische Fähigkeiten verfügt?
Prof. Dr. Gerhard Roth: Als Lehrer muss man eine bestimmte Selbstwirksamkeit haben, man muss also an das glauben, was man tut und man muss eine bestimmte Ausstrahlung besitzen, die auf nicht-verbalen kommunikativen Signalen beruht. Ich habe auch solche Lehrer gehabt und sage immer gern: Manche Lehrer können aus dem Telefonbuch vorlesen und die Kinder sind fasziniert, weil es gar nicht so sehr auf den Text ankommt, sondern darauf, wie der Lehrer das macht - das ist faszinierend. Man hat untersucht, woran das liegt und man kann das - zumindest in Grenzen - trainieren.
Dazu auf der didacta
22. 02., 16 Uhr
Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt
Prof. Dr. Gerhard Roth, Neurobiologe und Hirnforscher von der Universität Bremen, berichtet über den neuesten Stand des Wissens über Lernen und Gedächtnisbildung und erläutert die Bedeutung von Aufmerksamkeit, Emotionen und Motivation für den Lernerfolg.
ICS, Raum C6.2.2
23.02., 10 – 16 Uhr
Ein neues Bild vom Lehrer
Steht das Belehren dem Lernen im Wege? Und welchen Beitrag leistet die Hirnforschung zu diesen Fragestellungen? Darüber diskutieren Prof. Dr. Manfred Spitzer, Hirn- und Lernforscher, Ulm; Prof. Dr. Christian Fischer, Pädagogikprofessor, Münster; Sabine Czerny, Lehrerin und Bestsellerautorin, Bayern; Matti Meri , Reformer der Lehrerausbildung, Finnland. Moderation Reinhard Kahl, Journalist und Filmemacher.
ICS, Raum C1.2.1
24. und 26.02
Wie lernen wir eigentlich?
Dieser spannenden Frage geht eine Vortragsreihe auf dem forum bildung nach. Ausgewiesene Experten werden Antworten aus ihren Disziplinen liefern. Am 24.02. spricht um 12:30 Uhr der Lernmethodiker und Lehrerfortbildner Wolfgang Endres zum Thema "Dank Hirnforschung besser lernen – eine graue Theorie?" Am 26.02. um 10 Uhr stellt der Arzt, Neurobiologe und Psychotherapeut Prof. Dr. Joachim Bauer die Frage: "Gibt es eine Neurobiologie der Schule?" Und am selben Tag um 13 Uhr erklärt die Psychologin und Bildungsforscherin Prof. Dr. Elsbeth Stern von der ETH Zürich "Wie Forschung helfen kann, wenn Schülern Lernen schwerfällt".
forum bildung, Stand 1K72
26.02., 11:45 Uhr
Wie Schüler sich besser konzentrieren
Darüber spricht der Chefredakteur FOCUS-SCHULE, Mathias Brüggemeier mit der Psychologin und Bildungsforscherin Prof. Dr. Elsbeth Stern von der ETH Zürich.
Forum didacta aktuell, Stand 5G12
Ein spannendes Thema, was da Prof. Roth bearbeitet.
Was mir allerdings hier in den Antworten fehlt ist die Aussage wie denn die Änderung in der Ausbildung erfolgen kann. Ist es denn nicht so das viele Dozenten die gleichen Probleme wie die Lehrer haben? Aber wie soll einer Wissen vermitteln was er selbst nicht beherrscht?
Zum Punkt: Fortbildung Erkennung Lernschwäche/-störung.
Es gibt genügend Weiterbildunsmöglichkeiten. Mann braucht nur die entsprechende Begriffe ins Internet einzugeben und einige Freizeit zu opfern!
Interessant zu lesen, dass Prof. Roth die Lehrerperson in den Mittelpunkt eines gelingenden Lernprozesses stellt und dem schon seit geraumer Zeit in immer mehr Schulen praktizierten selbstorganisierten und selbstregulierten Lernen eine klare Absage erteilt.
Das erinnert mich an die Aussagen von Prof. Hilbert Meyer ("Was ist guter Unterricht?")- eigentlich der "Vater" des handlungsorientierten Unterrich- tes - wonach der inzwischen viel gescholtene so genannte lehrerzentrierte Unterricht den offenen Unterrichtsformen zumindest bei der Vermittlung von kognitiven Fähigkeiten überlegen sei.
Dennoch würden Lehramtswärter in ihrer Ausbildung scheitern, wenn sie die an sich erfolgreichere Unterrichtsform praktizierten.
Mir scheint aber die Forderung von Prof. Roth nach dem umfassend kompetenten Lehrer, der die ganze Bandbreite an Schülerpersönlichkeiten mit ihren Stärken und Defiziten erfassen soll, so etwas wie die Quadratur des Kreises zu bedeuten.
Ich habe große Zweifel, ob eine einzige Lehrkraft diese Forderung in einer Lerngruppe mit annähernd 30 Schülern praktisch umsetzen kann.
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