"Jedes Kind mit Behinderung soll am Bildungssystem teilhaben"
didacta 2011 Themendienst: Interview mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus
Mehr zu: Baden-Württemberg, Bologna-Prozess, didacta - die Bildungsmesse, Erzieherinnenausbildung, Fachkräftebedarf, Hauptschule, Inklusion, Interviews, Schulgesetz, Weiterbildung, SonderthemenDie größte Bildungsmesse im europäischen Raum findet in diesem Jahr in Stuttgart statt. Wir haben den Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg, Stefan Mappus, nach seinen bildungspolitischen Zielsetzungen gefragt.
Baden-Württemberg prüft derzeit den Bedarf an berufsbegleitenden Studiengängen zur Qualifizierung für den Bereich der frühen Bildung und Erziehung. Wie sieht es konkret mit der Entwicklung solcher Studiengänge in Ihrem Bundesland aus und welche beruflichen Aussichten haben zukünftige Absolventinnen?
Stefan Mappus: In Baden-Württemberg kann derzeit an fünf Standorten ein Bachelorstudium der frühen Bildung und Erziehung in unterschiedlichen Formen in Teilzeit studiert werden. Das Wissenschaftsministerium hat einen landesweiten Verbund zwischen den Hochschulen angeregt. Unser Ziel ist es, einen landesweiten berufsbegleitenden Bachelorstudiengang "Frühe Bildung und Erziehung" einzurichten. Wir gehen von guten beruflichen Aussichten für diese Absolventinnen und Absolventen aus.
Von Lehrerverbänden und der Opposition wird vorgerechnet, dass es den Werkrealschulen schon bald an Schülern fehlen wird. Wird das Konzept dieser als wohnortnah geplanten Schule neu definiert werden müssen?
Stefan Mappus: Die Werkrealschule stellt sich mit ihrer Konzeption bereits jetzt dieser Herausforderung. Mit den beiden Kernkonzepten der individuellen Förderung und der Berufswegeplanung ist es gelungen, schülerorientierte und berufsorientierte Ansätze auf dem Hintergrund des demografischen Wandels zu verbinden. Gleichzeitig wurden im Land Strukturen geschaffen, die eine wohnortnahe Bildung ermöglichen.
Kultusministerin Marion Schick hat jüngst erklärt, dass Baden-Württemberg noch vor den meisten anderen Bundesländern die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention in die Wege geleitet hat. Was heißt das konkret?
Stefan Mappus: Auch hier stehen wir an der Spitze der Entwicklung. Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet alle Vertragsstaaten unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Beteiligung und der Transparenz zu einer Bestandsaufnahme. Der Ministerrat von Baden-Württemberg hat schon im Mai 2010 beschlossen, die Empfehlungen eines eigens eingesetzten Expertenrats flächendeckend umzusetzen. Danach sollen in allen Landesteilen Formen des gemeinsamen Unterrichts von jungen Menschen mit und ohne Behinderung ausgebaut werden. In Schwerpunktregionen werden Erfahrungen gesammelt. Auf dieser Basis ist vorgesehen, das Schulgesetz zum Schuljahr 2013/14 zu verändern. Jedes Kind mit Behinderung soll unabhängig von Art und Schwere der Behinderung am Bildungssystem teilhaben.
Der baden-württembergische Industrie- und Handelskammertag klagt, dass der Fachkräftemangel bereits jetzt deutlich spürbar sei. Welche Konsequenzen zieht das Land?
Stefan Mappus: Dem drohenden Fachkräftemangel begegnen wir mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen: Mit dem Ausbauprogramm "Hochschule 2012", im Rahmen dessen bis 2012 insgesamt 20.000 zusätzliche Studienanfängerplätze, d. h. Studienplätze für rund 80.000 Studierende, geschaffen werden, setzt das Land verstärkt auf die Förderung arbeitsmarktrelevanter Studienangebote. Vor allem an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg und den Hochschulen für angewandte Wissenschaften werden neue innovative Studiengänge etabliert, ich nenne nur den Arztassistenten oder die Studiengänge mit engem Bezug zur Elektromobilität. Vier von zehn Studienanfängerplätzen werden im Bereich der MINT-Fächer und weitere vier im Bereich der Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften geschaffen. Mit den zusätzlichen Studienanfängerplätzen sind unsere Hochschulen nicht nur besonders gut für die Herausforderungen des Abiturjahrgangs 2012 gewappnet, vielmehr leisten wir damit einen unmittelbaren Beitrag, die junge Generation bestmöglich auszubilden und damit dem Fachkräftemangel vorzubeugen. Und das zahlt sich aus: So stieg die Zahl der Studienanfänger (im 1. Hochschulsemester) seit 2007 um mehr als 21 Prozent, obwohl noch nicht alle Studienanfängerplätze des Programms eingerichtet sind.
Wirklich stolz sind wir auch auf das im Dezember 2010 unterzeichnete "Bündnis zur Stärkung der beruflichen Ausbildung und des Fachkräftenachwuchses in Baden-Württemberg 2010-2014". Gemeinsam mit Wirtschaft, Gewerkschaften, Bundesagentur für Arbeit und Kommunen wollen wir sicherstellen, dass möglichst allen Jugendlichen geeignete Ausbildungsplätze angeboten werden können. Wir haben seit 2010 auch die Möglichkeiten zum individuellen Studium ohne Abitur deutlich ausgeweitet. Mehrere Hochschulen entwickeln bereits spezifische Studienangebote an die Zielgruppe beruflich Qualifizierter.
Baden-Württemberg will als erstes Bundesland Pflegeberufe auch für Schulabbrecher und Langzeitarbeitslose öffnen. Mit welcher Art Ausbildung und welchen Berufschancen?
Stefan Mappus: Wir wollen im Pflegebereich attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten für verschiedene Bildungsniveaus schaffen. Daher möchten wir eine Qualifikationskette von den einfachen Versorgungs- und Betreuungstätigkeiten bis hin zum Master in Pflegewissenschaften einrichten und somit möglichst viele Interessierte ansprechen. Dabei gehen wir ganz bewusst auch auf Menschen mit niedriger Qualifikation oder ohne Hauptschulabschluss sowie Langzeitarbeitslose zu und bieten ihnen praxisorientierte zweijährige Ausbildungsgänge zur Alltagsbetreuerin bzw. zum Alltagsbetreuer an. Ihre Aufgabe liegt dann im Bereich der alltäglichen Betreuung und Versorgung alter, pflegebedürftiger Menschen sowie von Menschen mit Behinderungen. Dieser Ausbildungsgang endet mit einer Abschlussprüfung und vermittelt zugleich einen dem Hauptschulabschluss vergleichbaren allgemeinbildenden Schulabschluss. Mit diesem Abschluss ist der Zugang zum einjährigen Ausbildungsgang Altenpflegehilfe und bei gutem Erfolg auch zum dreijährigen Ausbildungsgang Altenpflege eröffnet. Im Rahmen der Altenpflegeausbildung kann begleitend auch die Fachhochschulreife erworben werden. Es besteht dann die Möglichkeit zur Aufnahme einschlägiger Bachelor-Studiengänge wie beispielsweise der Pflegewissenschaften.
Seit diesem Wintersemester können Meister und Absolventen gleichwertiger Fortbildungen ebenso wie Abiturienten in Baden-Württemberg studieren. Wie wird dieses Angebot genutzt?
Stefan Mappus: In den letzten zwei Jahren hat sich die Zahl der beruflich qualifizierten Studienanfänger fast verdoppelt. Das ist erfreulich und zeigt, dass die Öffnung der Hochschulen zusätzliches Fachkräftepotenzial aufdeckt. Junge Menschen mit unterschiedlichsten Bildungsbiografien nutzen bereits seit Jahren die Möglichkeit, über ihre berufliche Qualifikation an die Hochschulen zu gelangen. Seit dem Wintersemester 2010/11 haben aber auch Meister und Absolventen gleichwertiger beruflicher Fortbildungen einen allgemeinen Hochschulzugang. Sonstige beruflich Qualifizierte mit mindestens zweijähriger Berufsausbildung können zudem eine fachgebundene Zugangsberechtigung durch Bestehen einer Eignungsprüfung erwerben.
Bereits zum dritten Mal hat Baden-Württemberg das Förderprogramm "Wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere Akademikerinnen und Akademiker" ausgeschrieben. Welche Ergebnisse liegen aus den ersten beiden Runden vor?
Stefan Mappus: Im Zuge der ersten Ausschreibung konnte das Projekt "Naturwissenschaftliche Didaktik für die Ganztagesbetreuung an Schulen und sonstigen pädagogischen Einrichtungen - Weiterqualifikationslehrgang für BiologInnen und AkademikerInnen aus angrenzenden Disziplinen (NaDiQuAk)" der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe die Gutachterkommission klar überzeugen. Der umgesetzte Lehrgang berücksichtigt sowohl neue Erkenntnisse der didaktischen Erwachsenenbildung als auch der Lehr- und Lernforschung. Er bietet überdies eine enge Verzahnung von Online-Modulen, Präsenz-Phasen und Praktika. Das breite Echo bei den Teilnehmern hat die Pädagogische Hochschule dazu animiert, ihr Angebot ab 2011 noch zu erweitern. Das Projekt wird derzeit mit rund 477.000 Euro aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert. Dem Wissenschaftsministerium ist es gelungen, im Jahr 2010 drei weitere Projekte der Universität Hohenheim, der Universität Stuttgart und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe nach erfolgreicher gutachterlicher Prüfung mit einem Gesamtvolumen von rund 854.000 Euro der EU zur Förderung aus dem Europäischen Sozialfonds zu empfehlen.
Dazu auf der didacta
Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus wird am 24.Februar um 14:15 Uhr im Forum Ausbildung/Qualifikation den Weiterbildungs-Innovations-Preis (WIP 2011) verleihen.
ist es nicht vollkommen widersprüchlich an einem dreigliedrigen Schulsystem festzuhalten und zeitgleich immer mehr neue Studiengänge zu kreieren. Wenn man eh von einer weiteren Bildungsexpansion ausgeht und damit eingesteht, dass all diese jungen Leute aufgrund einer höheren Bildungsaspiration doch noch studieren werden und auch geistig in der Lage sind, höhere Abschlüsse zu erreichen, so könnte man als letzte logische Konsequenz daraus eigentlich ja gleich das Schulsystem wie anderswo zu einer Gemeinschaftsschule umformieren. Dann erspart man einigen auch diverse Doppelqualifikationen.
eigentlich sollte man auch in jeder sogenannten Ausbildung immer auch allgemeinbildende Anteile haben und damit einen höheren Schulabschluss ermöglichen.Schön, dass es diesem Land erst jetzt einfällt - jetzt hab ich zweimal die Chance verpasst, in einer sogenannten "qualifizierenden Ausbildung einen höheren Bildungsabschluss zu erhalten - wurde nicht angeboten - also noch mal 3 Jahre Abendschule für einen Abschluss, den man mir schon längst hätte ermöglichen können. Wir brauchen auch keine Parallelausbildungen für Realschüler - die sind nicht dümmer als Gymnasiasten.Aber die Qualität mancher Ausbildungen erscheint mir mit Absicht niedriger gehalten zu werden, weil man derartiges meint.
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